05.05.2022

Bericht aus Bremen (1)


Bremen Hauptbahnhof

Der heutige Bericht ist von Joachim aus Bremen, der mich nach meinem ersten Artikel "Bulgarien - die große Freiheit" auf Multipolar kontaktiert hat. Seit diesem Beitrag habe ich Sponsoren, die ich bei den Anonymen Alkoholikern nicht hatte, und Joachim ist einer von ihnen. Wie es dazu kam, was Joachim für ein Mensch ist und welche Pläne er hat, allen voran Reisepläne, das beschreibt er anschaulich in dem folgenden Text, den ich für äußerst gelungen halte, und für den ich mich bei Joachim bedanken möchte, der auch das Bild beigesteuert hat. Ich freue mich sehr auf das Kennenlernen, nicht nur mit Joachim, sondern auch mit seiner Frau. Auch wenn ich ihn noch nicht persönlich kenne, kann ich aufgrund unseres Austausches sagen, dass er eigentlich mehr ein großer Bruder als ein Sponsor für mich ist.


Bulgarien

Denke ich an Frankreich, dann fallen mir Landschaften, Situationen, Geschichten und Menschen ein, die ich mit diesem Land in Verbindung bringe. Ebenso ergeht es mir mit anderen Ländern. Manche kenne ich durch eigenes Erleben (als Tourist), andere über Erzählungen von Bekannten oder Freunden oder aus Büchern und Berichten.

Bulgarien kam mir nie in den Sinn. Es fiel mir auch nichts dazu ein, wenn mich jemand dazu fragte. Es fragte mich auch nie jemand. O.k., die Pflegerin des alten Herrn in der Nachbarschaft kommt aus Bulgarien. Manchmal sehe ich auch Autokennzeichen mit dem Länderkürzel BG. Das sind meistens Lieferwagen auf Autobahnen oder Tieflader mit alten Pkws auf dem Weg in den Osten. Bulgarien ist, wie Rumänien, einfach nur irgendwo im Osten.

Mit Corona hat sich mein Weltbild geändert. Nicht nur hinsichtlich meines Vertrauens in die Kritikfähigkeit der deutschen Presse und ihrer Vertreter. Auch mein Vertrauen in die Rationalität politischen Handelns ist mir verloren gegangen. Dies hatte zur Folge, dass ich mir meine Informationen fernab der öffentlich-rechtlichen Medien und der deutschen Leitpresse besorgte.

Die fortschreitenden Anfeindungen und Diskreditierungen von Andersdenkenden machte mir Angst. Die Drohung mit einer Zwangsimpfung ebenso. Tatsächlich ertappte ich mich dabei, darüber nachzudenken, wohin ich auswandern könnte. Oder wo ich mich aufhalten könnte bis der Pandemie-Wahn vorüber wäre. Wo können Menschen mit anderen Ansichten oder kritischem Denken noch frei und unbesorgt ihr Leben führen? Diese Frage ging mir durch den Kopf als ich auf Multipolar.de einen Artikel las von einem, der es getan hatte. Ein ehemaliger, heute weiß ich, „trockener“ Taxifahrer aus Berlin war einfach in die Schluchten des Balkans verschwunden und berichtete von dort. Wow! In meiner Vorstellung war dieser Schritt nicht nur mutig, sondern auch konsequent. Außerdem berichtete dieser Mensch auf seinem Blog tagtäglich über das Leben in seinem Fluchtland und über seine Einstellungen zu Deutschland aus der Ferne.

Der hat sich weggemacht nach Bulgarien, dachte ich mir. Den muss ich kennenlernen. Also schrieb ich eine Mail, worin ich ihn fragte, ob ihm irgendwelche Orte in Bulgarien bekannt sind, wo sich eventuell andere Geflüchtete aufhalten. Also, solche, die wie er das Leben in Deutschland nicht mehr ertragen haben. Rumen antwortete mir umgehend, berichtete von „seinem“ Bürgermeister, der ein Haus verkaufen möchte, dass noch einiges an Renovierung bedarf. Was ist das für einer, fragte ich mich, der hat einen eigenen Bürgermeister. Meine bisherigen Erfahrungen mit Bürgermeistern sind eher von Distanz und Unzugehörigkeit geprägt. Aber einen Bürgermeister sein eigenen zu nennen, das machte mich neugierig.

Mittlerweile hatte ich mich auch durch sein Blog-Archiv gelesen und versucht, mir ein Bild zu machen von diesem Menschen dort in Bulgarien. Da gab es etwas in seinen Texten, das mich anzog. War es der Humor, der zwischen den Zeilen durchschimmerte? Die Art des Erzählens und seine wiederholten Hinweise auf seine Zeit als Taxifahrer in Berlin? Ich bin auch Taxi gefahren in jungen Jahren aber nur in einer Kleinstadt mit 15.000 Einwohnern. Dabei bin ich die meiste Zeit gestanden und habe auf Fahrgäste gewartet. Eine sehr produktive Zeit für mich als Leseratte! Rumen aus den Schluchten des Balkans wurde mir ein Seelenverwandter, wobei ich noch nicht genau sagen kann, warum und wodurch. Mir gefallen weiterhin seine Berichte aus Bulgarien und seine Sicht auf das, was hier in Deutschland passiert. Besonders interessant finde ich die Hinweise auf die Lebenshaltungskosten dort und die Mentalität seiner Mitmenschen. Es scheint mir alles sehr sympathisch und sehr unkompliziert, was er von dort beschreibt.

Noch vor meiner ersten Kontaktaufnahme per Mail hatte ich Rumen eine Spende zukommen lassen. Mir war, als ist diese ganz persönliche Spende mehr wert als meine sonstigen Ablasshandlungen gegenüber Greenpeace, Ärzte ohne Grenzen oder sonstigen gemeinnützigen Organisationen. Rumen war kein Objekt meiner Gewissensberuhigung. Es war mir wichtig und machte mir Freude, ihn in seiner Situation zu unterstützen. Zu den regelmäßigen Geldspenden gesellten sich ebenso regelmäßige E-Mails, die wir austauschten. Nachdem ich wusste, dass auch Rumen ein Bücherwurm ist, machte es mir besonders viel Freude, ihm das ein oder andere Buch zukommen zu lassen. Bald auch ein Paket mit dem ein oder anderen Werk und einen Zugriff auf meine eBook-Bibliothek.

Dieser Rumen dort in Bulgarien wuchs mir ans Herz und ich weiß noch immer nicht, warum. Mit der Zeit machte sich der Gedanke breit, dass ich ihn und dieses Land kennenlernen möchte. Ich wäre früher nie auf die Idee gekommen nach Bulgarien zu reisen. Schon gar nicht, um dort Urlaub zu machen. Nachdem auch meine Frau an einem gemeinsamen Aufenthalt dort Interesse zeigte, war es kein großer Schritt mehr zur Buchung eines Fluges. Und mit der Gewissheit dort in eine fremde Kultur, eine fremde Sprache und sogar Schrift einzutauchen, wuchs meine Furcht vor dem, worauf ich mich einlassen würde. Wie kann ich so naiv sein, ein Land auf eigene Faust bereisen zu wollen, wovon ich nur vom Hören-Sagen weiß und dessen Sprache ich nicht verstehe?

Es mussten also Reiseführer und Landkarten her. Ein Sprachführer sollte die Alltagsschwierigkeiten zu bewältigen helfen. Eine Adresse im Internet versprach den Erwerb der kyrillischen Schrift in wenigen Tagen. Weitere Recherchen führten zu einer Reiseanbieterin, die speziell für Deutsche Individualreisen durch Bulgarien anbietet. Das war interessant, denn dann musste ich mir nicht gemeinsam mit meiner Frau eine Route einfallen lassen, die letztlich nur auf Informationen aus zweiter Hand gestützt wäre. Meine weiteren Recherchen führten mich zu einem Buch „111 Gründe Bulgarien zu lieben“. Ich habe es verschlungen! Meine Abneigung gegenüber herkömmlichen Reiseführern hat sich dadurch nur noch vergrößert. Dieses sehr individuell geschriebene Buch mit vielfältigen Darstellungen aus dem Leben einer Bulgarin liest sich wie ein Liebesroman. Natürlich ist alles stark eingefärbt von ihrem positiven Blick. Doch lieber lasse ich mich von diesem leiten als den negativen Bildern über das Armenhaus Europas.

Unsere Tour durch Bulgarien ist jetzt professionell geplant. Wir landen in Sofia, übernachten dort und fahren dann mit einem Mietwagen zu Rumen in die Berge. Dort haben wir dann das Wochenende Zeit uns im richtigen Leben kennenzulernen. Anschließend geht es durchs Land mit einigen Stopps in familiengeführten Hotels, mit Stadtführungen und den Besuch von Sehenswürdigkeiten bis hin zum Schwarzen Meer und wieder zurück nach Sofia. Mir schwant jetzt schon, dass die geplanten vierzehn Tage viel zu wenig sein werden für all das, was es zu entdecken gibt. Aber so eine Reise lässt sich ja wiederholen und wer weiß, vielleicht wird es einmal ein Aufenthalt für längere Zeit.

Foto&Text JoachimBremen

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