05.08.2022

Bericht aus Bulgarien (224) - "Wir sollten nicht länger Trumps Willen erfüllen"

"Nein zum Krieg" - offizielles Plakat der Partei "Wiedergeburt"
Am 19. März 2022 vor dem Verteidigungsministerium
Sofia / Bulgarien

Gerhard Schröder, der ehemalige Bundeskanzler, ist neulich erneut in Moskau gewesen, wie ich aus der Berliner Zeitung erfahren habe. Die wichtigste Nachricht, die er von dort mitbrachte, ist die, dass Russland eine Verhandlungslösung will. Ein erster Schritt dazu sei das Getreideabkommen. "Vielleicht kann man das langsam zu einem Waffenstillstand ausbauen", so die Hoffnung des Altkanzlers, der sich allerdings nicht sicher ist, ob man den Konflikt überhaupt lösen möchte. Mir geht es da genauso, auch ich bin mir bei dieser Frage keineswegs sicher. Denn: "ohne ein JA aus Washington wird es nicht gehen", fügte Schröder hinzu. Auch diese Einschätzung teile ich und erinnere daran, dass Gerhard Schröder vor nunmehr fast 20 Jahren die USA brüskiert hat, und zwar mit dieser Entscheidung: "Deutschland beteiligt sich nicht am Irak-Krieg". Schon damals sagte Schröder: "der Krieg müsse so schnell wie möglich beendet werden." Seine Regierung forderte ein UN-Mandat, das dieser Krieg, der mit einer Lüge begann, nie hatte. Es war ein illegaler Krieg der USA, genauso wie jetzt der Krieg Russlands ein illegaler Krieg ist. Schröder wurde damals vom NSA abgehört, was keine Überraschung ist, wenn man sich mit dem Land anlegt, das sich anmaßt, die Welt zu führen, besser: zu verführen. Mit Führung und verführt werden kennen wir folgsamen Deutschen uns aus, im Gegensatz zum Bulgaren, der zwar JA JA sagt, aber NEIN NEIN meint. - Gerhard Schröder ist im April 1944 geboren. Als der letzte große Krieg zu Ende ging, war er ein Jahr alt. Die Nachkriegszeit hat er also bewusst miterlebt, was ihn möglicherweise NEIN sagen ließ zum Krieg der Amerikaner. Wir sind gut beraten, uns auch aus diesem Krieg heute herauszuhalten und ihn nicht noch mit Waffenlieferungen zu befeuern. Wir sollten unsere Kraft lieber darauf verwenden, die USA zum Einlenken zu bewegen, denn "ohne ein JA aus Washington wird es nicht gehen". Auch sollten wir nicht weiter ausgerechnet Trumps ureigensten Willen "Make America Great Again" erfüllen, denn nichts anderes tun wir bisher im Ukrainekrieg. Deswegen Schluss mit der Kriegshetze und der Kriegspropaganda in Deutschland! Hören wir endlich auf, jeden, der gegen diesen Krieg ist, als "Putin-Versteher" zu diskreditieren. Vielmehr sollten wir die Bemühungen von Menschen wie Schröder, diesen Krieg durch Verhandlungen zu beenden, schätzen. Darüber hinaus sind wir gut beraten, ältere Menschen nach ihren Kriegserlebnissen und Kriegstraumata zu befragen, um den Kriegswahnsinn in unseren Köpfen zu beenden. Denn: "Die Wahrheit findet in den Köpfen statt" (Aaron B. Czycholl).

PS: Der Mann auf obigem Foto mag älter aussehen als Gerhard Schröder, dürfte in Wirklichkeit aber kaum älter sein. Auch ein unerklärter Krieg, in dessen Folge kalt duschen an der Tagesordnung und ein Dach über den Kopf keineswegs sicher ist, weil das Haus gerade zusammenfällt, wie in Bulgarien jedes zweite, schneller altern lässt. Das kann ich nach über einem Jahr hier mit Sicherheit sagen, und auch dies: Man altert in Bulgarien nicht, ohne dabei gelebt zu haben.

PPS: Wenn ich Gerhard Schröder Recht gebe, so heißt das nicht, dass ich alles gut finde, was er tut oder getan hat - im Gegenteil. Nur, was für den Krieg gilt, gilt auch für Gerhard Schröder. Es gibt kein Schwarz oder Weiß, auch wenn viele das denken, weil wenn "der Feind bekannt, der Tag Struktur" hat. Nur, so ist das Leben leider nicht. Es besteht vielmehr aus vielen Grautönen, ob einem das passt oder nicht. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber wir leben in besonderen Zeiten, in denen Selbstverständliches nicht mehr selbstverständlich ist.

Foto&Text TaxiBerlin

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