10.11.21

Sex in Zeiten von Corona

Der Austausch von Zärtlichkeiten - in Bronze gegossen
Vorm „Dramatischen Theater“ der Stadt Montana / Bulgarien

In Zeiten von Corona muss ein jeder von uns noch mehr als zuvor schon sehen, wo er bleibt, auch was den Sex angeht. Sex ist auch für mich ein großes Thema, alles andere wäre gelogen, aber von irgendwas muss auch ich meine Rechnungen bezahlen. Ich bin aber nicht einfach nur so ein Commercial-Guy, dem es vor allem ums Geld geht. Nein, auch der Sex darf dabei nicht zu kurz kommen. Nicht nur manchmal schwanke ich zwischen Sex und Geld, sondern praktisch permanent. Ganz offen gestanden gehöre ich zu jenen Zeitgenossen, die nicht wirklich wissen, was ihnen das wichtigste, das liebste im Leben ist: der seelenlose Mammon oder die lustvolle Ekstase? Was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass beides zur Droge werden, ich von beidem nicht genug kriegen kann. 

Hatte ich vor einiger Zeit versucht, mit schriftlichen „Einwilligungserklärungen“ bezüglich einvernehmlichem Sex meinen Schnitt zu machen, so spricht heute über diese keiner mehr. Die Erklärung war damals wichtig, damit keiner der beiden Vertragspartner später sagen konnte, der oder die andere hätte sie oder ihn vergewaltigt. Wobei man dazu sagen muss, dass eigentlich immer nur der Mann die Frau vergewaltigt. Oder hat man je von einer Vergewaltigerin gehört? Mein Schreibprogramm kennt dieses Wort jedenfalls nicht. Dagegen ist jeder Mann ein Schwein und potenzieller Vergewaltiger, das ist bekannt. Ich selbst würde mich, in Anlehnung an die „gemäßigten Rebellen“ im Syrien-Krieg, als einen „gemäßigten Vergewaltiger“ bezeichnen.

Die Einwilligungserklärung wurde bald „aufgrund der aktuellen Situation“ von  der „Selbstanzeige“, einer weiteren Geschäftsidee von mir, abgelöst. Denn heute wird nicht mehr geraucht nach dem Sex, sondern sich selbst angezeigt, und zwar wegen unerlaubtem Körperkontakt. Oder um es mit anderen Worten zu sagen: „Erst  ficken – dann melden!“ oder: „Erst Kopulieren – dann kontaktieren!“ oder auch „Erst Deflorieren – dann denunzieren!“, auch das ist möglich. Wie viele dieser Aufforderung zur Selbst- und auch Fremdanzeige nachgekommen sind, ist bisher nicht bekannt geworden, obwohl sonst viel Wert auf Zahlen gelegt wird dieser Tage. Viele können es nicht gewesen sein, ich bin jedenfalls keine einzige Selbstanzeige losgeworden.

Auch diese Geschäftsidee war also eher ein Flop, was wohl auch daran liegt, dass die meisten Menschen gar keinen Sex mehr haben, und das schon lange vor Corona. Auch darüber gibt es leider keine genauen Zahlen, sondern nur indirekte, die Reproduktionszahlen. Und da sieht es so aus, dass, nachdem zuvor schon die Produktion ausgelagert war, ihr nun die Reproduktion gefolgt ist.

Für die allermeisten ist es also nichts wirklich Neues, beim Austausch von Körperflüssigkeiten auf dem Trockenen zu sitzen. Mit dem Sex scheint es wie mit der Arbeit und auch dem Geld zu sein: Viele haben wenig oder gar keine/s und einige wenige haben zu viel. In der Sex-Branche nennt man die, die viel Sex haben, Sex-Arbeiterinnen. Es soll auch Sex-Arbeiter geben, aber die sind, obwohl von Natur aus besser für schwere, körperliche Arbeit geeignet, hier zu vernachlässigen. Nicht nur der Mensch an sich ist nicht immer logisch, sondern auch seine Natur.

Wenn ich mich recht entsinne, hatte Angela Merkel ihrerzeit den Sex-Arbeiterinnen höchstpersönlich das Arbeiten verboten. An die genaue Formulierung erinnere ich mich nicht mehr, aber sie hat das Wort „Bordelle“ in einer offiziellen, mündlichen Erklärung wirklich in ihren Bundeskanzlerinnen-Mund genommen, und zwar deswegen, weil diese zu schließen seien. Und offiziell geschlossen sind sie bis heute, zumindest so weit ich informiert bin. Dabei wären die Sex-Arbeiterinnen die ersten gewesen, denen man für ihren harten aber schlecht bezahlten Job einen Orden für ihre systemrelevante Tätigkeit an ihre blanke Brust hätte heften müssen.

Das ist leider nicht passiert, wie überhaupt die Ehrung oder auch nur die Erwähnung systemrelevanter Berufe komplett eingeschlafen ist. Es sprach auch niemand von notleidenden Bordellen wie zuvor von notleidenden Banken, wobei letztere nur Not litten, weil sie sich zuvor verzockt hatten. Das Geld, das man den Bankern wie einem Junkie das Heroin hinterhergeworfen hat, wäre bei den Sex-Arbeiterinnen viel besser angelegt gewesen. Denn die Sex-Arbeiten verrichten nicht einfach nur EINE systemrelevante Tätigkeit, sondern ihr Beruf war und ist möglicherweise DER systemrelevanteste überhaupt. Das ist keine Übertreibung, ganz im Gegenteil. Die armen Banker, die damals in ihrer Not und mit unserem Geld noch öfter als zuvor schon die Dienste der Sex-Arbeiterinnen in Anspruch nahmen, könnten dies bestätigen, wenn man sie fragen würde.

Zurück zu den Menschen von heute, die über Monate eingeschlossen waren, die darüber hinaus ihre Liebsten nicht sehen und keinen Sex mehr mit anderen haben durften. Auch das Fremdgehen ist seit letztem Jahr komplett eingeschlafen, die meisten gehen nicht einmal mehr bekannt. Was soll ihnen noch schlimmeres passieren? Gut, viele Menschen hatten, wie gesagt, auch schon vor Corona keinen Sex mehr gehabt. Das ist zumindest meine ganz persönliche Erfahrung. Insbesondere für den Mann ist es in den letzten Jahren immer schwieriger geworden, an Sex heranzukommen.

Das hängt sicherlich auch mit dem Alter zusammen, keine Frage, aber nicht nur. Woran es genau liegt, kann auch ich nicht sagen. Möglicherweise ist einfach das Angebot kleiner geworden, an der mangelnden Nachfrage kann es nicht liegen. Jedenfalls scheint mir dies die größte Ungerechtigkeit zu sein, die die Welt von heute für uns Babyboomer bereithält, sieht man einmal von der Forderung ab, dass wir Babyboomer besser das Maul halten sollen, was immerhin bedeutet, dass man uns den Sex zumindest in geräuschloser Form noch zugesteht. Ich würde trotzdem behaupten, dass es sich beim mangelnden Angebot an Sex generell um eine noch größere Ungerechtigkeit handelt, als es das ständige „aufgrund der aktuellen Situation“ darstellt. Und an dieser Ungerechtigkeit ist nicht einmal Corona Schuld – auch das gibt es!

Die sexuelle Situation im Lande, die wie gesagt, schon zuvor prekär war, ist jetzt ausweglos, verfahren und in einer Sackgasse. Die Engländer nennen das Problem kurz und knapp „oversexed and underfucked“. Wir Deutsche reden zum Glück anders, meistens sogar gar nicht. Was wir Deutschen aber auch tun, und das war schon immer so, ist, dass wir in Krisenzeiten zusammenrücken. Das haben die Menschen immer getan, aber genau das dürfen sie jetzt nicht mehr, und das macht mir große Sorge. Auch ich ein besorgter Bürger und nicht nur ein Commercial-Guy und Sex-Maniac.

Deswegen überlege ich seit einiger Zeit, ob es nicht kontaktlosen Sex geben sollte, ob der kontaktlose Sex nicht sogar die Zukunft und die Lösung aller Probleme sein könnte. Da es bereits die kontaktlose Abholung, die kontaktlose Bezahlung, die kontaktlose Bestellung und auch die kontaktlose Zustellung gibt, scheint mir der kontaktlosen Sex unumgänglich, auch wenn ich noch nicht weiß, wie dieser genau aussehen könnte. Machen wir uns eines grundsätzlich klar: Sex der alten Schule, also wie wir in kennen oder zumindest bis vor kurzem kannten, war und ist unhygienisch und gehört, unter dem Aspekt der Hygiene, komplett verboten. Das muss einmal klar ausgesprochen werden, auch weil viele es nicht wissen.

Die ganze Sache kann aber auch eine Chance sein, und zwar für mich, um wieder oder besser: überhaupt einmal ins Geschäft zu kommen. Man muss aus der Hygiene nur ein Business machen, so einfach ist das. Denn eigentlich bin ich, wie gesagt, auch ein totaler Commercial-Guy, aber Commercial-Guys haben es gerade auch nicht leicht, zumindest die meisten. Aber es geht mir nicht nur ums Geld, auch das erwähnte ich bereits, sondern ebenso um den Sex, den auch ich irgendwann einmal hatte. Zugegeben, das ist bei mir auch „aufgrund der aktuellen Situation“ jetzt schon etwas her. Aber, und das ist die gute Nachricht, man verlernt den Sex nicht. Sex ist wie Fahrrad fahren oder wegen mir schwimmen, man ist ganz schnell wieder obenauf.

Als erstes kam mir bei kontaktlosem Sex die Idee, Sex nur noch von hinten zu gestatten. Früher, als Kinder, sagten wir immer, dass es von hinten kein Kindergeld gäbe, aber was wussten wir denn?! Das mit dem Sex von hinten scheint mir erst einmal der richtige Weg, oder besser: die richtige Richtung zu sein. Irgendwo hatte ich gelesen, dass bei einem Naturvolk bereits junge, attraktive Männer das Problem haben, dass es nicht genügend Frauen in ihrem Alter gibt, mit denen sie Sex haben können. Bei diesem Naturvolk schlafen deswegen alte, hässliche Frauen mit diesen jungen Männern, denen sie dabei den Rücken zudrehen. So wird der Körperkontakt auf ein Minimum reduziert, vor allem aber sehen die jungen Männer nicht das hässliche Gesicht der alten Frau, mit der sie gerade Sex haben. Dabei hilft auch eine Maske, also prinzipiell und nicht nur bei Naturvölkern. Mit Maske sehen Menschen irgendwie alle gleich aus. Eine hässliche Frau mit Maske habe ich noch nicht gesehen und ist mir demzufolge auch noch nicht untergekommen.

Fassen wir zusammen: Von hinten und mit Maske ist Sex, wer ihn haben möchte, möglich und auch halbwegs sicher, da kaum Körperkontakt. Klar, hundertprozentig sicher ist von hinten und mit Maske auch nicht. Ich sage jetzt aber nicht, dass im Leben nichts sicher ist, sondern denke stattdessen weiter angestrengt darüber nach, wie Sex in Zeiten von Corona sicherer gemacht werden kann. Dabei geht es mir sowohl um den Sex, als auch ums Geschäft, also ums Geld machen. Und da wundere ich mich gerade, dass sich Prostitution auf Prohibition reimt. Komisch, oder?

Zu Zeiten der Prohibition gab es in Amerika sogenannte „Flüster-Kneipen“, in denen illegal Alkohol ausgeschenkt wurde. So eine „Flüster-Kneipe“ stelle ich mir gerade vor. Das Licht schön schummrig, damit man den Alkohol nicht sieht, der in Tassen getarnt auf den Tischen steht. Schummrig rot war es auch im Bordell, und geflüstert wurde dort mit Sicherheit auch. So ein „Flüster-Bordell“ wäre natürlich total illegal und damit nicht gutzuheißen, auch wenn es sie geben wird oder schon gibt, die neuen „Flüster-Kneipen“, da bin ich mir sicher. Ich bin bei den „Flüster-Bordellen“ jedenfalls nicht dabei.

Auch weil die kriminelle Energie, oder sollte ich besser die kriminelle Lust sagen?, des modernen Menschen möglicherweise völlig überschätzt wird. Der Mensch von heute sitzt vermutlich viel lieber vor seinem Rechner und sieht sich mit einem Feuchttuch in der Hand hygienisch korrekt und absolut legal einen Porno im Internet an. 

Die Pornoindustrie ist einer der größten Profiteure von „aufgrund der aktuellen Situation“, und natürlich auch die Feuchttücherindustrie, das ist kein Geheimnis. Vielleicht ist der Porno sogar die Zukunft des Sex’, so wie die Karte die Zukunft des Geldes ist. Ich will es mir besser gar nicht vorstellen, muss es aber, denn ich habe gerade schwerwiegende geschäftliche Entscheidungen zu treffen, bei denen es um eine Menge Geld geht, das ich nicht habe, und das ich mir demzufolge von meiner Bank borgen muss. Und da wäre es schon hilfreich zu wissen, ob der Mensch von morgen noch Sex in der Form haben wird, wie wir ihn von früher kennen, oder eben nicht.

Ich glaube ehrlich gesagt fest daran, denn eine Welt ohne die körperliche Berührung, ohne den Austausch sowohl von Zärtlichkeiten, als auch von Körperflüssigkeiten, ohne das Eins werden von zwei Körpern in lustvoller Ekstase, die kann und möchte ich mir nicht vorstellen.

Möglicherweise, es ist nicht völlig auszuschließen, ist aber auch meine neueste Idee, nach der Einwilligungserklärung und der Selbstanzeige, in die ich gerade viel Geld und Zeit investiere, zum Scheitern verurteilt. Das ist durchaus möglich, und dann kann ich sie auch gleich verraten. Es ist auch keine neue Idee, sondern eine alte, und zwar die Idee des Ganzkörperkondoms. Ein jeder und auch eine jede hat vermutlich schon von ihm, dem Ganzkörperkondom gehört, aber noch niemand hat eins gesehen.

Jetzt ist die Zeit gekommen, ein solches zu entwickeln, um den Sex nicht komplett der Pornoindustrie und den Herstellern von Feuchttüchern zu überlassen. Das ist zumindest meine Meinung, oder wenn man so will, meine Haltung, obwohl ich ansonsten völlig haltlos bin, vor allem beim Sex natürlich, aber auch sonst, wie zum Beispiel jetzt, ohne rechte Haltung, also wie ein Schluck Wasser, vor meinem Computer sitze. Ob das jetzt richtig ist oder falsch, das weiß ich auch nicht. Das herauszufinden, überlasse ich anderen. Ich bin gerade mit der Entwicklung und dem Ausprobieren des erstens Ganzkörperkondoms voll und ganz ausgefüllt. Denn ich plane ein fulminantes Come-Back, was vielleicht das verkehrte Wort ist, weil ich noch nie irgendwie oben war.

Mit dem ersten Ganzkörperkondom überhaupt werde ich es garantiert schaffen. Ich muss nur fest daran glauben, und das tue ich. Ich kann auch dieses ganze Gerede nicht mehr hören, dass man irgendetwas tun müsste. Diese nichtstuenden, nichtssagenden Heuchler, die nicht nur nie etwas tun, sondern darüber hinaus auch nie das meinen, was sie sagen, weil sie selbst nicht wissen, was ihre Meinung ist, oder was sie von irgendwas halten sollen. Die Welt ist voll von ihnen, von denen man, wenn sie sich dann doch einmal aufraffen und versuchen eine eigene Meinung zu artikulieren, eigentlich immer nur erfährt, wer gerade wieder für sie denkt.

Ich kann sie nicht mehr sehen, nicht mehr ertragen. Ich gehe lieber aufs Ganze und riskiere Alles, selbst hier darüber zu schreiben. Ich halte mich an Nietzsche, der daran glaubte, dass ein Deutscher großer Dinge fähig ist, und ignoriere einfach den zweiten Teil seines Aphorismus', dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass er es auch tut. Sollte allerdings auch meine neueste Geschäftsidee scheitern, dann bin ich geliefert, und zwar meiner Bank mit ihren blutsaugenden und spermaspritzenden Bankern. 

Ich arbeite hart daran, dass dies nicht passiert, obwohl ich, alleine das muss man sich einmal vorstellen, nicht sicher bin, ob ich das von mir erfundene Ganzkörperkondom selbst benutzen würde. Wenn ich ganz ehrlich sein soll, eher nicht. Ich weiß, das hört sich heuchlerisch an, und ist es auch. Auch ich ein Heuchler. Aber ist es denn nicht so, dass die stolzen Smartphone-Erfinder ihren eigenen Kindern, immerhin haben sie noch welche, auch besser keines ihrer hervorragenden Geräte in die Hand drücken?

Mir geht es mit meiner Erfindung genauso. Ich sage das auch ganz klar vorher, damit es später keine Klagen gibt. Wem das egal ist, der kann jetzt schon mal eins von meinen Ganzkörperkondomen vorbestellen. Auch Anfragen zwecks Verabredungen zum nicht kontaktlosen Kennenlernen in alter Manier werden ab sofort vom Heuchler und Autor dieser Zeilen persönlich entgegengenommen. Deswegen überhaupt der ganze Aufwand.

Foto&Text TaxiBerlin


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