16.05.2022

Bericht aus Bulgarien (138)


Sommerdusche mit Ausblick

Heute möchte ich nun endlich über meine Sommerdusche schreiben, so wie ich es bereits vor Tagen angekündigt hatte. Meine Sommerdusche ist ein großes Fass, was ich bereits vor Jahren schwarz angemalt habe, weil es ursprünglich hellblau war. Ein dunkle Farbe, am besten schwarz, ist besser, weil die Sonne dann das Wasser, was sich im Fass befindet, wärmer macht. Im Sommer, wenn es ganz doll heiß ist in Bulgarien, mit 40 Grad im Schatten und so, ist das Wasser in meiner Sommerdusche richtig schön pisswarm. Im Moment ist es das noch nicht, was auch ein Grund ist, dass ich jeden Tag immer noch in den Wald in mein kleines Mineralbad gehe. Dort fließt kontinuierlich etwa 30 Grad warmes Mineralwasser ins Becken. Bisher war ich dort immer alleine, aber langsam kommen die Wanderer aus ihren Löchern, die wenigen, die noch im Land verblieben sind, die meisten sind ja ausgewandert. Manche von ihnen laufen auch an meiner Hütte vorbei, weswegen meine Sommerdusche einen Sichtschutz hat – das Handtuch. Meine Sommerdusche steht auf einem Podest, damit das Fass die nötige Höhe hat. Der Podest ist aus Steinen, die ich jedes Jahr aufs Neue aufschichten muss, weil ich sie nicht draußen lassen will, damit sie mir keiner klaut. Apropos klauen: dieses Jahr werden es 20 Jahre, dass ich die Hütte habe, und noch nie wurde mir etwas geklaut. Doch zurück zur Sommerdusche. Da ich auch beim Duschen sparsam bin, reicht das Wasser im Fass meiner Sommerdusche etwa eine Woche. Dann muss ich es auffüllen. Mein Boiler im Keller bleibt im Sommer komplett ausgeschaltet. Das wenige Geschirr, was ich brauche, wasche ich kalt ab. Beim Duschen habe ich den phantastischen Ausblick auf die Berge des Balkans, von dem ich schon öfters Fotos hier auf meiner Seite veröffentlicht habe, und der vielleicht das schönste ist am Sommerduschen überhaupt.

Foto&Text TaxiBerlin

 

15.05.2022

Bericht aus Bulgarien (137)


Am Mittwoch vor dem Parlament in Sofia


Der Protest am Mittwoch in Sofia hatte einmal mehr das Ziel, die amtierende bulgarische Regierung unter Kiril Petkow zu stürzen. Ganz genau sollte sie aber nicht gestürzt werden, sondern sie sollte und soll immer noch zurücktreten, so wie es auf obigem Spruchband zu lesen ist: „Rücktritt der Marionette Kiro Petkow! Wegen hineinziehen Bulgariens in den Krieg der USA gegen Russland in der Ukraine!“

Dass der Krieg in der Ukraine ein Stellvertreterkrieg wischen der USA und Russland ist, das ist den meisten Menschen in Bulgarien klar. In Deutschland ist es, wie so vieles andere auch, mal wieder umgedreht. Oskar Lafontaine gehört dort einer Minderheit an, die eine einfache Wahrheit offen ausspricht. Dass das so ist, dafür schäme ich mich auch als halber Deutscher selbst in den Schluchten des Balkans noch.

Kiril Petkow, der (noch) amtierende Regierungschef Bulgariens, scheint diese simple Wahrheit auch nicht zu kennen. Aber nicht nur das. Er kann offensichtlich auch nicht rechnen, denn er hat sich, wie aus dem Bulgarischen Nationalradio "Christo Botew" zu erfahren war, Anfang der Woche bei seinem Besuch in Washington amerikanisches Gas aufschwatzen lassen, das, obwohl vom andere Ende der Welt geliefert, immer noch billiger sein soll als russisches Gas. Und das, obwohl er in Harvard studiert hat – oder vielleicht gerade deswegen.

Foto&Text TaxiBerlin

14.05.2022

Bericht aus Bulgarien (136)


Georgi Alexejew am 4. Mai in Sofia

Am Mittwoch in Sofia auf dem Protest habe ich neben Demonstrationsteilnehmern, die ich kenne, weil sie wie ich regelmäßig zu den Protesten gehen, auch Georgi Alexjew, den obersten für das Parlament und die Regierung zuständigen Polizisten wiedergetroffen, ich hatte hier über ihn geschrieben. Auch Georgi Alexejew und ich grüßten uns per Handschlag, verbunden mit der Frage nach der Befindlichkeit des anderen.

Georgi Alexejew am 11. Mai auf der Adlerbrücke

Georgi Alexejew geht es gut, erfuhr ich, so wie mir. Er erfuhr weiter von ihm, der sich den Beitrag über ihn auf meiner Seite angesehen hat, ich hatte ihm dafür meine Karte gegeben, dass er eigentlich keine Uniform tragen müsse, er es aber aus Verbundenheit mit seinen Leuten mache. Die Frage hatte sich ergeben, weil ich ihn auf dem letzten Protest, als man versuchte, das Denkmal für sie Sowjetische Armee mit einer Ukrainischen Flagge zu verhüllen, in Zivil gesehen hatte.

Tante Wanja mit Georgi Alexejew und seinen Leuten

Ich erzählte Georgi Alexejew von meinem Dorf, und dass ich mich dort wohl fühle. Der oberste Polizist kannte zwar nicht mein Dorf, aber die Gegend. Den meisten Bulgaren ist die ärmste Region ihres Landes bekannt, was vor allem an dem Nachbarstädtchen meines Dorfes liegt, der mit einer knapp 130-jährigen Tradition einer der ältesten Kurorte Bulgariens ist, und in dem es wie in meinem Dorf eine Mineralwasserquelle gibt. Im Ausland ist der Kurort wie die gesamte Region weitgehend unbekannt, obwohl es im Kurort Bauten gibt, die an Bad Homburg erinnern, die leider seit Jahren verfallen.

Das Gespräch mit Georgi Alexejew fand vor dem Ministerrat, dem Sitz der bulgarischen Regierung, statt. Später sah ich ihn auf der einen Kilometer entfernten „Orlow Most“ (Adlerbrücke) wieder. Der Protest war für Georgi Alexejew und seine Leute zur Nebensache geworden, lieber unterhielten sie sich mit einer Frau, die auf ihrem kleinen Klappstuhl auf der Brücke saß und eine bulgarische Fahne in der Hand hielt.

Ihr Name war Wanja, Tante Wanja, weswegen man sie in der Sowjetunion, wo sie zu sozialistischen Zeiten war, ausgelacht hat. Tante Wanja hat also noch eine Rechnung offen mit dem Russen, wenn man so will. Trotzdem möchte auch sie, so wie 80 Prozent der Bulgaren, dass Bulgarien im Ukrainekrieg neutral bleibt und nicht gegen Russland in den Krieg ziehen. Tante Wanja ist der lebende Beweis, dass das mit prorussisch nichts zu tun hat. Denn Tante Wanja hat ja wie gesagt noch eine Rechnung mit den Russen offen.

Während Tante Wanja erzählte, sah sie, dass ich Fotos machte, was sie nicht wollte, und was ich respektiere, deswegen die Balken in den Bildern. Georgi Alexejew sagte daraufhin zu ihr, dass sie sich keine Sorgen machen solle, weil er mich kennen würde, ich in Ordnung sei, und dass ich aus Deutschland käme, was Tante Wanja aber egal war. Auch dafür habe ich Verständnis. Über den Einsatz von Georgi Alexejew habe ich mich gefreut. In Bulgarien läuft ohne persönliche Kontakte nichts, auch auf dem Protest.

Doch zurück zu Tante Wanja, die man in der Sowjetunion wie gesagt ausgelacht hat, was daran lag, dass Wanja dort ein männlicher Name, besser Spitzname ist, und sie aber eine Frau. Der bekannteste Wanja ist „Onkel Wanja“ von Tschechow, der nicht mehr aufgeführt werden darf in der Heimat. Ein Grund mehr, nach Bulgarien zu kommen. Hier darf „Onkel Wanja“ noch aufgeführt werden, und auch „Tante Wanja“ noch auf der „Orlow Most“, der Adlerbrücke, sitzend sich mit dem obersten Polizisten Georgi Alexejew und seinen Leuten unterhalten.

Auch der Protest am letzten Mittwoch verlief absolut friedlich, so dass man sich als Tourist auch ohne weiteres in einen solchen stürzen kann, so wie ich es mache. Ein kleines, aber nicht unwichtiges Detail habe aber auch ich beim letzten Protest verpasst, was daran lag, dass ich in dem Moment am anderen Ende des Protestes war, der mit etwa 4.000 Menschen alles andere als klein war.

Verpasst habe ich ein Happening, bei der mit einer Leiter versucht wurde, die Ukrainische Flagge vom vielleicht fünf Meter hohen Balkon des Rathauses von Sofia zu holen. Die Begründung der Protestierenden war, dass hier Bulgarien und nicht die Ukraine ist, und dass das nicht der Krieg der Bulgarien, sondern ein Krieg zwischen der USA und der NATO und Russland ist.

Das Leiter-Happening muss vorher bekannt gewesen sein, denn die Demonstrierenden wurden am Rathaus von Polizisten in Kampfuniform und Helm auf dem Kopf erwartet. Auch dieses Aufeinandertreffen verlief, im Gegensatz ähnlichen Zusammentreffen in Berlin in der Vergangenheit, absolut friedlich. Es war ja auch „nur“ ein Happening, also eine Kunstaktion.

Eine Kunstaktion, die auch wenn die Flagge nicht vom Balkon geholt wurde, noch etwas bedeutete, im Gegensatz zum Gros der Kunst in Deutschland, die ohne Bedeutung, wenn nicht sogar Negativ-Kunst ist. Bevor alle Protestierenden zum Regierungssitz weitergezogen waren, waren schon sämtliche Polizisten in Kampfuniform vom Rathaus in Sofia abgezogen worden, was aber schon wieder eine andere Geschichte ist.

Eine andere "alte" Bekannte, in Wirklichkeit eine junge Frau,
die mir mit ihrem Schild immer wieder auf den Protesten begegnet

Fotos&Text TaxiBerlin

13.05.2022

Bericht aus Bulgarien (135)


Macht Liebe, aber keinen Krieg!!!
Denn ohne ihr bleiben wir wenige!

Am heutigen Freitag den 13. möchte ich 13 Fotos von mir vom letzten Protest am Mittwoch veröffentlichen, bei dem es einmal mehr darum ging, die Regierung zu stürzen, die in dem Moment aber noch in Washington war. Was sie dort gemacht hat, ist immer noch unklar. Offiziell hat Ministerpräsident Kiril Petkow mit Joe Biden über die Bekämpfung der Korruption in Bulgarien gesprochen, was die meisten Bulgaren für einen Witz halten.

Da das mit dem Regierung stürzen nun erst einmal ausfallen musste, brauchte die Demonstration am Mittwoch in Sofia ein anderes Motto, und das war: „Macht Liebe, statt Krieg!“ Dieses Motto ist für Bulgarien besonders wichtig ist, weil die Bulgaren am Aussterben sind, und das ganz ohne Krieg. Unter diesem Gesichtspunkt habe ich jedes Bild ausgesucht. Sie sind also "Handverlesen" und sagen hoffentlich mehr als tausend Worte.

Ganz persönlich erlaube ich mir dem Motto „Macht Liebe, statt Krieg!“ folgendes hinzuzufügen: „Und wenn ihr keine Liebe machen könnt, dann seid wenigstens nett zueinander.“













Fotos&Text TaxiBerlin

12.05.2022

Bericht aus Bremen (2)


Rathaus Bremen

Nachdem der erste Bericht von Joachim so gut angekommen ist bei meinen Lesern, habe ich ihn um eine Fortsetzung gebeten. Der Leser meines Blogs aus Bremen war so freundlich, meiner Bitte zu entsprechen. In seinem zweiten Beitrag, der den Titel "Gegengifte" hat, schreibt Joachim darüber, wie er sich auf seinen Bulgarienbesuch vorbereitet. Obwohl der Titel durchaus seine Berechtigung hat, und auch ich zu ihm beigetragen habe, würde ich in dem Fall eher von "Giften" reden. "Gifte", die in der Heimat sogar mit (Buch-)Preisen bedacht wurden und die vielleicht zu verstehen helfen, wenn es in der Heimat so viel Unverständnis über und manchmal sogar zwischen zwei Buchdeckeln gepressten Hass auf Bulgarien und Bulgaren gibt. Deswegen halte ich das von mir empfohlene und in dem Bericht von Joachim erwähnte Buch "Apostoloff" für durchaus lesenswert, obwohl die Autorin eher auf die Coach als ihr Buch ins Buchregal gehört.

Gegengifte

Mein Vorhaben mir Bulgarien näher zu bringen mithilfe eines Liebesromans an Bulgarien, wird von Rumen sachte torpediert. Er sendet mir Buchtitel, von bulgarischen Autoren und Autorinnen. Sie seien ihm noch eingefallen und er wolle sie mir empfehlen.

Das war Sonntag gewesen, als ich bei schönem Wetter die norddeutsche Tiefebene erkundete. Man sollte keine Nachrichten abrufen bei Schönwetter-Fahrten und Stadtbesichtigungen. So eine Mail mit Hinweisen auf Buch-Empfehlungen lässt mich ja nicht kalt. Besonders nicht, wenn sie von einem Kenner kommt, der Rumen heißt und in den Schluchten des Balkans wohnt.

Ich habe mir eines sofort besorgt. Das "Will-haben-Syndrom" wirkt bei mir leider sehr schnell, ganz besonders, wenn es sich um Bücher handelt. Bestimmt wäre ich bei einem Marshmallow-Test zur Selbstkontrolle und Bedürfnisaufschiebung krachend durchgefallen. Ausgesucht, bestellt, heruntergeladen, das ging alles schnell. Nun liegt das Buch vor mir oder das, was ein eBook Reader zeigt - es heißt "Apostoloff" und ist geschrieben von Sibylle Lewitscharoff. Frau Lewitscharoff ist wie Rumen Halb-Bulgare und ihr Buch wurde im Jahr 2010 veröffentlicht. Rumen meinte nicht nur, dass es mir als Gegengift zu den "111 Gründe Bulgarien zu lieben" taugt. Es sei auch eine Art Roadmovie, da hier zwei Schwestern durch Bulgarien reisen, wovon die Ich-Erzählerin eine Bulgarienhasserin ist. Außerdem führen sie in einem Auto durch Bulgarien, dessen Chauffeur auch Rumen hieße, Rumen Apostoloff.

Da kommt schon einiges zusammen, was mich jede Selbstkontrolle verlieren und die Seite meines Lieblings eBook Dealers aufrufen lässt. Nein, nicht die Firma aus dem Silicon Valley, die habe ich schon seit einigen Jahren nicht mehr auf dem Schirm, ebenso wie Google und Meta, das ehemalige Facebook. Mein eBook Dealer hat seinen Stammsitz seit 425 Jahren im schwäbischen Tübingen und ist somit vorerst einmal unverdächtig hinsichtlich der Datensammelei. Ein Roadmovie, ein Protagonist namens Rumen, eine Ich-Erzählerin, die Bulgarien hasst und aus Süddeutschland stammt, wo auch ich lange Zeit lebte. Dies reichte aus, meine Neugier zu wecken und noch am Sonntagabend mit dem Lesen zu beginnen.

Ihr Vater kam nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland, genauer gesagt, emigrierte er zusammen mit neunzehn anderen Bulgaren nach Stuttgart, der schwäbischen Metropole. Auch das ist spannend, denn was hat dies für Auswirkungen auf eine Familie, wenn einer seine Heimat verlässt und sein Glück woanders, nämlich in Deutschland sucht? Vielleicht gibt das Buch auch hierzu eine Antwort, denn der Bulgarienhass der Ich-Erzählerin wird gespeist durch ihren Vaterhass. Sie kann es ihm nicht verzeihen, dass er sich früh das Leben nahm und ihr als Vater nicht mehr zur Verfügung stand.

Alle, die jetzt erwarten, den ganzen Inhalt des Buches erzählt zu bekommen, muss ich leider enttäuschen, ich bin erst ganz am Anfang. Aber in punkto Gegengift konnte ich schon etwas aufschnappen: "Das bulgarische Essen? Ein in schlechtem Öl ersoffener Matsch. Der Fisch ein verkokelter Witzfisch. Bulgarische Kunst im zwanzigsten Jahrhundert? Abscheulich, und zwar ohne jede Ausnahme. Die Architektur, sofern nicht Klöster, Moscheen oder Handelshäuser aus dem neunzehnten Jahrhundert? Ein Verbrechen." 

Ich mag es nicht glauben und muss es herausfinden: Ist es dort wirklich so schlimm?

Foto&Text JoachimBremen

11.05.2022

Bericht aus Bulgarien (134)


Kostadin Kostadinow im Interview
letzten Mittwoch vor dem bulgarischen Parlament in Sofia

Dass der bulgarische Ministerpräsident Kiril Petkow gestern und vorgestern in Washington war, habe ich nicht aus dem Radio, sondern aus dem Internet erfahren. Er soll sich dort mit Joe Biden getroffen und mit ihm über die Bekämpfung der Korruption in Bulgarien gesprochen haben. Ausgerechnet mit dem amerikanischen Präsidenten über die Korruptionsbekämpfung in Bulgarien zu sprechen, darauf muss man erst einmal kommen. Wahrscheinlich hat das Bulgarische Nationalradio „Christo Botew“ das für einen Witz gehalten und deswegen nicht darüber berichtet.

Ministerpräsident Petkow hat auch mit „Fuck the EU“ Victoria Nuland gesprochen, die neulich noch zugeben musste, dass die USA in der Ukraine Bio-Laboratorien unterhalten hat (warum eigentlich? und wofür?), die jetzt dem Russen in die Hände gefallen sind. In dem Zusammenhang fällt mir das Buch „Wie wir sterben. Ein Ende in Würde? von Victoria Victoria Nulands Vater Sherwin B. Nuland ein, das ich empfehlen kann, auch seiner Tochter.

Dann ist Petkow in Washington noch ganz zufällig mit Weltbank-Präsident David Malpass zusammengetroffen und hat sich bei der Gelegenheit seine Belohnung für die Abstimmung im bulgarischen Parlament abgeholt. Letzten Mittwoch hat dort eine Mehrheit für „militärtechnische Hilfe“ für die Ukraine gestimmt. Bulgarien ist seither Kriegsteilnehmer am Stellvertreterkrieg zwischen der USA und Russland, obwohl 80 Prozent der Bulgaren dagegen sind.

Außerdem wurde über „Bulgariens Energieunabhängigkeit und -sicherheit nach dem Ende der Erdgaslieferungen“ Russlands gesprochen, was wohl heißen soll, dass der Bulgare von seiner Weltbank-Belohnung gefälligst teures Freckinggas vom Amerikaner zu kaufen hat. Bulgariens Energieminister Alexander Nikolov, der mit nach Washington gekommen war, wird das direkt vor Ort abgenickt haben.

Über den Stellvertreterkrieg in der Ukraine wurde natürlich auch gesprochen, dafür hatte Petkow seinen Verteidigungsminister Dragomir Zakov mit nach Washington gebracht. Der Umstand, dass nur die stellvertretende Außenministerin Velislava Petrova mit von der Party war, deutet darauf hin, dass über Verhandlungen mit Russland anstelle von Krieg in der Ukraine eher nicht gesprochen wurde.

Krieg in der Ukraine ist nur für den Europäer schlecht, nicht für den Amerikaner. Nulands „Fuck the EU“ gilt nicht nur weiterhin, sondern mit dem Krieg in der Ukraine mehr denn je. Donald Trump hat, warum auch immer, Vicoria Nuland nicht rausgekickt aus dem Außenministerium. Er hätte Europa damit einen großen Gefallen getan. Vielleicht hatten sie ja was miteinander. Bekannt geworden ist darüber nichts, aber „Trump fucked ‚Fuck the EU’ Nuland“ wäre keine schlechte Schlagzeile gewesen.

Die Bulgaren wollen sich auf jeden Fall nicht f***en lassen, deswegen gehen sie heute schon wieder auf die Straße. Ob Petkow dann bereits wieder aus Washington zurück ist, ist genauso ungewiss wie die Frage, ob ich es rechtzeitig zur Demo um 18 Uhr nach Sofia schaffe (auch in Varna am Schwarzen Meer wird demonstriert). Irgendetwas hat gestern angeschmort gerochen unter der Motorhaube meines Autos, komische Klänge hat es dort schon seit einiger Zeit immer mal wieder gegeben.

Gerade kommt Kostadin Kostadinow, der Chef der Partei „Wiedergeburt“, im Bulgarischen Nationalradio „Christo Botew“ zu Wort und erklärt dort, dass Bulgarien derzeit keine Regierung habe, weil die amtierende Regierung nicht die Interessen der bulgarischen Bevölkerung vertritt, die zu 80 Prozent eine Neutralität ihres Landes im Stellvertreterkrieg zwischen den USA und Russland wünscht. Auch von ihm noch einmal der Hinweis auf die heutige Demonstration vor dem Parlament in der bulgarischen Hauptstadt.

Später am Tag lese ich in der Neuen Zürcher Zeitung unter der Überschrift „Bulgariens schwerer Abschied von einem übermächtigen Freund“ folgenden Satz: „Es geht auch um die grundlegende Frage, ob Völker überhaupt Freunde sein können.“ – Eine Frage, die die USA so beantwortet hat, dass Amerika keine dauerhaften Freunde oder Feinde, sondern nur Interessen hat. Die Frage, die sich mir stellt, ist nun, warum die altehrwürde NZZ aus der neutralen Schweiz nicht auf die Idee kommt, dass das Interesse Bulgariens Neutralität ist. Dasselbe, was die Schweiz für sich beansprucht.

Foto&Text TaxiBerlin

10.05.2022

Bericht aus Bulgarien (133)


Taxis in der bulgarischen Hauptstadt Sofia

Ein Militärexperte meinte gestern im Bulgarischen Nationalradio „Christo Botew“, dass die von der amtierenden bulgarischen Regierung versprochene „militärtechnische Hilfe“ für die Ukraine ein Witz sei, weil man schon für die paar russischen Panzer und Migs im eigenen Land nicht genug Ersatzteile hätte. Schwer zu sagen, ob das mit den Ersatzteilen stimmt. Dass es nur eine Handvoll Panzer und Kampfflugzeuge russischen Fabrikats sind, über die die bulgarische Armee verfügt, das stimmt auf jeden Fall. Für mich ist vor allem interessant, wer und welche Themen zu Wort kommen im staatlichen bulgarischen Rundfunk, der ganz ohne Zwangsgebühren auskommt.

Vorhin ging es dort beispielsweise um die „Anti-Krisen-Maßnahmen“, die seit Ausbruch des Krieges die „Anti-Corona-Maßnahmen“ abgelöst haben. Da die „Anti-Krisen-Maßnahmen“ unten nicht ankommen, möglicherweise weil sie oben gar nicht ernst gemeint sind, werden gerade Straßen blockiert in Bulgarien, und zwar von der Transportbranche, zu der auch das Taxigewerbe gehört, der man angesichts der hohen Spritpreise Hilfen zugesichert hatte.

Um Corona geht es praktisch gar nicht mehr. Das Wort „Anti-Corona-Maßnahmen“ habe ich schon ewig nicht mehr gehört. Das Virus scheint Winterschlaf zu machen, und das mitten im Sommer. Immerhin ist gestern noch ein Bulgare an, mit oder im Zusammenhang mit Corona verstorben. Auf den bulgarischen Straßen haben an dem Tag mit Sicherheit mehr Menschen ihr Leben verloren. 

Am Mittwoch nächster Woche, der 18.Mai, will die Transportbranche den Verkehr auf sämtlichen Straßen in allen Orten des Landes lahm legen, aber nicht um dort Leben zu retten, sondern aus Protest gegen die nicht ankommenden „Anti-Krisen-Hilfen“ im Rahmen der „Anti-Krisen-Maßnahmen“. Möglicherweise bahnt sich in Bulgarien gerade ein ähnliches Szenario an wie neulich in Kanada.

Die bulgarischen Trucker und Taxifahrer sind aber keine „Corona-Maßnahmen-Kritiker“, sondern „Krisen-Maßnahmen-Kritiker“, wobei es bei einer Impfquote von 30 Prozent große Schnittmengen geben dürfte. Ganz genau sind sie keine „Krisen-Maßnahmen-Kritiker“, denn sie kritisieren nur, dass die von der Regierung im Rahmen der „Anti-Krisen-Maßnahmen“ versprochene Hilfen nicht bei ihnen ankommen. Die bulgarischen Trucker und Taxifahrer sind also in erster Linie „Regierungs-Politik-Kritiker“.

Einer Regierung, deren Tage möglicherweise gezählt sind, geht es nach der Diagnose eines Politikpsychologen, der ihr neulich noch „völlige Verblödung“ (auf bulgarisch: „pülen kretinism“) attestiert hat, und der deswegen mit Neuwahlen noch in diesem Monat rechnet. Auch das im Bulgarischen Nationalradio „Christo Botew“.

Dort spricht gerade ein Soziologieprofessor, der meint, dass 99 Prozent der Menschen gar nicht mitkriegen würden, was gerade passiert – Stichwort: „The Great Reset“. Ich dachte, ich hätte mich verhört, weil mir 99 Prozent etwas viel vorkam, aber der Professor wiederholt jetzt die Zahl noch einmal und sagt dazu, dass er nicht nur Bulgaren, sondern alle Menschen meint, und dass das schon immer so war, was mich irgendwie beruhigt.

PS: Während ich diesen Bericht schreibe, wird im Radio der geplante Beitritt Bulgariens zum Euro diskutiert, wogegen jetzt plötzlich alle sind, sowohl die Anrufer als auch die Moderatorin. Die Frage ist, ob der Grund die steigende Inflation in der Euro-Zone oder in Bulgarien ist. In dem Zusammenhang höre ich gerade einen neuen Begriff: „Anti-Inflations-Politik“. Ich persönlich halte die Frage, wo die Inflation höher ist, in der Euro-Zone oder in Bulgarien, für marginal. Aber sie ist wohl wichtig, um später dem anderen den Schwarzen Peter fürs ewige Gelddrucken (Stichwort: „Eurorettung – koste es, was es wolle“, und wenn es eine Inflation ist) zuschieben zu können, denn Schuld sind bekanntlich immer die anderen.

PPS: Meinen Bericht überarbeitend höre ich gerade noch von einem neuen Cocktail mit dem Namen „Long Covid“ – „For ever Lockdown“ gab es vorher schon. Auch wenn beide Cocktails für mich als trockener Taxifahrer uninteressant sind, rechne ich mit weiteren Wortschöpfungen wie „Inflationäre Stagflagtion“ und den „Eine Milliarde Lewa Cocktail“. Ich selbst bleibe bei Mineralwasser, dass ich mir Downtown bei mir im Dorf selbst und umsonst abfülle.

PPS: Parallel zu meinem Bericht schreibe ich an einem „Businessplan“ fürs Berliner Arbeitsamt. Mit seiner Hilfe, ich hoffe, es gibt sie noch, will ich „Desillusionist“ zu werden

Foto&Text TaxiBerlin

09.05.2022

Bericht aus Bulgarien (132)


Am Mittwoch in Sofia vor dem bulgarischen Parlament

In Bulgarien gibt es seit kurzem eine Initiative mit dem etwas sperrigen Namen „Gesamtbulgarischer Marsch für Frieden und Neutralität“. Eine der Mitinitiatorinnen der Initiative ist Sarnela Vodenicharowa, die auf obigem Foto die Frau rechts ist, die der anderen Frau etwas ins Ohr flüstert. Dass Frau Sarnela Vodenicharowa flüstert, flüstern muss, bedeutet aber nicht, dass sie in irgendeiner Weise konspirativ wäre – das nicht. 

Eher das Gegenteil, denn Sarnela Vodenicharowa ist eine Aufklärerin, die in Bulgarien bereits über den Ausverkauf von Bodenschätzen, und da an erster Gold, aber auch von Wasserquellen (kein Witz, in Bulgarien wurden Wasserquellen privatisiert, die neuen Besitzer kommen u.a. aus Kanada) und über genmanipulierte Nahrungsmittel berichtet hat. Konspirativ dürften eher diejenigen sein, die mit dem, worüber Sarnela Vodenicharowa aufklärt, viel Geld verdienen oder in Zukunft verdienen möchten.

Der „Gesamtbulgarische Marsch für Frieden und Neutralität“, den Sarnela Vodenicharowa mitorganisiert, setzt sich, wie der Name es schon sagt, für Frieden und Neutralität Bulgariens im Ukrainekrieg ein. In Bulgarien ist eine große Mehrheit der Bevölkerung für eine Neutralität und gegen jegliche Kriegsbeteiligung, aktuelle Umfragen ergaben 80 Prozent. Trotzdem wurde letzte Woche Mittwoch vom bulgarischen Parlament eine „militärtechnische Hilfe“ für die Ukraine beschlossen, worunter man sich beispielsweise die Reparatur von Panzern vorstellen soll. Nicht wenige Bulgaren gehen davon aus, dass man mit dieser Entscheidung Kriegsteilnehmer geworden ist. Möglicherweise befinde auch ich mich bereits im Krieg.

Bisher ging der Protest gegen die bulgarische Regierung, die im Land keine Mehrheit hat, wie auch, bei 60 Prozent Nichtwähler, von der Partei „Wiedergeburt“ aus. Über Proteste dieser Partei habe ich sowohl auf Multipolar, als auch auf Rubikon berichtet. Nun gibt es den „Gesamtbulgarischen Marsch für Frieden und Neutralität“ von Sarnela Vodenicharowa, mit der mein Freund und Übersetzer Martin Petrushev bereits ein Interview geführt hat, und deren Marsch aktuell auch schon  Proteste gegen eine Kriegsbeteiligung in anderen großen Städten Bulgariens organisiert hat, beispielsweise in Varna und Plowdiw. (Auf deutsch hat Martin Interviews mit Norbert Häring und auch mit mir gemacht.)

Auf dem Protest am Mittwoch in Sofia hat Sarnela Vodenicharowa demokratisch darüber abstimmen lassen, ob der Chef der Partei „Wiedergeburt“, Kostadin Kostadinow, zu den Protestierenden sprechen soll oder nicht. Nachdem sich eine übergroße Mehrheit dafür ausgesprochen hatte, kam Kostadinow aus dem abgeriegelten Parlament und hielt eine kurze Rede, in der er unter anderem über die dort gerade abgefundene Abstimmung berichtete, bei der sich eine Mehrheit für „militärtechnische Hilfe“ entgegen dem Willen einer übergroßen Mehrheit der Bulgaren ausgesprochen hat. Auf der Straße geht es vermutlich nicht nur in Bulgarien gerade demokratischer zu als in den Parlamenten. Jedenfalls alles andere als „barbarisch“ oder gar „untermenschenhaft“, wie es das unterstellte „prorussische“ vermuten lässt.

(In dem Zusammenhang wäre interessant zu erfahren, wie eine Abstimmung über eine deutsche Kriegsbeteiligung oder auch „nur“ Waffenlieferungen in der Heimat ausfallen würde. Vielleicht kann einer meiner Leser etwas dazu sagen, und auch über die allgemeine Stimmung im Land der Dichter und Denker, beispielsweise über eine eventuelle Kriegslüsternheit der Deutschen. Vielen Dank im Voraus!)

Als solches, also als „prorussisch“, wird Bulgarien gerne insbesondere vom Ausland diskreditiert. Wenn dem so ist, dann ist auch die neutrale Schweiz prorussisch. Wer argumentiert, dass sich die Ukrainer mit den gesendeten Waffen „nur“ verteidigen würden, der möge sich fragen, ob dem wirklich so ist, oder ob es nicht eher so ist, dass am Ende auch diese Waffen genau dasselbe Leid verursachen werden, das uns täglich im Fernsehen und im Internet präsentiert wird. Neutralität dagegen würde die Kriegsparteien an den Verhandlungstisch zwingen.

Auf dem Platz vor dem bulgarischen Parlament habe ich mich mit Menschen unterhalten, die Angst davor haben, dass nun die Nato-Basen, es gibt drei in Bulgarien, angegriffen werden könnten. Ähnliche Ängste gibt es wohl auch in Deutschland bezüglich der US-Air Base in Ramstein. Der Unterschied ist, dass Bulgarien näher dran ist an Russland als Deutschland.

Verhandlungen der beiden Kriegsparteien sind auch ein Ziel des „Gesamtbulgarischen Marsch für Frieden und Neutralität“ von Sarnela Vodenicharowa. Waffenlieferungen oder auch „nur“ militärtechnische Hilfe stehen diesem Ziel entgegen, verlängern den Krieg nur unnötig. Wer weiterhin für Waffenlieferungen eintritt, sollte sich auch fragen, ob er nicht vor allem ein nützlicher Idiot der weltweiten Waffenlobby ist, bei der seit Kriegsbeginn die Sektkorken knallen.

Am Ende werden sich auch in diesem Krieg irgendwann beide Kriegsparteien an einen Tisch setzen und miteinander sprechen müssen, so wie die Amerikaner vor ihrem „glorreichen“ Abzug aus Afghanistan mit den Taliban gesprochen haben, obwohl uns diese zuvor genauso wie jetzt "die" Russen als böse Untermenschen verkauft worden waren.

Und wenn es nicht so kommen sollte, dann Gnade uns Gott.

Foto&Text TaxiBerlin 

Bericht aus Bulgarien (131)


Mein Bürgermeister

Joachim ist in seinem "Bericht aus Bremen" positiv aufgefallen, dass ich meinen Bürgermeister meinen Bürgermeister nenne. Da auch hier gilt, dass Bilder mehr aus tausend Worte sagen, habe ich mich dazu entschlossen, eines von ihm zu veröffentlichen. Es zeigt meinen Bürgermeister in unserem Kinosaal, wo er anlässlich des Osterfestes zu seinen Bewohnern gesprochen hat. Organisiert haben das Fest die Bewohner selbst, damit hatte mein Bürgermeister direkt nichts zu tun. In seiner kurzen Ansprache am Ende der Veranstaltung bedankte er sich für die zahlreichen Darbietungen von Alten und Jungen und gab darüber hinaus seiner Hoffnung Ausdruck, dass es jetzt wieder aufwärts geht, die Depression vorbei ist. - Ob der Taxikollege, der mir gestern eine e-mail geschrieben hat, und der so freundlich war, sämtliche am Ende dieses Beitrags erwähnten Beiträge des ZDF für mich in eine Cloud ohne Geoblocking zu packen, unter Depressionen leidet, kann ich noch nicht sagen. Was ich weiß, ist, dass er ein "freundlich verbundener stiller Mitleser meines Blogs" und auch ein "nach 22 Jahren arbeitslos gewordener Taxifahrer in Berlin" ist. Da ich gerne mehr über ihn erfahren möchte, habe ich ihn gebeten, so wie Joachim einen Bericht über seine aktuelle Situation zu verfassen, den ich dann auch veröffentlichen würde. Gerne auch ohne Foto und sogar unter Pseudonym. Ich bin schon gespannt auf seine Antwort.

Foto&Text TaxiBerlin

08.05.2022

Bericht aus Bulgarien (130)


Russisches Kultur- und Informationszentrum in Sofia

Pünktlich zum heutigen "Tag der Befreiung", der in Bulgarien morgen begangen wird, an dem im letzten Jahr in der deutschen Hauptstadt noch galt "Wer nicht feiert, hat verloren", habe ich gestern folgendes Zitat von Lao Tse gefunden: "Wenn du dich darum kümmerst, wie andere dich sehen, wirst du immer ihr Gefangener sein."

"Tag der Befreiung" - in Bulgarien am 9. Mai

Fotos&Text TaxiBerlin

Unterirdischer Balkan Heimweh Blues

 

Mein Freund Bob machte mich vorgestern auf den Remake einer seiner bekanntesten Songs aufmerksam, und zwar vom "Subterranean Homesick Blues", was auf deutsch etwa "Unterirdischer Heimweh Blues" heißt, und was mich daran erinnert, dass neulich von mir in Wien der "Balkan Blues" erschien. Bobs Remake seines alten Hits kam also zur rechten Zeit, auch wenn ich bei "I'm on the pavement thinking about the government" aus dem "Bürgersteig" die "Schluchten des Balkans" machen würde, das mit dem "get jailed" kann bleiben. Das habe ich dem Bob jetzt auch vorgeschlagen, der bis 2024 auf Tour ist. Mein Freund Bob, der dafür bekannt ist, seine Songs bei jedem Konzert anders zu spielen und auch zu singen, hat mir auch bereits geantwortet und versprochen meinen Hinweis beim nächsten live Vortrag seines "Unterirdischen Heimweh Blues" zu berücksichtigen.

Video BobDylan
Text TaxiBerlin

07.05.2022

„Abschließende Auskunft“ vom ZDF

 

Die nächste Rate für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird nächste Woche fällig, und ich überlege ernsthaft, ob ich sie noch bezahlen will, noch bezahlen kann. Auch als eine Art Notwehr, wie auch mein ganzes Schreiben an erster Stelle aus Notwehr geschieht.

Wie bereits in Berlin, so habe ich auch in den Schluchten des Balkans kein Fernsehen, ich schaue mir auch im Internet keine Sendungen von Öffentlich/Rechtlich an, höre nur gelegentlich mal beim Deutschlandfunk oder bei Radio Kultur rein. Im Normalfall läuft bei mir das Bulgarische Nationalradio „Christo Botew“, das ganz ohne Zwangsgebühren auskommt. In der Regel lausche ich aber klassischer Musik von CD.

Die Frage, die sich mir gerade stellt, ist ganz genau folgende: Bin ich bereit fürs Nichtbezahlen von Gebühren, die ich für nicht gerechtfertigt halte, einfach weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht seinem gesetzlichen Bildungsauftrag nachkommt, das Gegenteil scheint mir der Fall zu sein, ins Gefängnis zu gehen (der juristische Fachbegriff dafür ist „Beugehaft“) oder nicht? Und da komme ich immer mehr zu dem Schluss, dass ich dazu bereit bin.

Vor vielen Jahren habe ich schon einmal die Bekanntschaft mit drei verschiedenen Gefängnissen hier in Bulgarien gemacht, und ich kann sagen, dass mich nichts dorthin zurückzieht. Andererseits würde ich mich, bevor ich mich impfen lasse, auch lieber ins Gefängnis begeben oder wo sie einen auch immer hinstecken. Mit der Impfung scheint es mir so zu sein wie mit dem Bildungsauftrag. Denn weder die Impfung noch der öffentlich-rechtliche Rundfunk erfüllen die Aufgabe, die sie zu erfüllen vorgeben, behaupten aber weiterhin, dies zu tun.

Aktuell überlege ich angesichts der Antwort vom ZDF auf meine Anfrage bezüglich ihrer Serie „Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers“ nur einen Teil der Zwangsgebühren zu bezahlen, sagen wir ein Drittel oder wegen mir auch die Hälfte.

Da ich weiß, dass eine Teilzahlung in diesem Fall keinen Sinn macht, weil es „ein bisschen Gebühren“ nicht gibt, genauso wenig wie „ein wenig schwanger“, läuft es auf die Entscheidung „Alles oder Nichts“ hinaus. Eine solche Entscheidung lehne ich eigentlich ab, genauso wie ich das „schwarz/weiß Sehen“ ablehne, was ich aber immer öfter auch bei Öffentlich/Rechtlich, die mit dem Bildungsauftrag, antreffe.

Gleichzeitig muss ich zur Kenntnis nehmen, dass die Kommunikation nicht nur zwischen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sondern zwischen der Regierung und den Regierten allgemein gestört ist in unserem Land. Beim ZDF komme ich mir vor, als würde ich mit einer Mauer sprechen, und dann kann ich auch gleich hinter Mauern sitzen.

Damit meine Leser sich ihr eigenes Bild von der Nichtkommunikation machen können, gebe ich nachfolgend die Antwort des ZDF auf meine Anfrage wieder, bei der es sich um die „abschließende Auskunft“ des Zweiten Deutschen Fernsehens handelt, was wohl heißen soll, dass weitere Anfragen meinerseits unerwünscht sind.

Das ZDF stellt in seiner Antwort fest, dass es sich bei der Serie „Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers“ um eine fiktive Erzählung handelt, die zwar an der Lebenswirklichkeit anknüpft, für sich aber erkennbar nicht den Anspruch erhebt, diese Eins zu Eins wiederzugeben.

Das ZDF stellt darüber hinaus fest, dass das Unternehmen Uber in ihrer Serie nicht beworben wird. Daran würde auch der Umstand nichts ändern, dass das Unternehmen im Titel der Sendung genannt wird, denn der Titel der Serie und deren Thema stehen im Einklang mit den rechtlichen Vorgaben des ZDF.

Diese sehen wiederum vor, dass man nicht nur im Falle von journalistischen Gründen berechtigt sei, Firmen im Programm zu nennen oder abzubilden, sondern ausdrücklich auch aus künstlerischen Gründen.

Vor allem den Hinweis auf die „künstlerischen Gründe“ finde ich wichtig, weil Kunst heute Alles und Nichts bedeuten kann. Im Falle von „Aus den Tagebuch eines Uber-Fahrers“ bedeutet Kunst wohl weniger als Nichts. Ich würde so weit gehen und sie als „Negativ-Kunst“ bezeichnen, die es genauso gibt wie „Negativ-Zinsen“.

Mein Vorschlag, die junge Zielgruppe von ZDFneo, die möglicherweise die Serie für Eins zu Eins nimmt, am Anfang darauf hinzuweisen, dass dem nicht nur nicht so ist, sondern dass ein aktuelles Urteil des Bundesgerichtshofes, des höchsten deutschen Gerichts, in letzter Instanz das in der Serie dargestellte „Geschäftsmodell“ des Unternehmens für rechtswidrig erklärt, wurde vom ZDF angelehnt.

Da ich selbst die Serie nicht sehen kann in Bulgarien, aus irgendwelchen Gründen ist dies selbst im weltweiten Netz „in diesem Land nicht möglich“, was ich aber gar nicht schlimm finde, im Gegenteil scheint mir das bulgarische Internet praktisch dem Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Heimat nachzukommen, hat sich ein Leser meines Blog die Mühe gemacht, die „Negativ-Kunst“ des ZDF anzusehen. 

Für seine Tapferkeit danke ich ihm auch von dieser Stelle noch einmal ausdrücklich. Seine Einschätzung, möglicherweise ist auch sie „abschließend“, auch weil ich der öffentlich-rechtlichen Verblödung in Deutschland keinen weiteren Raum geben möchte auf meiner Seite, liest sich so:

„Habe gestern noch drei Folgen gesehen. Weiterhin ist der UBER-Fahrer der Gute. Damit er nicht in seinem Auto übernachten muss, bietet er sich als Haushüter an, wenn die Besitzer im Urlaub sind. Er ist immer und überall der Gutmensch und das ist es, was laut Sendung wohl alle UBER-Fahrer im Gegensatz zum Taxifahrer ausmachen.

Ein Beispiel: In der zweiten Folge hat ein Taxifahrer ihn gestoppt und behauptet, er hätte ihn auf der Autobahn geschnitten. Die Fahrgästin ist daraufhin ausgestiegen und hat an seine Scheibe geklopft. Als der Taxifahrer die Scheibe runterfuhr, hat sie ihm ihren Kaffee-to-go auf die Hose geschüttet.

Also: Nieder mit den Taxifahrern und aufstehen für UBER-Fahrer!

Der Taxifahrer wurde natürlich übel dargestellt, im Prinzip der Anti-Menschenfreund. Superschöne schwarz/weiß Darstellung.

Ansonsten spinnt sich eine schwachsinnige Geschichte an die andere und es "menschelt" an allen Ecken und Enden. Soll ja auf die Zielgruppe ZDF-Neo, also die Generation Z zugestrickt sein, die aus einem riesigen Kick "Wokeness" gepaart mit der Möglichkeit sich auch ordentlich zu empören (die Taxifahrer, seine Freundin, die ihn als Samenspender tituliert, etc.) besteht.

Das Markenzeichen dieser Generation ist das sich Empören als herausragendste Eigenschaft; Arbeit eher nicht. Warum auch, Mama und Papa werden es so lange sie leben schon richten.“

PS: Das ZDF wies mich darauf hin, dass folgende Sendebeiträge in der ZDFmediathek immer noch abrufbar wären:  „Uber-Fahrer: kaum faire Bezahlung“, „ZDFzoom – Kampf um Kosten, Kilometer und Kunden“; „Uber-Fahrer: Angestellte, nicht selbstständig“, „Das Reförmchen“ „Und die Fahrer gucken in die Röhre“. Falls das jemand überprüfen mag, kann er mich gerne über das Ergebnis seiner Recherche und gerne auch über den Inhalt der Beiträge informieren. Vielen Dank im Voraus!

Text TaxiBerlin

06.05.2022

Bericht aus Bulgarien (129)



Heute ist „Gergowden“ (Georgstag) in Bulgarien, und auch Tag der bulgarischen Armee und der Tapferkeit. Im Dorf unten wurde ich deswegen von einem älteren Bewohner mit dem Namen Georg, sein Spitzname ist Goschko, zu einem Stück Konfekt eingeladen. So ist es Tradition in Bulgarien. Im Nationalradio „Christo Botew“ werden vorzugsweise Märsche und nationale Weisen gespielt. Es kommen auch Menschen zu Wort, darunter auch Militärs. Viele von ihnen betonen, dass Frieden heute das wichtigste sei. Einige von ihnen sagen, dass sie aus diesem Grund die Neutralität Bulgariens für das Gebot der Stunde halten. Mit meinem Bürgermeister habe ich noch die Verkleidung der Überdachung meiner Eingangstür besprochen, die er mir zusammen mit der dazugehörenden Betonplatte im letzten Jahr gebaut hat. Ich messe es zur Sicherheit noch einmal aus, denn auch Baumaterial ist teurer geworden und nicht nur Butter. Vermutlich bleibt es aber dabei, was mein Bürgermeister schon im Kopf ausgerechnet hat, und das waren irgendwas zwischen sieben und acht Quadratmeter Holzverkleidung von innen und außen, außen dicker als innen, dazwischen Steinwolle zur Dämmung. Etwas Glas als Fenster und die Tür, ich hab noch eine alte im Stall zu stehen, und fertig ist der Lack. Helfen wird mir und meinem Bürgermeister dabei ein anderer, jüngerer Einwohner unseres Dorfes. Dimiter, der von allen Mitko genannt wird, und dessen Namenstag der „Dimitrowden“ (Dimitrowtag) ist, ist eigentlich gelernter Physiotherapeut, kann aber von den 200 € Gehalt im Monat nicht leben, obwohl er noch bei seinen Eltern wohnt. Da er sämtliche zur Holzverarbeitung nötigen Maschinen in der großen Doppelgarage seinen Elternhauses zu stehen hat, ist er eigentlich mehr Tischler als Therapeut. Zusammen mit meinem Bürgermeister hat er mir schon die Überdachung gemacht. Sie ist ein wenig bulgarisch geworden, irgendwann hatten sie wohl vergessen die Wasserwaage anzuhalten. Aber was soll’s?! Wer in Bulgarien deutsche Qualität sucht, ist hier verkehrt. Das musste auch der deutsche Rumen in mir lernen und dabei oft ganz tapfer sein – bis heute. Aber Scheiß auf das schiefe Dach – Hauptsache Frieden!

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (128)


Füttere den Verstand
Bleibe hungrig!

Heute möchte ich eine kleine Bildergeschichte erzählen, denn Bilder sagen bekanntlich mehr als tausend Worte. Die Geschichte handelt in Sofia, wo vorgestern das Parlament mit großer Mehrheit „militärtechnische Hilfe“ für die Ukraine beschlossen hat, obwohl 70 Prozent der Bevölkerung für die Neutralität Bulgariens sind. Geht es nach ihnen, sollte ihr Land so neutral bleiben wie die Schweiz es ist, was aber in Falle Bulgariens „prorussisch“ ist. Ganz nach dem Motto: Was weiß denn der gemeine bulgarische Barbar von der Schweiz?! – Meine Antwort darauf ist, dass sich die allermeisten im Land verbliebenen Bulgaren mit Leid, Zerstörung und Verfall besser auskennen als viele im Ausland, insbesondere in Deutschland. Die dortige Kriegsgeilheit ist meiner Beobachtung nach an erster Stelle Ausdruck des eigenen Verdrusses und Lebensüberdrusses.

Sofia in Flammen

Die Abstimmung im bulgarischen Parlament am Mittwoch war für mich Anlass nach Sofia zu fahren, wo bereits die ersten Mülltonnen brannten. Außer mir waren auch noch andere auf den Straßen der bulgarischen Hauptstadt unterwegs, um genau zu sein eine Minderheit von vielleicht 150, die gar eine militärische Unterstützung der Ukraine durch Bulgarien forderte, und eine Mehrheit von etwa 500 Menschen, am Vorabend waren es alleine in Sofia noch 3.000 gewesen, die dafür ist, das Bulgarien neutral bleibt. Praktisch so wie sich auch in der Gesamtbevölkerung ein Drittel und zwei Drittel gegenüberstehen – nicht nur in dieser Frage.

Per Anhalter nach Istanbul

Dann gibt es auch noch Menschen wie diese drei jungen Mädels, die nur weg wollen aus Bulgarien, und zwar in die Türkei nach Istanbul. So stand es zumindest auf ihrem Schild geschrieben, mit dem sie zu dritt auf der Zarigradsko Chaussee, einer Schnellstraße Richtung Osten, versuchten eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Da ich nur um die Ecke und nicht nach Istanbul wollte, kam ich als Fahrer nicht in Frage. Schade, wäre sicherlich interessant gewesen, die Beweggründe der drei zu erfahren. Ich selbst bin vor vielen Jahren auch viel per Anhalter unterwegs gewesen, einmal sogar nach Bulgarien.

Explore the Vitosha mountains

Bevor ich an den drei Mädels vorbeifuhr, habe ich vom Flughafen kommend auf der Hochstraße den herrlichen Blick aufs Vitosha-Gebirge genossen, vielleicht das schönste an der ansonsten schrecklichen Stadt Sofia überhaupt. Der geniale Ausblick wurde nur durch die Werbung für den Ford „Explorer“ gestört, denn  auch und insbesondere in Kriegszeiten muss der Rubel, Verzeihung, selbstverständlich der Dollar, rollen.

Wer nicht „explored“ genug ist, kauft sich einen Ford, vorausgesetzt er hat noch das Geld dazu. Der bulgarische Finanzminister Assen Wassilev, unser „Harvard-Boy Nummer Zwei“, „Harvard-Boy Nummer Eins“ ist unser Kriegs-Ministerpräsident Kiril Petkow, hat garantiert, dass es auch in Zukunft genug Gas geben wird, nur zu einem anderen Preis. Das heißt, dass der, der kein Brot hat, entweder Kuchen fressen muss, oder hungrig bleibt und damit seinen Geist stärken kann, oder so ähnlich. Derselbe Ford spielt – „Ford sei Dank!“ – auch in Huxleys Neuer Welt eine zentrale Rolle. Ein Buch, das sich neben Orwells „1984“ gerade wie geschnitten Brot verkauft in Bulgarien.

Verschiedene aktuelle Ausgaben von "1984"

Zurück zu den Menschen auf der Straße, es haben sich noch nicht alle Bulgaren ins Ausland evakuiert. Die meisten sind wie gesagt für die Neutralität des Landes, sie trugen oft bulgarische Fahnen, russische gab es keine auf dem Protest, und unterhielten sich auch gerne mit ihren Ordnungshütern, die als Teil der Mehrheit im Land die Dinge wohl ganz ähnlich sehen dürfte wie diese Demonstrantin.

Demonstrantin für den Frieden und die Neutralität Bulgariens
im Gespräch mit einem Polizisten

Ukrainische Flaggen gab es und natürlich waren sie auch erlaubt. Mit einer ganz großen ukrainischen Fahne versuchte man das große Denkmal für die Sowjetische Armee im Zentrum von Sofia zu verhüllen, ganz so als wäre Christo Ukrainer gewesen. Ein älterer Herr, auch er hatte sich eine bulgarische Fahne umgehängt, in der Hand hielt ein eine ukrainische, schrie dazu so laut, dass Fensterscheiben zerbarsten. Ich überlegte den Arzt zu rufen, aber man versicherte mir glaubhaft, dass dem Herrn, der weiterhin unkontrolliert und hysterisch schrie, nichts fehlen würde. Ich verwende dieses Bild auch, um zu zeigen, wie leicht man mit Fotos manipulieren kann, erspare mir dabei aber einen Untertitel wie: „Verrückter Ukrainer schreit Bulgarien in den Krieg“.

Ohne Untertitel

In der bulgarischen Hauptstadt brannten wie gesagt am Mittwoch bereits die ersten Mülltonnen. Ob weitere Mülltonnen brennen werden, lässt sich schwer sagen. Dass demnächst mehr Menschen auf die Straße gehen werden, davon würde ich allerdings schon ausgehen. Nicht nur, weil sich nicht jeder einen Ford oder auch nur Kuchen leisten kann, sondern vor allem wegen der neuen Bewegung im Land mit dem Namen „Gesamtbulgarische Marsch für Frieden und Nationalität“, der am Tag vor der Abstimmung auch in anderen Städten Bulgariens Proteste organisiert hatte. So wie es nicht „ein bisschen schwanger“ gibt, so gibt es auch nicht nur „ein bisschen Krieg“, der möglicherweise schon vorbei wäre, wozu man allerdings mit dem Schreien und auch mit dem Hetzen aufhören müsste. Den meisten insbesondere der jungen Leute von heute geht das alles nicht nur in Bulgarien so ziemlich am Arsch vorbei, sie werden wohl selbst in der Hölle noch nur auf ihr Smartphone starren. Ein Phänomen, dass im letzten „Borat“ als „calculator-crazy“ bezeichnet wurde, vielleicht das beste am ganzen Film. - Borat kannte noch kein Smartphone, sondern nur Taschenrechner.

„calculator-crazy“ - auch in Sofia

Fotos&Text TaxiBerlin

05.05.2022

Bericht aus Bremen (1)


Bremen Hauptbahnhof

Der heutige Bericht ist von Joachim aus Bremen, der mich nach meinem ersten Artikel "Bulgarien - die große Freiheit" auf Multipolar kontaktiert hat. Seit diesem Beitrag habe ich Sponsoren, die ich bei den Anonymen Alkoholikern nicht hatte, und Joachim ist einer von ihnen. Wie es dazu kam, was Joachim für ein Mensch ist und welche Pläne er hat, allen voran Reisepläne, das beschreibt er anschaulich in dem folgenden Text, den ich für äußerst gelungen halte, und für den ich mich bei Joachim bedanken möchte, der auch das Bild beigesteuert hat. Ich freue mich sehr auf das Kennenlernen, nicht nur mit Joachim, sondern auch mit seiner Frau. Auch wenn ich ihn noch nicht persönlich kenne, kann ich aufgrund unseres Austausches sagen, dass er eigentlich mehr ein großer Bruder als ein Sponsor für mich ist.


Bulgarien

Denke ich an Frankreich, dann fallen mir Landschaften, Situationen, Geschichten und Menschen ein, die ich mit diesem Land in Verbindung bringe. Ebenso ergeht es mir mit anderen Ländern. Manche kenne ich durch eigenes Erleben (als Tourist), andere über Erzählungen von Bekannten oder Freunden oder aus Büchern und Berichten.

Bulgarien kam mir nie in den Sinn. Es fiel mir auch nichts dazu ein, wenn mich jemand dazu fragte. Es fragte mich auch nie jemand. O.k., die Pflegerin des alten Herrn in der Nachbarschaft kommt aus Bulgarien. Manchmal sehe ich auch Autokennzeichen mit dem Länderkürzel BG. Das sind meistens Lieferwagen auf Autobahnen oder Tieflader mit alten Pkws auf dem Weg in den Osten. Bulgarien ist, wie Rumänien, einfach nur irgendwo im Osten.

Mit Corona hat sich mein Weltbild geändert. Nicht nur hinsichtlich meines Vertrauens in die Kritikfähigkeit der deutschen Presse und ihrer Vertreter. Auch mein Vertrauen in die Rationalität politischen Handelns ist mir verloren gegangen. Dies hatte zur Folge, dass ich mir meine Informationen fernab der öffentlich-rechtlichen Medien und der deutschen Leitpresse besorgte.

Die fortschreitenden Anfeindungen und Diskreditierungen von Andersdenkenden machte mir Angst. Die Drohung mit einer Zwangsimpfung ebenso. Tatsächlich ertappte ich mich dabei, darüber nachzudenken, wohin ich auswandern könnte. Oder wo ich mich aufhalten könnte bis der Pandemie-Wahn vorüber wäre. Wo können Menschen mit anderen Ansichten oder kritischem Denken noch frei und unbesorgt ihr Leben führen? Diese Frage ging mir durch den Kopf als ich auf Multipolar.de einen Artikel las von einem, der es getan hatte. Ein ehemaliger, heute weiß ich, „trockener“ Taxifahrer aus Berlin war einfach in die Schluchten des Balkans verschwunden und berichtete von dort. Wow! In meiner Vorstellung war dieser Schritt nicht nur mutig, sondern auch konsequent. Außerdem berichtete dieser Mensch auf seinem Blog tagtäglich über das Leben in seinem Fluchtland und über seine Einstellungen zu Deutschland aus der Ferne.

Der hat sich weggemacht nach Bulgarien, dachte ich mir. Den muss ich kennenlernen. Also schrieb ich eine Mail, worin ich ihn fragte, ob ihm irgendwelche Orte in Bulgarien bekannt sind, wo sich eventuell andere Geflüchtete aufhalten. Also, solche, die wie er das Leben in Deutschland nicht mehr ertragen haben. Rumen antwortete mir umgehend, berichtete von „seinem“ Bürgermeister, der ein Haus verkaufen möchte, dass noch einiges an Renovierung bedarf. Was ist das für einer, fragte ich mich, der hat einen eigenen Bürgermeister. Meine bisherigen Erfahrungen mit Bürgermeistern sind eher von Distanz und Unzugehörigkeit geprägt. Aber einen Bürgermeister sein eigenen zu nennen, das machte mich neugierig.

Mittlerweile hatte ich mich auch durch sein Blog-Archiv gelesen und versucht, mir ein Bild zu machen von diesem Menschen dort in Bulgarien. Da gab es etwas in seinen Texten, das mich anzog. War es der Humor, der zwischen den Zeilen durchschimmerte? Die Art des Erzählens und seine wiederholten Hinweise auf seine Zeit als Taxifahrer in Berlin? Ich bin auch Taxi gefahren in jungen Jahren aber nur in einer Kleinstadt mit 15.000 Einwohnern. Dabei bin ich die meiste Zeit gestanden und habe auf Fahrgäste gewartet. Eine sehr produktive Zeit für mich als Leseratte! Rumen aus den Schluchten des Balkans wurde mir ein Seelenverwandter, wobei ich noch nicht genau sagen kann, warum und wodurch. Mir gefallen weiterhin seine Berichte aus Bulgarien und seine Sicht auf das, was hier in Deutschland passiert. Besonders interessant finde ich die Hinweise auf die Lebenshaltungskosten dort und die Mentalität seiner Mitmenschen. Es scheint mir alles sehr sympathisch und sehr unkompliziert, was er von dort beschreibt.

Noch vor meiner ersten Kontaktaufnahme per Mail hatte ich Rumen eine Spende zukommen lassen. Mir war, als ist diese ganz persönliche Spende mehr wert als meine sonstigen Ablasshandlungen gegenüber Greenpeace, Ärzte ohne Grenzen oder sonstigen gemeinnützigen Organisationen. Rumen war kein Objekt meiner Gewissensberuhigung. Es war mir wichtig und machte mir Freude, ihn in seiner Situation zu unterstützen. Zu den regelmäßigen Geldspenden gesellten sich ebenso regelmäßige E-Mails, die wir austauschten. Nachdem ich wusste, dass auch Rumen ein Bücherwurm ist, machte es mir besonders viel Freude, ihm das ein oder andere Buch zukommen zu lassen. Bald auch ein Paket mit dem ein oder anderen Werk und einen Zugriff auf meine eBook-Bibliothek.

Dieser Rumen dort in Bulgarien wuchs mir ans Herz und ich weiß noch immer nicht, warum. Mit der Zeit machte sich der Gedanke breit, dass ich ihn und dieses Land kennenlernen möchte. Ich wäre früher nie auf die Idee gekommen nach Bulgarien zu reisen. Schon gar nicht, um dort Urlaub zu machen. Nachdem auch meine Frau an einem gemeinsamen Aufenthalt dort Interesse zeigte, war es kein großer Schritt mehr zur Buchung eines Fluges. Und mit der Gewissheit dort in eine fremde Kultur, eine fremde Sprache und sogar Schrift einzutauchen, wuchs meine Furcht vor dem, worauf ich mich einlassen würde. Wie kann ich so naiv sein, ein Land auf eigene Faust bereisen zu wollen, wovon ich nur vom Hören-Sagen weiß und dessen Sprache ich nicht verstehe?

Es mussten also Reiseführer und Landkarten her. Ein Sprachführer sollte die Alltagsschwierigkeiten zu bewältigen helfen. Eine Adresse im Internet versprach den Erwerb der kyrillischen Schrift in wenigen Tagen. Weitere Recherchen führten zu einer Reiseanbieterin, die speziell für Deutsche Individualreisen durch Bulgarien anbietet. Das war interessant, denn dann musste ich mir nicht gemeinsam mit meiner Frau eine Route einfallen lassen, die letztlich nur auf Informationen aus zweiter Hand gestützt wäre. Meine weiteren Recherchen führten mich zu einem Buch „111 Gründe Bulgarien zu lieben“. Ich habe es verschlungen! Meine Abneigung gegenüber herkömmlichen Reiseführern hat sich dadurch nur noch vergrößert. Dieses sehr individuell geschriebene Buch mit vielfältigen Darstellungen aus dem Leben einer Bulgarin liest sich wie ein Liebesroman. Natürlich ist alles stark eingefärbt von ihrem positiven Blick. Doch lieber lasse ich mich von diesem leiten als den negativen Bildern über das Armenhaus Europas.

Unsere Tour durch Bulgarien ist jetzt professionell geplant. Wir landen in Sofia, übernachten dort und fahren dann mit einem Mietwagen zu Rumen in die Berge. Dort haben wir dann das Wochenende Zeit uns im richtigen Leben kennenzulernen. Anschließend geht es durchs Land mit einigen Stopps in familiengeführten Hotels, mit Stadtführungen und den Besuch von Sehenswürdigkeiten bis hin zum Schwarzen Meer und wieder zurück nach Sofia. Mir schwant jetzt schon, dass die geplanten vierzehn Tage viel zu wenig sein werden für all das, was es zu entdecken gibt. Aber so eine Reise lässt sich ja wiederholen und wer weiß, vielleicht wird es einmal ein Aufenthalt für längere Zeit.

Foto&Text JoachimBremen