28.7.22

Bericht aus Bulgarien (210) - "Zu Besuch im bulgarischen Parlament"

USA-Muskel-Shirt und französische Gelbe Weste vereint
vor dem bulgarischen Parlament in Sofia

Gestern war ich im bulgarischen Parlament, um ein Interview mit einem Politiker zu führen, den ich am Freitag zufällig in dem neben dem Parlamentsgebäude gelegenen Park "Kliment von Ochrid" getroffen habe. Bevor ich das Parlament durch den Hintereingang betreten durfte, musste ich mich in dem eigens dafür vorgesehenen blauen Pavillon davor anmelden. Da mein Name im System war, war das kein Problem. Zum Problem wurden meine Sandaletten. Männer dürfen normalerweise nicht mit Sandaletten das bulgarische Parlament betreten. Die Frau, die am Einlass für die Sicherheit zuständig war, musste erst irgendwo anrufen, ich vermute ihren Chef, um sich abzusichern, dass sie mich trotz Sandaletten herein lassen darf. Auf den Straßen von Sofia war gestern wieder ein Protest der Transportbranche im Gange, der in dem Moment lautstark am Hintereingang des Parlamentes vorbeizog. Ein merkwürdiger Zufall, denn auch ich war einst als Taxifahrer Teil der Transportbranche. Jetzt bin ich Journalist, dessen Business sich ganz offiziell "Desillusionist" nennt. Der "Desillusionist" wurde am Ende auch mit Sandaletten ins Parlament gelassen, um eine gute Stunde den Politiker zu interviewen, den er am Freitag zufällig im Park getroffen hat. Ich sage jetzt mit Absicht nicht, um welchen Politiker es sich handelt, da ich noch über das Interview schreiben will, und es ein schlechtes Omen ist, wenn man vorher schon alles verrät. Ich will nur sagen, dass die Wege in Bulgarien kurz sind, und wenn man hier einen Politiker interviewen will, das im Gegensatz zu Deutschland mitunter ganz einfach ist. Nach dem Interview fand der "Desillusionist" plötzlich seine Chip-Karte nicht mehr, die man ihm gegeben hatte, um ins Parlament zu gelangen. Da er kurz zuvor von den Knast-Erfahrungen des Politikers erfahren hatte, die dieser gemacht hat, nachdem er anfing sich politisch zu betätigen, gab der "Desillusionist" seiner Befürchtung Ausdruck, jetzt vielleicht nicht mehr das Gebäude verlassen zu können und sich möglicherweise im Keller oder gar im Knast wiederzufinden. Dieser Fall ist zum Glück nicht eingetreten, sonst hätte ich wohl kaum diesen Beitrag schreiben können. Die Mitarbeiterin des Politikers, die ebenfalls Sandaletten trug, bei Frauen offensichtlich kein Problem, brachte mich höchstpersönlich zum Ausgang. Die Chip-Karte ist bis jetzt unauffindbar. Ich muss sie irgendwo im Parlament verloren haben, das mit roten Teppichen ausgelegt ist, auf denen es sich auch mit Sandaletten gut laufen lässt. Später machte ich noch obiges Foto von zwei gemeinsam die Straße vor dem Parlament aufreißenden Arbeitern, der eine im USA-Muskel-Shirt, der andere mit französischer Gelber Weste. Beides Themen, die auch im Interview eine Rolle gespielt haben. Ob es veröffentlich wird, ist alles andere als gewiss. Die Berliner Zeitung beispielsweise, der ich als "Desillusionist" vor zehn Tagen einen aktuellen Artikel zu den "Uber Files" angeboten habe, hat sich auch auf Nachfrage bisher nicht bei mir gemeldet. Fest steht dagegen, dass es vorerst keine Proteste direkt vor dem Parlament in der bulgarischen Hauptstadt geben wird. Es kann sie nicht geben, weil die beiden netten Herren dort die Straße aufreißen. Da die beiden jungen Männer auch über Muskeln verfügen, stelle ich mir gerade vor, wie es wohl aussieht, wenn diese gegen friedliche, möglicherweise ausgezehrte Demonstranten zum Einsatz kämen. Wahrscheinlich wird man das demnächst erleben können, nicht nur in Bulgarien, sondern auch in Deutschland.

Hintereingang des Parlaments - Eintritt nur mit ohne Sandaletten

Fotos&Text TaxiBerlin

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen