02.08.2022

Bericht aus Bulgarien (217) - "Zweiter Oktober"

Flohmarktfund

Gestern bin ich wieder nach Montana ausgeritten und habe auf dem Flohmarkt, der immer Montagvormittags in der Hauptstadt der ärmsten Region des Landes stattfindet, endlich das gefunden, wonach ich nun schon Monate suche: ein kleines Radio für die Küche. Ausgerechnet jetzt, wo die Nachrichten im Radio dröge geworden sind, weil das Land am Rand keine Regierung mehr hat, zumindest keine gewählte. Die gewählte wurde neulich mittels Misstrauensvotum abgewählt, ich habe unter anderem hier darüber berichtet. Eine Mehrheit hatte sie von Anfang an nicht. Wir auch? Bei 60 Prozent Nichtwähler! Am Samstag gab es die letzte Sitzung im Parlament. Eine geschäftsführende Regierung regiert derzeit das Land. Eine ähnliche Situation gab es nach der vorletzten Wahl auch in Deutschland. Da hatten wir auch über Monate, wenn ich mich richtig erinnere, keine gewählte Regierung. Mama Merkel hat einfach weiter regiert. Doch zurück zu Bulgarien, wo am zweiten Oktober, also heute in zwei Monaten, erneut gewählt wird. Zählt man die Wahl des Präsidenten mit, ist das die fünfte Wahl innerhalb von anderthalb Jahren. Auch hier ist Bulgarien Deutschland wieder einmal voraus. Über eine der Wahlen in Bulgarien im letzten Jahr hatte ich an dieser Stelle geschrieben. Möglicherweise gehe auch ich wieder wählen, auch wenn ich nicht daran glaube, dass Wahlen was ändern. Sonst wären sie bekanntlich verboten. Ich halte mich da an Alexis Sorbas, der in die Kirche ging, um nicht als Freimaurer zu gelten. Obwohl, warte mal, muss ich bei 60 Prozent Nichtwähler wirklich wählen gehen, um nicht als Freidenker, wenn nicht gar Querdenker zu gelten. Ich bin mir gerade nicht sicher, auch weil es den Querdenker mal wieder gar nicht gibt in Bulgarien. Was die Begrifflichkeiten angeht, andere Menschen kollektiv abzuwerten, da ist Deutschland auch heute wieder vorneweg. Fällt mir gerade ein: Bei dem Interview, das ich neulich im bulgarischen Parlament geführt habe, wurde ich von dem Politiker gefragt, ob es, wenn es den Über-Menschen gibt, nicht automatisch immer auch den Unter-Menschen geben muss. Eine Frage, die ich gerne an meine Leser weitergebe.

Foto&Text TaxiBerlin

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