14.05.2022

Bericht aus Bulgarien (136)


Georgi Alexejew am 4. Mai in Sofia

Am Mittwoch in Sofia auf dem Protest habe ich neben Demonstrationsteilnehmern, die ich kenne, weil sie wie ich regelmäßig zu den Protesten gehen, auch Georgi Alexjew, den obersten für das Parlament und die Regierung zuständigen Polizisten wiedergetroffen, ich hatte hier über ihn geschrieben. Auch Georgi Alexejew und ich grüßten uns per Handschlag, verbunden mit der Frage nach der Befindlichkeit des anderen.

Georgi Alexejew am 11. Mai auf der Adlerbrücke

Georgi Alexejew geht es gut, erfuhr ich, so wie mir. Er erfuhr weiter von ihm, der sich den Beitrag über ihn auf meiner Seite angesehen hat, ich hatte ihm dafür meine Karte gegeben, dass er eigentlich keine Uniform tragen müsse, er es aber aus Verbundenheit mit seinen Leuten mache. Die Frage hatte sich ergeben, weil ich ihn auf dem letzten Protest, als man versuchte, das Denkmal für sie Sowjetische Armee mit einer Ukrainischen Flagge zu verhüllen, in Zivil gesehen hatte.

Tante Wanja mit Georgi Alexejew und seinen Leuten

Ich erzählte Georgi Alexejew von meinem Dorf, und dass ich mich dort wohl fühle. Der oberste Polizist kannte zwar nicht mein Dorf, aber die Gegend. Den meisten Bulgaren ist die ärmste Region ihres Landes bekannt, was vor allem an dem Nachbarstädtchen meines Dorfes liegt, der mit einer knapp 130-jährigen Tradition einer der ältesten Kurorte Bulgariens ist, und in dem es wie in meinem Dorf eine Mineralwasserquelle gibt. Im Ausland ist der Kurort wie die gesamte Region weitgehend unbekannt, obwohl es im Kurort Bauten gibt, die an Bad Homburg erinnern, die leider seit Jahren verfallen.

Das Gespräch mit Georgi Alexejew fand vor dem Ministerrat, dem Sitz der bulgarischen Regierung, statt. Später sah ich ihn auf der einen Kilometer entfernten „Orlow Most“ (Adlerbrücke) wieder. Der Protest war für Georgi Alexejew und seine Leute zur Nebensache geworden, lieber unterhielten sie sich mit einer Frau, die auf ihrem kleinen Klappstuhl auf der Brücke saß und eine bulgarische Fahne in der Hand hielt.

Ihr Name war Wanja, Tante Wanja, weswegen man sie in der Sowjetunion, wo sie zu sozialistischen Zeiten war, ausgelacht hat. Tante Wanja hat also noch eine Rechnung offen mit dem Russen, wenn man so will. Trotzdem möchte auch sie, so wie 80 Prozent der Bulgaren, dass Bulgarien im Ukrainekrieg neutral bleibt und nicht gegen Russland in den Krieg ziehen. Tante Wanja ist der lebende Beweis, dass das mit prorussisch nichts zu tun hat. Denn Tante Wanja hat ja wie gesagt noch eine Rechnung mit den Russen offen.

Während Tante Wanja erzählte, sah sie, dass ich Fotos machte, was sie nicht wollte, und was ich respektiere, deswegen die Balken in den Bildern. Georgi Alexejew sagte daraufhin zu ihr, dass sie sich keine Sorgen machen solle, weil er mich kennen würde, ich in Ordnung sei, und dass ich aus Deutschland käme, was Tante Wanja aber egal war. Auch dafür habe ich Verständnis. Über den Einsatz von Georgi Alexejew habe ich mich gefreut. In Bulgarien läuft ohne persönliche Kontakte nichts, auch auf dem Protest.

Doch zurück zu Tante Wanja, die man in der Sowjetunion wie gesagt ausgelacht hat, was daran lag, dass Wanja dort ein männlicher Name, besser Spitzname ist, und sie aber eine Frau. Der bekannteste Wanja ist „Onkel Wanja“ von Tschechow, der nicht mehr aufgeführt werden darf in der Heimat. Ein Grund mehr, nach Bulgarien zu kommen. Hier darf „Onkel Wanja“ noch aufgeführt werden, und auch „Tante Wanja“ noch auf der „Orlow Most“, der Adlerbrücke, sitzend sich mit dem obersten Polizisten Georgi Alexejew und seinen Leuten unterhalten.

Auch der Protest am letzten Mittwoch verlief absolut friedlich, so dass man sich als Tourist auch ohne weiteres in einen solchen stürzen kann, so wie ich es mache. Ein kleines, aber nicht unwichtiges Detail habe aber auch ich beim letzten Protest verpasst, was daran lag, dass ich in dem Moment am anderen Ende des Protestes war, der mit etwa 4.000 Menschen alles andere als klein war.

Verpasst habe ich ein Happening, bei der mit einer Leiter versucht wurde, die Ukrainische Flagge vom vielleicht fünf Meter hohen Balkon des Rathauses von Sofia zu holen. Die Begründung der Protestierenden war, dass hier Bulgarien und nicht die Ukraine ist, und dass das nicht der Krieg der Bulgarien, sondern ein Krieg zwischen der USA und der NATO und Russland ist.

Das Leiter-Happening muss vorher bekannt gewesen sein, denn die Demonstrierenden wurden am Rathaus von Polizisten in Kampfuniform und Helm auf dem Kopf erwartet. Auch dieses Aufeinandertreffen verlief, im Gegensatz ähnlichen Zusammentreffen in Berlin in der Vergangenheit, absolut friedlich. Es war ja auch „nur“ ein Happening, also eine Kunstaktion.

Eine Kunstaktion, die auch wenn die Flagge nicht vom Balkon geholt wurde, noch etwas bedeutete, im Gegensatz zum Gros der Kunst in Deutschland, die ohne Bedeutung, wenn nicht sogar Negativ-Kunst ist. Bevor alle Protestierenden zum Regierungssitz weitergezogen waren, waren schon sämtliche Polizisten in Kampfuniform vom Rathaus in Sofia abgezogen worden, was aber schon wieder eine andere Geschichte ist.

Eine andere "alte" Bekannte, in Wirklichkeit eine junge Frau,
die mir mit ihrem Schild immer wieder auf den Protesten begegnet

Fotos&Text TaxiBerlin

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