06.05.2022

Bericht aus Bulgarien (128)


Füttere den Verstand
Bleibe hungrig!

Heute möchte ich eine kleine Bildergeschichte erzählen, denn Bilder sagen bekanntlich mehr als tausend Worte. Die Geschichte handelt in Sofia, wo vorgestern das Parlament mit großer Mehrheit „militärtechnische Hilfe“ für die Ukraine beschlossen hat, obwohl 70 Prozent der Bevölkerung für die Neutralität Bulgariens sind. Geht es nach ihnen, sollte ihr Land so neutral bleiben wie die Schweiz es ist, was aber in Falle Bulgariens „prorussisch“ ist. Ganz nach dem Motto: Was weiß denn der gemeine bulgarische Barbar von der Schweiz?! – Meine Antwort darauf ist, dass sich die allermeisten im Land verbliebenen Bulgaren mit Leid, Zerstörung und Verfall besser auskennen als viele im Ausland, insbesondere in Deutschland. Die dortige Kriegsgeilheit ist meiner Beobachtung nach an erster Stelle Ausdruck des eigenen Verdrusses und Lebensüberdrusses.

Sofia in Flammen

Die Abstimmung im bulgarischen Parlament am Mittwoch war für mich Anlass nach Sofia zu fahren, wo bereits die ersten Mülltonnen brannten. Außer mir waren auch noch andere auf den Straßen der bulgarischen Hauptstadt unterwegs, um genau zu sein eine Minderheit von vielleicht 150, die gar eine militärische Unterstützung der Ukraine durch Bulgarien forderte, und eine Mehrheit von etwa 500 Menschen, am Vorabend waren es alleine in Sofia noch 3.000 gewesen, die dafür ist, das Bulgarien neutral bleibt. Praktisch so wie sich auch in der Gesamtbevölkerung ein Drittel und zwei Drittel gegenüberstehen – nicht nur in dieser Frage.

Per Anhalter nach Istanbul

Dann gibt es auch noch Menschen wie diese drei jungen Mädels, die nur weg wollen aus Bulgarien, und zwar in die Türkei nach Istanbul. So stand es zumindest auf ihrem Schild geschrieben, mit dem sie zu dritt auf der Zarigradsko Chaussee, einer Schnellstraße Richtung Osten, versuchten eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Da ich nur um die Ecke und nicht nach Istanbul wollte, kam ich als Fahrer nicht in Frage. Schade, wäre sicherlich interessant gewesen, die Beweggründe der drei zu erfahren. Ich selbst bin vor vielen Jahren auch viel per Anhalter unterwegs gewesen, einmal sogar nach Bulgarien.

Explore the Vitosha mountains

Bevor ich an den drei Mädels vorbeifuhr, habe ich vom Flughafen kommend auf der Hochstraße den herrlichen Blick aufs Vitosha-Gebirge genossen, vielleicht das schönste an der ansonsten schrecklichen Stadt Sofia überhaupt. Der geniale Ausblick wurde nur durch die Werbung für den Ford „Explorer“ gestört, denn  auch und insbesondere in Kriegszeiten muss der Rubel, Verzeihung, selbstverständlich der Dollar, rollen.

Wer nicht „explored“ genug ist, kauft sich einen Ford, vorausgesetzt er hat noch das Geld dazu. Der bulgarische Finanzminister Assen Wassilev, unser „Harvard-Boy Nummer Zwei“, „Harvard-Boy Nummer Eins“ ist unser Kriegs-Ministerpräsident Kiril Petkow, hat garantiert, dass es auch in Zukunft genug Gas geben wird, nur zu einem anderen Preis. Das heißt, dass der, der kein Brot hat, entweder Kuchen fressen muss, oder hungrig bleibt und damit seinen Geist stärken kann, oder so ähnlich. Derselbe Ford spielt – „Ford sei Dank!“ – auch in Huxleys Neuer Welt eine zentrale Rolle. Ein Buch, das sich neben Orwells „1984“ gerade wie geschnitten Brot verkauft in Bulgarien.

Verschiedene aktuelle Ausgaben von "1984"

Zurück zu den Menschen auf der Straße, es haben sich noch nicht alle Bulgaren ins Ausland evakuiert. Die meisten sind wie gesagt für die Neutralität des Landes, sie trugen oft bulgarische Fahnen, russische gab es keine auf dem Protest, und unterhielten sich auch gerne mit ihren Ordnungshütern, die als Teil der Mehrheit im Land die Dinge wohl ganz ähnlich sehen dürfte wie diese Demonstrantin.

Demonstrantin für den Frieden und die Neutralität Bulgariens
im Gespräch mit einem Polizisten

Ukrainische Flaggen gab es und natürlich waren sie auch erlaubt. Mit einer ganz großen ukrainischen Fahne versuchte man das große Denkmal für die Sowjetische Armee im Zentrum von Sofia zu verhüllen, ganz so als wäre Christo Ukrainer gewesen. Ein älterer Herr, auch er hatte sich eine bulgarische Fahne umgehängt, in der Hand hielt ein eine ukrainische, schrie dazu so laut, dass Fensterscheiben zerbarsten. Ich überlegte den Arzt zu rufen, aber man versicherte mir glaubhaft, dass dem Herrn, der weiterhin unkontrolliert und hysterisch schrie, nichts fehlen würde. Ich verwende dieses Bild auch, um zu zeigen, wie leicht man mit Fotos manipulieren kann, erspare mir dabei aber einen Untertitel wie: „Verrückter Ukrainer schreit Bulgarien in den Krieg“.

Ohne Untertitel

In der bulgarischen Hauptstadt brannten wie gesagt am Mittwoch bereits die ersten Mülltonnen. Ob weitere Mülltonnen brennen werden, lässt sich schwer sagen. Dass demnächst mehr Menschen auf die Straße gehen werden, davon würde ich allerdings schon ausgehen. Nicht nur, weil sich nicht jeder einen Ford oder auch nur Kuchen leisten kann, sondern vor allem wegen der neuen Bewegung im Land mit dem Namen „Gesamtbulgarische Marsch für Frieden und Nationalität“, der am Tag vor der Abstimmung auch in anderen Städten Bulgariens Proteste organisiert hatte. So wie es nicht „ein bisschen schwanger“ gibt, so gibt es auch nicht nur „ein bisschen Krieg“, der möglicherweise schon vorbei wäre, wozu man allerdings mit dem Schreien und auch mit dem Hetzen aufhören müsste. Den meisten insbesondere der jungen Leute von heute geht das alles nicht nur in Bulgarien so ziemlich am Arsch vorbei, sie werden wohl selbst in der Hölle noch nur auf ihr Smartphone starren. Ein Phänomen, dass im letzten „Borat“ als „calculator-crazy“ bezeichnet wurde, vielleicht das beste am ganzen Film. - Borat kannte noch kein Smartphone, sondern nur Taschenrechner.

„calculator-crazy“ - auch in Sofia

Fotos&Text TaxiBerlin

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