10.08.2020

Wie TaxiBerlin die Krise als Chance nimmt



Seit Kindesbeinen an habe ich eine Abneigung gegens Aufräumen und Putzen. Wieso sollte ich auch ausgerechnet da Ordnung schaffen, wo ansonsten nichts in Ordnung ist? In Krisenzeiten kommt bei mir nun dieses alte Traumata wieder ans Tageslicht, weswegen Krisen wichtig sind, denn sie sind immer auch eine Chance. Bei mir sieht es so aus, dass sich meine Aversion gegens Aufräumen und Putzen in eine regelrechte Zwangsneurose gewandelt, praktisch um 180° gedreht hat, ich also vom Putzen und Aufräumen nicht mehr lassen kann. Bereits in Berlin habe ich immer mal wieder mit der Berliner Stadtreinigung (BSR) geliebäugelt. Die Heimat der Männer von der BSR, die Frauenquote dort entspricht ziemlich genau der bei den Taxifahrern, sind auch die Straßen und Plätze unserer Stadt, also da wo ich als Taxifahrer zu hause war, und ihre Farbe in Berlin ist Orange, was nicht weit vom Gelb des Taxis entfernt ist. Wie gesagt, in der Krise wurde nun mein altes Putz- und Ordnungstrauma geweckt. Wieso, Weshalb, Warum? – Das würde jetzt zu weit führen zu erklären. Aber möglicherweise geht es dir genauso, dass auch bei dir plötzlich alte Dramen auf der Tagesordnung stehen, auch weil ein Zusammenrücken, wie in Krisenzeiten sonst üblich, in dieser Krise angeblich nicht möglich ist. Die aktuelle Krise ist so gesehen eine besondere Herausforderung, aber trotzdem auch immer noch eine Chance, zumindest sehe ich es so, wohl auch weil ich endlich eine Reinigungsmaschine in meinen Farben, also in Gelb/Schwarz der allermeisten Taxen weltweit, gefunden habe, nachdem sich das „Warten auf Godot Gäste“ im Taxi immer mehr als ein Warten auf etwas herausgestellt hat, was nicht kommt. Seitdem ich nun meine Gelb/Schwarze Putzmaschine vor einer Woche gekauft habe, ist sie praktisch im Dauereinsatz, was ganz schön ins Geld geht, denn das Teil hat eine Leistung von 2.000 PS Watt. Da mir das, manisch wie ich bin, gerade total egal ist, obwohl ich gar keine Kohle für den Strom habe, kann man wohl ohne Übertreibung von einer Zwangsneurose sprechen. Das klingt erst einmal nicht schön, wenn nicht gar abschreckend, dabei soll es das gar nicht sein, ganz im Gegenteil. Sicherlich, sich alte Dramen und Verletzungen, aber auch eigenes Fehlverhalten anzusehen, ist nicht gerade ein Vergnügen und erst recht kein Genuss. Das ist leider auch wahr. Aber nach der Reinigung, in dem Fall Retraumatisierung, fühlt man sich gleich viel besser. Und wenn man es gründlich macht, kann Ordnung schaffen ein kompletter Neuanfang sein, im besten Fall sogar eine Wiedergeburt. Mir sind nach dem großen Reinemachen nur noch ein Tisch, an dem ich gerade arbeite, und ein Stuhl, auf dem ich dabei sitze, verblieben. Alles andere habe ich verschenkt an Leute im Dorf und Zigeuner im Machala. Die haben sich gefreut, und ich habe mich gleich viel besser gefühlt. Ein Gutmensch bin ich deswegen nicht geworden. Ich habe beim Verschenken vor allem an mich gedacht. Auch weil ich gerade in „Aufzucht und Pflege eines Romans“ des Amerikaners Sol Stein, der u.a, mehrere Bücher von Elia Kazan lektoriert hat, die daraufhin Bestseller wurden, las: „Der Gute ist immer der Dumme.“ (S. 89, 2. Auflage 2005, Verlag Zweitausendeins) Wie ich den Strom bezahle, weiß ich immer noch nicht. Ich kann nur hoffen, dass die in Rumänien zusammengebaute Gelb/Schwarze Putzmaschine aus Deutscheland (Foto) spätestens nach einem Monat Dauereinsatz ihren Geist aufgibt. Ich finde es nicht zu viel verlangt, sich zumindest in dieser Hinsicht auf die Rumänen verlassen zu dürfen. Ansonsten wird mir der Stromversorger aus Tschechien die Kabel kappen, das geht auch. Wie immer es auch kommt: Schon jetzt steht fest, dass ich auch was diesen Internetauftritt angeht, komplett neu anfangen werde. Wer da jetzt eine Idee hat, sowohl inhaltlich als auch formell oder auch nur technisch bzw. technologisch, kann sich gerne bei mir melden. Es soll dein Schaden und auch nicht umsonst sein. Einen Tisch und einen Stuhl habe ich schließlich noch. Ruf mich aber bitte nicht an, sondern schreib mir eine a-mail. Danke!
Foto&Text TaxiBerlin

06.08.2020

Die Goldene Wasserwaage


Das ist sie nicht!
(Das ist die Gelbe vom Taxifahrer!)

Ich den Schluchten des Balkans, wo es sich besser auf das wartet, was nie kommt, in meinem Fall „Warten auf Fahrgast“, bin ich sowohl als genau (totshen) und stabil (stabilen), aber auch als prätentiös (prentenziosen) bekannt. Genau ist denke ich klar, genau meint deutsch, weswegen ich von vielen auch einfach nur mit „Deutsch!“ begrüßt werde, anstelle von „Sdrasti!“ („Grüß dich!“), wie es üblich ist. Stabilen meint so etwas wie zuverlässig, aber genau genommen viel mehr. Stabilen bedeutet hier, dass die stabile Person (stabilen tshovek) satisfaktionsfähig ist, was eine große Auszeichnung ist, auch weil heute kaum noch jemand satisfaktionsfähig ist, weil alle nur noch solche Als-Ob-Persönlichkeiten sind, bei denen immer alles gar nicht so gemeint ist, was sie sagen. Mein Bürgermeister hier meint, dass ich darüber hinaus auch prätentiös (pretenziosen) wäre, weil ich es nicht nur deutsch also genau haben will, sondern weil ich darüber hinaus darauf bestehe, dass hin und wieder auch mal die Goldene Wasserwaage zum Einsatz kommt, die sich mein Bürgermeister und sein Stellvertreter von dem ersten Geld gekauft haben, das ich aus dem Fenster, genauer aus der Tür von der Terrasse, die eigentlich ein Balkon ist, und ihnen vor die Füße geworfen habe. Die Goldene Wasserwaage hat für die beiden nämlich nur eine repräsentative Funktion, so wie bei uns die Goldene Brezel beim Bäcker, wobei die Goldene Brezel beim Bäcker über der Tür hängt, die Goldene Wasserwaage von meinen beiden Meistern aber immer mitgeführt und vorgezeigt wird wie eine Visitenkarte. Und wenn sie doch mal zum Einsatz kommt, dann nur, weil so ein prätentiöser Typ (pretenziosen tshovek) wie ich darauf besteht. Ich sage dann immer, dass ich gar nicht prätentiös (pretenziosen) sondern nur genau (totshen) bin, vor allem aber sensitiv (sensitiven), und mich Ungenauigkeiten, Schiefes und Krummes nicht einfach nur stören, sondern mir regelrecht körperliche Schmerzen bereiten. Da muss mein Bürgermeister immer lachen. Zum einen, weil das Wort sensitiv (sensitiven) nicht zu seinem aktiven Wortschatz gehört, aber auch weil bei ihm am Ende alles immer irgendwie gerade und genau ist, obwohl er seine Goldene Wasserwaage praktisch nie benutzt. Deswegen geht es mir bisher auch ganz gut auf dem Balkan – bis letzten Samstag. Da gab es mal wieder eine Demo, diesmal aber nicht in Sofia, der Hauptstadt eines kleinen Landes auf dem Balkan am Rande unseres schönen Kontinents, wo jetzt jeden Tag und auch jede Nacht demonstriert wird, sondern in Berlin. Ganz genau auf der Straße des 17. Juni im Berliner Tiergarten, wo ich einst mit meinem Taxi Fahrgäste von Ost nach West und umgedreht befördert habe. Diese Demo vom vergangenen Samstag auf der Straße des 17. Juni, dem Pariser Platz, dem Große Stern, dem Platz der Republik, dem Platz des 18. März, der Scheidemannstraße, der Paul-Löbe-Allee, der Florastraße, der Heinrich-von-Gagern-Straße, der Ebertstraße und dem Friedrich-Ebert-Platz in Berlin bereitet mir selbst auf dem Balkan noch körperliche Schmerzen, und zwar weil da die Teilnehmerzahlen so weit auseinandergehen. Der Deutsche ist offensichtlich nicht mehr in der Lage bis drei  zu zählen. Waren es nun 15.000 Teilnehmer oder doch eine Million? Das kann doch nun wirklich nicht so schwer sein herauszufinden. Oder doch? Das wäre das definitive Ende, das „Finis Germanija“ sozusagen. Gut, es gab da wohl ein paar Lücken zwischen den Demonstrierenden, was das Zählen praktisch unmöglich machte. Aber können die Lücken nicht irgendwie mit den Abstandsregeln zu tun haben? Und auch nicht alle Teilnehmer sollen Masken getragen haben, was das Zählen auch erschwert hat. Aber ist die Maske nicht sowieso nur eine „regierungsseitige Empfehlung“, wie ich neulich noch im Ring Center Zwei an der Frankfurter Allee las? Vielleicht haben mittlerweile aber auch immer mehr Menschen eine Maskenbefreiung, so wie ich. Und war es am Ende an dem Tag nicht so heiß, dass man mit Maske beim Demonstrieren sogleich aus dem Latschen gekippt wäre? Aber das ist dem Deutschen wohl egal, Hauptsache die Regeln werden eingehalten. Da können die Leute tot umfallen, das interessiert den Deutschen nicht. Das weißt du natürlich alles besser als ich aus 2.000 Kilometer Entfernung. Was nun die Teilnehmeranzahl angeht, die zwischen 15.000 und einer Million schwankt, so frage ich mich, ob es nicht das beste gewesen wäre, die Leute in Reih und Glied antreten zu lassen, damit man sie zählen kann. Noch besser wäre gewesen, die Teilnehmer sich selbst abzählen zu lassen. Ich weiß nicht, wie das heute ist, aber wir haben das früher noch gekonnt, das selbständige Abzählen. Und überhaupt: Kann man sich das nicht jetzt schon alles im Internet ansehen, so wie man sich jeden Stau dort ansehen kann? Aufgrund der Handydaten weiß man doch, wie viele Personen sich gerade wo befinden. Ganz genau soll es sogar so sein, dass man ganz genau weiß, wer sich gerade wo befindet, weil heute praktisch jeder ein Handy hat. Und trotzdem soll es nicht möglich sein in unserem ansonsten ganz genauen Land, genaue Angaben darüber zu machen, ob es nun 15.000 oder doch eine Million Teilnehmer waren? Wenn meine körperlichen Schmerzen ob dieser offensichtlichen Tatsache nicht so stark wären, würde ich mich totlachen darüber. Als ich das heute meinem Bürgermeister hier erzählte, der sowieso schon keine hohe Meinung von den Deutschen hat, weil die so arm sind, dass sie sogar noch mit ihren Gefühlen geizen müssen und aktuell mit Demonstrationsteilnehmern, zeigte er nur auf seine Goldene Wasserwaage. Und das stimmt wirklich, man kann mit der Goldenen Wasserwaage nicht nur sehen, ob etwas gerade ist oder krumm, sondern auch die Anzahl von Personen, beispielsweise die Teilnehmerzahl auf einer Demo, ganz genau ermitteln. Mit der Gelben Wasserwaage vom Taxifahrer geht das zum Beispiel nicht! Und da mein Bürgermeister seine Goldene Wasserwaage nicht mehr braucht, zumindest bei der Arbeit nicht, zum Repräsentieren schon, er außerdem gerne hilft und nicht rumgeizt wie der Deutsche, kannst du sie dir gerne bei ihm abholen. Vielleicht willst auch du wissen, wie viele Teilnehmer es bei der nächsten Demo diesen Samstag im Berliner Tiergarten sind. Natürlich nur, wenn dir das nicht zu prätentiös (pretenziosen) ist, du am besten darüber hinaus noch stabil (stabilen) und genau (totshen) und nicht eine von diesen Als-Ob-Persönlichkeiten bist. Will sagen: Wenn du die genaue Anzahl der Teilnehmer mit der Goldenen Wasserwaage meines Bürgermeisters ermittelt hast, dann darfst du später nicht umfallen und sagen, es waren doch nicht so viele sondern viel weniger auf der Straße, nur weil die hiesigen Medien dies schreiben, die Medien aber gar keine Goldene Wasserwaage haben wie du, denn nur die weiß es ganz genau. Denn nur die Goldenen Wasserwaage zählt richtig.

Foto&Text TaxiBerlin

04.08.2020

Eine Million in der Farbe Grün


Siebenhundertfünfzig in der Farbe Braun

Gerade sagen sie im Radio, dass immer mehr Menschen wegen Corona einen Platz im Grünen suchen, was ich bestätigen kann. Denn sie suchen genau dort, wo ich schon vor vielen Jahren fündig geworden bin. Damals hat man mich deswegen noch für verrückt erklärt, weil man damals noch in der Stadt, am besten in der Hauptstadt, und nicht im Grünen gesucht hat. Heute kann ich mich vor Leuten aus der Stadt kaum retten, die bei mir „nurmal kurz reinschauen“, also meinen Platz im Grünen haben wollen. Unter ihnen auch viele Ausländer, allen voran aus Veliko Britanija, aber auch aus Germanija und aus Italija, und sogar Amerikanki aus Shtatite standen bei mir schon vor der Tür. Was sie im Radio nicht sagen, auch hier ist es so, dass das wichtigste im Radio nicht gesagt wird, ist, dass es an erster Stelle darum geht, sein Geld anzulegen und nicht um den Platz im Grünen. Der eine Deutsche zum Beispiel, der hatte den Kofferraum voller Bargeld. Praktisch hätte er gleich bei mir ein- und ich ausziehen können, wenn da nicht die Sache mit der Sicherheit gewesen wäre. Die Deutschen sind, was ihre Sicherheit angeht, denn darum geht es beim „Geld anlegen“, ganz besonders unsicher. Die wollen am liebsten noch eine Garantie, schriftlich – versteht sich, dass das, was sie heute für wenig Geld kaufen, morgen viel mehr Geld Wert ist. Das hängt mit ihrer Geschichte und mit ihrer eigenen Unsicherheit zusammen. Unsichere Menschen brauchen immer äußere Sicherheiten, die es natürlich nicht gibt, schon gar nicht auf dem Balkan, aber in Deutschland praktisch auch nicht mehr. Deswegen sind der Deutsche mit dem Kofferraum voller Bargeld und ich nicht ins Geschäft gekommen, einfach weil ich ihm keine Garantie geben konnte, schon gar nicht schriftlich. Und eigentlich will ich auch gar nicht verkaufen, eher im Gegenteil. Denn wegen dem hohen Besucherandrang nehme ich neuerdings Eintritt für meine Terrasse: Einen Taler pro Nase. Bulgaren zahlen einen bulgarischen Lew, was eine D-Mark ist, Deutsche einen Euro, also 1,95 bulgarische Lewa, Briten ein Pfund und Amerikaner einen Dollar. Bisher haben alle anstandslos bezahlt. Verkauft habe ich noch nicht, und eigentlich will ich wie gesagt auch gar nicht verkaufen. Vielleicht wird der Platz im Grünen noch mal wichtig, also überlebenswichtig, und dann wäre es dumm, wenn ich ihn vorher verkauft habe. Wer meinen Platz im Grünen nur als Wertanlage haben will, der soll auch richtig blechen dafür. Für mich ist mein Platz im Grünen keine Wertanlage, sondern er gefällt mir einfach. Mein Preis ist deswegen „Eine Million in der Farbe Grün“, wie man hier zu einer Million Dollar sagt. Das hört sich viel an, aber so viel ist mir mein Platz im Grünen für Leute, die nur eine Wertanlage suchen, Wert. Und schließlich muss auch ich sehen, wo ich bleibe, nachdem die Outlaws aus Amerika, also Uber aus San Francisco, die man auf dem Balkan einfach nur Banditi nennt, und die hier von früheren Mafioti, die jetzt Buisinessman im Taxigewerbe sind, aus dem Land gekickt worden, das Taxigeschäft in Berlin kaputt gemacht haben, weswegen mein Chef dort seinen Laden dicht machen muss. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen früheren Mafioti, also alten Banditi, und neuen Banditi, wie den Outlaws von heute, das hat mir mein hiesiger Bürgermeister mal erklärt. Die alten Banditi sind, im Gegensatz zu den neuen Banditi, schon satt und geben deswegen immer etwas ab vom Kuchen bzw. vom Knochen, im Gegensatz zu den neuen Banditi. Neue Banditi wie der Outlaw Uber aus Amerika sind dagegen noch hungrig und nehmen aus diesem Grund auch 25 Prozent vom Umsatz, während alte Funkgesellschaften eine Flatrate habe, die weit unter dem liegt. Wenn ich jetzt „Eine Million in der Farbe Grün“ für meinen Platz im Grünen haben will, gehöre ich aber nicht schon automatisch zu den neuen Banditi, sondern bin im Gegenteil Opfer neuer Banditi aus Amerika. Diese neuen Banditi und Outlaws aus San Francisco, und nicht Corona, haben mich erst dazu gebracht, mir einen so hohen Preis auszudenken. Übrigens ist Corona heute nur das, was früher die Jahreszeiten waren, weswegen der Real Existierende Sozialismus angeblich nicht funktioniert hat, und der Klassenfeind von früher sind heute die Covidioten, ein Wort, das ausgerechnet vom größten aller alten und auch neuen Klassenfeinde, dem Amerikaner, geklaut wurde: Covidiots. So weit zur Chronologie der Ereignisse, doch zurück zu mir. Am liebsten würde ich meinen Platz im Grünen behalten und weiter in Berlin Taxi fahren. Hinzu kommt, dass derzeit niemand sagen kann, was „Eine Million in der Farbe Grün“ demnächst Wert sind. Daran muss man auch denken. Und meine potentiellen Käufer denken, so glaube ich, daran. Sie wollen allesamt noch warten, bevor sie für meinen Platz im Grünen „Eine Million in der Farbe Grün“ hinlegen. Bisher bezahlen sie alle nur brav den einen Taler Eintritt für die Terrasse, was mir immerhin schon „Siebenhundertfünfzig in der Farbe Braun“ eingebracht hat. Ob ich dann, wenn sie so weit sind, für meinen Platz im Grünen „Eine Million in der Farbe Grün“ hinzulegen, noch verkaufe, ist nicht gewiss. Sicher ist, und das bestätigen mir auch alle meine Besucher, dass der Blick von meinem Platz im Grünen auf die Bulgarische Schweiz der definitive „One Million Dollar View“ ist. Ich schreibe das jetzt nicht, um damit anzugeben oder mich irgendwie wichtig zu machen – das habe ich nicht nötig, sondern ich schreibe das nur, um darauf hinzuweisen, dass der eine Taler Eintritt, um von meiner Terrasse aus diesen „One Million Dollar View“ zu genießen, garantiert gut angelegt ist, falls auch du noch vorbeikommen möchtest.

Foto&Text TaxiBerlin

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03.08.2020

Der Joghurtpass



Was passiert mit Schafen auf dem Balkan, die keinen Hirten haben, weil der Hirte nach Deutschland gegangen ist, um dort auf dem Bau zu arbeiten, wo er vom Gerüst fällt, daraufhin viel Zeit in verschiedenen Krankenhäusern in unserem schönen Land verbringt, das er dann aber irgendwann verlassen muss, weil er gar keine Krankenversicherung hat, und nach Bulgarien zurückgeht, wo er aber aus gesundheitlichen Gründen keine Schafe mehr hüten kann, und er sich sogar verstecken muss, weil die von den Krankenhäusern wegen dem Geld für die Behandlungen hinter ihm her sind, weil Bulgarien ja nun mal zur EU gehört? Genau, die Schafe kommen in einen Stall, und zwar einen Schafstall! Wo ich groß geworden bin, gab es einen Schafstall, in dem aber ein Konsum war. Wo ich jetzt bin, gibt es einen richtigen Schaftstall mit etwa 200 Schafen. Da es wie gesagt keinen Hirten mehr gibt für die Schafe, müssen sie den lieben langen Tag in ihrem Stall verbringen. Stell dir vor, das würde jemand mit dir machen. Du bekämst plötzlich Hausarrest, weil jemand anders vom Gerüst gefallen ist. Bei den Schafen äußert sich der Stallarrest so, dass sie mehrfach am Tag ganz laut blöken. Ihr Blöken ist so laut, dass man es bereits als Schreien oder besser als Hilfeschreie bezeichnen kann. Ich sage dann immer, dass der Schafstall ein Schaf-KZ wäre, worüber mein Bürgermeister lachen muss. Seiner Meinung nach sind die Schafe bereits so an der Stall gewöhnt, ihr Hirn ist mit anderen Worten so degeneriert, dass man sie gar nicht mehr auf die Weide lassen kann, weil sie dort regelrecht durchdrehen würden. Alles wie gesagt nur, weil ihr Hirte nach Deutschland gegangen, wo er vom Gerüst gefallen ist. Trotzdem wird bei uns weiterhin Schafkäse aus Bulgarien verkauft, wo vorne drauf ein nett aussehender Hirte abgebildet ist und im Hintergrund zwei Schafe auf der Weide stehen. Ein drittes Schaf hält der gemütliche Hirte noch liebevoll im Arm. Dass er das gar nicht mehr kann, weil er doch vom Gerüst gefallen ist in Deutschland, das erfährt der Konsument von dem Schafkäse mal wieder nicht. Genauso wenig, wie er erfährt, dass die Schafe gar nicht mehr auf die Weide gehen, eben weil ihr Hirte in Deutschland vom Gerüst gefallen ist, und weswegen sie nun hier aus ihrem Stall heraus um Hilfe schreien. Am liebsten würde ich die Schafe befreien, aber mein Bürgermeister rät wie gesagt ab davon, weil die Schafe mit der Freiheit draußen auf der Weide erst recht nicht klarkommen würden. Ich stecke, wenn du so willst, in einem Dilemma. Ich vergaß, der Schafjoghurt auf dem Joghurtpass, für den alleine es sich bisher gelohnt hat, sich nach Sofia auf den Weg zu machen, ist auch betroffen. Der kommt jetzt auch von Schafen, die im Schaf-KZ um Hilfe schreien. Und statt in Tongefäßen wie früher, wird er jetzt in einfachen Plastikbehältern verkauft (Foto). Es gibt, so mein Bürgermeister, nur eine Lösung, und zwar selbst Schafe zu halten. Er persönlich rät mir allerdings zu Ziegen, denn deren Milch bringt mehr Geld. Was aber mit den Schafen oder wegen mir auch Ziegen hier wird, sollte ich irgendwann einmal nach Deutschland zurückkehren, das weiß mein Bürgermeister auch nicht. Und wenn ich dann da auch noch vom Gerüst falle – ich will gar nicht dran denken.

Foto&Text TaxiBerlin

02.08.2020

Scheherezade hatte auch kein Smartphone



Zurück aus Sofia, der Hauptstadt eines kleinen Landes mit dem Namen Bulgarien am Rande unseres schönen Kontinents, möchte ich dir umgehend Bericht erstatten, damit du Bescheid weißt. Um nach Sofia zu kommen, muss man über einen Balkanpass, der auch als Joghurtpass bekannt ist, weil auf ihm selbstgemachter Joghurt vom Schaf und auch vom Büffel in Tongefäßen verkauft wird. Ich erwähne das, weil es sich alleine wegen dem Joghurt lohnt, sich auf den Weg nach Sofia zu machen, zumindest war das bisher so. Auch das mit dem Joghurt hat sich leider verändert, ich werde als nächstes darüber schreiben. Mit mir quälten sich alle LKWs Osteuropas über den Joghurtpass. Wahrscheinlich hast du wieder irgendwas im Internet bestellt, was jetzt aus Indien für dich über den Joghurtpass rangekarrt werden muss, um es dir dann „kontaktlos“ zuzustellen. Auf jeden Fall war ich wegen den vielen TIR-Großraumfahrzeugen aus Polen, Rumänien, Ungarn aber vor allem aus Bulgarien schon ziemlich im Prass, als ich endlich in Sofia, was ich hasse wie die Pest, ankam. Da ich bereits entschieden hatte, was meine beiden Meister, also mein Bürgermeister und sein Stellvertreter, als nächstes für mich bauen sollten, nämlich ein Bad, hatte ich genug freie Kapazitäten beim Fahren darüber nachzudenken, dass der Balkan nicht einfach nur der Balkan, sondern auch das Tor zum Orient ist, wo mir dann sogleich Scheherezade einfiel. Ich musste auch an Scheherezade denken, weil ich davon ausging, dass man auf den Straßen von Sofia ums Überleben tanzen würde, genauso wie Scheherezade in den „Geschichten aus Tausendundeiner Nacht“ um ihr Leben erzählt. Es stimmt wirklich, hätte Scheherezade irgendwann aufgehört ihre unwahre Geschichten aus dem wahren Leben, die gab es damals schon, zu erzählen, wäre die Weltliteratur nicht nur um ein umfangreiches Werk ärmer, sondern Scheherezade auch umgehend tot gewesen, und zwar ermordet von dem, dem sie Abend für Abend ihre erfundenen Geschichten erzählen musste, damit dieser sie am Leben lässt, um am nächsten Abend weitere erfundene Geschichten aus dem Munde von Scheherezade zu erfahren. Und so oder so ähnlich hatte ich mir das mit dem Tanzen, Singen und Lachen auf den Straßen der bulgarischen Hauptstadt Sofia vorgestellt, weswegen mit dem Tanzen, Singen und Lachen auch nicht einfach aufgehört werden kann, so dachte ich zumindest. Irgendwie hatte ich vergessen, dass die Schritte der balkanischen Tänze gar nicht so einfach sind. Die Schritte sind mindestens genauso schwer zu lernen, wie die Kyrillischen Lettern zu lesen sind, wenn nicht gar noch schwerer. Früher hatten die Bulgaren die Schritte ihrer Tänze in den Genen oder zumindest im Blut, so wie richtige Taxifahrer die Straßen und Plätze ihrer Stadt. Heute muss manch junge Bulgarin (Foto) wegen den Schritten in ihrem Smartphone nachschauen. Sie schaute aber nicht nur im Internet wegen den Schritten nach, sondern blieb darüber hinaus dabei einfach stehen, hörte plötzlich auf um ihr Leben zu tanzen. Wenn ich böse gewesen wäre, was ich manchmal bin, hätte ich ihr gesagt: „Maske auf aber keine Ahnung haben!“ Und wäre sie Scheherezade gewesen, wäre sie jetzt wohl schon tot. Das alles war, wie du dir sicherlich denken kannst, eine ziemliche Ernüchterung und große Enttäuschung für mich. Das hatte ich mir alles ganz anders vorgestellt. Hat mein Bürgermeister, für den die Demonstranten allesamt Hippies sind, die arbeiten sollen wie er, damit vielleicht doch Recht? Ich habe keine Ahnung, und was weiß ich schon?! Ich kann keinen einzigen bulgarischen Tanzschritt, ich bin was das Tanzen angeht ein Freestyler. Als Freestyler, der auf den Straßen von Sofia um sein Leben tanzen wollte, fühlte ich mich dort nun plötzlich sehr unwohl und völlig deplatziert. Deswegen bin ich auch gleich wieder zurück über den Joghurtpass gefahren, wo ich wegen der vielen LKWs aus ganz Europa und auch aus Istanbul wieder genug Zeit zum Nachdenken hatte. Andere hatten wohl auch etwas im Internet bestellt, das jetzt aus der hinteren Türkei über den Joghurtpass für sie rangekarrt werden muss, und was ihnen dann wieder „kontaktlos“ zugestellt wird. Joghurt vom Joghurtpass jedenfalls nicht, dachte ich bei mir. Warum, weshalb, wieso, das erfährst du im nächsten Beitrag. Vor allem musste ich aber an Scheherezade denken, die keine Maske trug und in deren Geschichten es alles andere als „kontaktlos“ zugeht. Lag das vielleicht daran, dass sie kein Smartphone hatte, so wie Jesus kein Stipendium, fragte ich mich. Scheherezade konnte jedenfalls nirgendwo nachschauen, wenn ihr mal keine Geschichte einfiel. Und selbst wenn es zu Scheherezades Zeiten bereits Smartphones gegeben hätte, was wäre wohl aus den „Geschichten aus Tausendundeiner Nacht“ geworden, wenn der Akku von Scheherezades Smartphone plötzlich leer gewesen wäre, wie das so häufig passiert, beispielsweise meinen Fahrgästen im Taxi, die innerlich oft genauso leer sind wie der Akku von ihrem Smartphone. Und Jesus erst, was wäre wohl aus ihm geworden, wenn er ein Stipendium oder gar ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ gehabt hätte? Wahrscheinlich wäre auch in diesem Fall die Weltliteratur um ein weiteres Werk ärmer. Stelle mir gerade Jesus als guten Hirte mit Maske vor, wie er „kontaktlos“ Menschen heilt, aber ich komme vom Thema ab. Obwohl, im nächsten Beitrag wird es um Schafe hier in Bulgarien gehen, die keinen Hirten mehr haben. Dranbleiben lohnt sich also.
Foto&Text TaxiBerlin

01.08.2020

TaxiBerlins Balkanische Verrücktheit


Auf der Terrasse,
die eigentlich ein Balkon ist


Als halber Deutscher kann ich nicht nur tanzen, singen und lachen, und schon gar nicht auf dem Balkan. Denn mein Deutschsein äußert sich komischerweise immer hier am stärksten. Dann kann es plötzlich nicht ordentlich genug für mich zugehen, während ich in Berlin immer auf der Suche nach dem Balkanischen Chaos bin. Die Ordnung, die ich gerade hier auf dem Balkan angehe, ist die, dass ich mein letztes Geld aus dem Fenster werfe, ganz genau aus der Tür. Die Tür existiert schon seit vielen Jahren, wie das auf dem Balkan so üblich ist, allerdings ohne Terrasse, eigentlich Balkon, dazu. Die Tür, die bisher in den Abgrund führte, führt nun auf eine Terrasse, die ganz genau, also deutsch, ein Balkon ist. In den habe ich mein letztes Geld angelegt, und ich muss sagen, ich bin nicht ganz unzufrieden. Selbst wenn man viel Geld hat, heißt das nicht automatisch, dass man gute Arbeit bekommt. Denn das größte Problem auf dem Balkan ist, die richtigen Leute zu finden. Ohne Beziehungen und Kontakte ist man hier verloren. In Bulgarien selbst gibt es praktisch niemanden mehr, der wirklich Willens ist ernsthaft zu arbeiten. Die Bulgaren, die Willens sind ernsthaft zu arbeiten, sind alle im Ausland, obwohl es in Bulgarien selbst Arbeit für das gesamte chinesische Volk gibt, wie der Bulgare gerne sagt. Das Motto, der in Bulgarien verbliebenen Bulgaren, heißt: „Wenn sie so tun, als würden sie uns bezahlen, dann tun wir so, als würden wir arbeiten!“ Es ist aber nicht nur ein Ding der Unmöglichkeit, in Bulgarien einen noch verbliebenen Bulgaren zu finden, der wirklich Willens ist zu arbeiten. Es ist darüber hinaus auch fast unmöglich, jemanden zu finden, der sein Handwerk auch versteht. Wie auch, wenn er es nie gelernt hat?! Trotzdem, oder vielleicht besser: deswegen, nennt sich ein jeder Maistor, selbst der letzte Hilfsarbeiter. Man ist gut beraten, sich vor jedem Maistor in Acht zu nehmen, und insbesondere vor den Basch-Maistors. Wenn du unter den zahlreichen Maistors einen Basch-Maistor erwischt hast, dann Gnade dir Gott. Der Basch-Maistor ist sozusagen der Schwarze Peter unter den bulgarischen Maistors. Ich habe mal wieder Glück, denn der, der für mich arbeitet, ist kein Maistor, und schon gar kein Basch-Maistor, sondern ein richtiger Meister, und zwar der Bürgermeister, mein Bürgermeister hier in Bulgarien. Alles muss schließlich seine Ordnung haben. Mein Bürgermeister und sein Stellvertreter, also mein stellvertretender Bürgermeister, arbeiten für mich, was ganz praktisch ist, weil sie sich auch auf der Baustelle und nicht nur im Büro, wo sie aber sowieso nie sind, gut verstehen und sich beraten können, bevor sie etwas falsch machen. Im Notfall greife ich ein, und der Notfall ist praktisch immer, weil ich es deutsch, also genau haben will, weswegen ich die beiden, also meinen Bürgermeister und seinen Stellvertreter, nicht aus den Augen lasse. Normalerweise lässt sich das kein bulgarischer Maistor gefallen. Ein bulgarischer Maistor wird nicht bei der Arbeit beobachtet und schon gar nicht korrigiert, wenn er einen Fehler macht, sondern auf Händen zu seinem Arbeitsplatz getragen, meist von der Kneipe aus. Aber, wie gesagt, dafür bin ich zu deutsch, und für mich arbeitet zum Glück auch kein Maistor, sondern zwei richtige Meister. Dafür, dass ich sie korrigiere, revanchieren sich mein Bürgermeister und sein Stellvertreter mit ständigen Anweisungen, permanenten Befehlen und Ein-Wort-Sätzen wie diesen: „Hammer!“, „Säge!“, „Besen!“, „Strom!“, „Whiskey!“, „Wasserwaage!“, usw., usf. ... – Die Wasserwaage ist wichtig, weil sie erklärt, warum mein Bürgermeister und sein Stellvertreter es sich überhaupt bieten lassen, dass sie nicht nur keine Fehler machen dürfen, sondern es darüber hinaus genau so zu machen haben, wie ich es haben will, also ordentlich und deutsch. Das hängt, wie gesagt, damit zusammen, dass ich auf dem Balkan immer das genaue, ordentliche Deutsche suche, in Berlin aber immer die Balkanische Verrücktheit. Letztendlich ist dieser Wiederspruch wohl Ausdruck meiner ganz eigenen Verrücktheit, die wahrscheinlich auf dem Balkan ihren Ursprung hat, weswegen ich geneigt bin, von meiner eigenen, ganz persönlichen Balkanischen Verrücktheit zu sprechen. Was nun die Wasserwaage angeht, die ist Golden und wurde von meinem Bürgermeister und seinem Stellvertreter von dem ersten Geld gekauft, was ich aus dem Fenster, genauer aus der Balkontür und ihnen vor die Füße geworfen habe. Denn ich bezahle den beiden immer so viel, wie sie haben wollen. Bei mir gibt es keine Preisverhandlungen oder Tarifgespräche ein. Mein Gott, ich will die Kohle doch einfach nur loswerden. Ich mache es wie im Taxi. Da diskutiere ich auch nicht, wenn mir das Fahrziel nicht passt, was oft vorkommt. Wenn der Fahrgast da und da hin will, obwohl er gar nicht da hin gehört, wer wüsste das besser als ein Taxifahrer, fahre ich ihn trotzdem da hin, wo er nun mal hin will, er wird schon seine Gründe haben, warum er da hin will. Und so ist es auch auf meiner Baustelle. Mein Bürgermeister sagt mir, wie viel Kohle er und sein Stellvertreter kriegt, und dann kriegen sie die Kohle, sie werden schon ihre Gründe haben, warum sie so viel und nicht weniger haben wollen. „Nehmt hin, den Schmutz!“, sage ich dann immer zu den beiden. Sie freuen sich dann immer, also über das Geld. Was ich sage, verstehen sie nicht, denn ich sage es auf deutsch. Aber nicht aus Arroganz, sondern im Gegenteil aus Respekt, weil ich das mit dem Schmutz von einem Fahrgast gelernt habe. Der hat am Fahrziel beim Bezahlen in Berlin auf deutsch zu mir gesagt: „Nimm hin, den Schmutz!“, das fand ich großartig! – Was soll ich noch sagen? Die Terrasse, also eigentlich Balkon, ist fertig, und es gibt immer noch genug Schmutz. Keine Ahnung, was ich mit dem noch anstellen soll. Vielleicht fahre ich heute erst mal nach Sofia, um wieder auf den Straßen und Plätzen der Hauptstadt mit all den anderen Hippies zu tanzen, zu singen und zu lachen. Das mit den Hippies ist von meinem Bürgermeister. Der ist kein Fan von diesen ständigen Demos. Die sollen arbeiten wie er, sagt er. Und da hat er gar nicht mal unrecht. Dass er so viel Arbeit bei mir hat, nur weil ich meinen Schmutz loswerden wollte, das weiß er natürlich nicht. Und muss er auch nicht. Nach Sofia zu fahren, ist immer sehr inspirierend, auch wenn ich die Stadt, sieht man mal von den Mineralquellen im Zentrum und vom Vitoscha-Gebirge im Hintergrund ab, hasse wie die Pest. Ich fahre nur nach Sofia, weil mir beim Fahren immer neue Projekte für meinen Bürgermeister und seinen Stellvertreter einfallen. Ich sitze schon nicht mehr an diesem Text mit einer Tasse Kaffee am Schreibtisch auf der Terrasse, die ganz genau ein Balkon ist, wie obiges Foto suggeriert, sondern bin bereits auf meinem Weg über den Balkanpass nach Sofia und überlege. Das Fahren hilft mir, mich zu konzentrieren und zu fokussieren, eine Spätfolge langjährigen Taxifahrens. Was könnten ich die beiden von dem verbliebenen Schmutz noch für mich bauen lassen? Der Schmutz muss weg, so viel ist klar, nicht nur, weil man sich an ihm beschmutzt, sondern weil es ständig neuen Schmutz gibt, weswegen ich einen Teil des Schmutzes schon in einen Schmutzsauger angelegt habe, um genau zu sein in einen KÄRCHER „Assembled in Romania“. Wie wäre es nach der Terrasse, die wie gesagt genau genommen ein Balkon ist, zur Abwechslung mal mit einem Bad? Ein Bad wäre eigentlich nicht schlecht. Das kriegen meine beiden Meister hin, denn ein bulgarischer Meister kann alles und kriegt auch alles hin. Mein Bürgermeister beispielsweise will allen Ernstes einen Schäfer aus mir machen, allerdings nicht mit Schafen sondern mit Ziegen, weil Ziegenmilch mehr Geld bringt, und mit einem Eseln mindestens, weil ein Schäfer auf dem Balkan immer mindestens einen Esel hat. Und das kriegt der hin, wenn ich will, da habe ich keinen Zweifel. Vorher aber erst einmal ein Bad, werde ich ihm sagen, wenn ich aus Sofia zurück bin. Dann kann ich mich auch mal waschen und muss zum Scheißen nicht mehr in den Wald gehen. Und dann muss ich auch nicht mehr zum Lachen, Singen und Lachen nach Sofia fahren, was auch gar nicht mehr geht, wegen den Ziegen und dem einen Esel mindestens. Dann lache, singe und tanze ich hier gleich auf der Terrasse, die eigentlich ein Balkon ist, und unter dem die Ziegen und der mindestens eine Esel Schutz vor der einsetzenden Sommerhitze suchen, weil endlich auch der letzte Schmutz ausgegeben ist.

Foto&Text TaxiBerlin

31.07.2020

Every Day For Future Even There Is No One


Junge Fotografin ohne Maulkorb
auf den Straßen von Sofia

Auf dem Balkan geht man nicht nur Freitags auf die Straße, sondern jeden Tag. Obwohl es kein Schulfrei gibt, muss niemand die Schule schwänzen, denn die Demonstrationen finden in den Abendstunden statt. Genau genommen sind es keine Demonstrationen, denn es wird getanzt, gesungen und gelacht auf den Straßen von Sofia. Es gehen vor allem junge Menschen zum Tanzen, Singen und Lachen auf die Straße, soweit sie noch in Bulgarien verblieben sind, manche von ihnen auch mit ihren Kindern. Ein schwedisches Mädchen mit Zöpfen wurde auf den täglichen Demos noch nicht gesichtet, vermutlich weil es weder tanzt, noch singt oder lacht. Auch wohl, weil unklar ist, ob das kleine Land überhaupt eine Zukunft hat. Jedenfalls ist in Bulgarien Kurzarbeitergeld unbekannt, was ein Grund mit ist, warum die Menschen zum Tanzen, Singen und Lachen auf die Straße gehen. Und das, obwohl es schon jetzt mehr Opfer von Kollateralschäden als direkte Opfer von Corona gibt, weswegen die Regierung Borissow den Ärmsten der Armen, den Rentnern und besten Sängern und Tänzern, drei Monate lang 50 Lewa (ca. 25 Euro) mehr Rente im Monat zahlen will. Von den vielen, die das Rentenalter noch nicht erreicht haben, auch kein Kurzarbeitergeld erhalten und immer noch lachen, war bisher keine Rede. Dass das kleine Land im Herzen des Balkans am Arsch ist, ist weder eine Überraschung, noch kam dies unerwartet, und es ist auch nicht die alleinige Schuld der derzeitigen Regierung. Im Prinzip so wie in den USA, die bereits unter Obama am Arsch waren. Am Arsch ist auch das Taxigeschäft in Berlin. Mein Chef wird seinen Laden deswegen demnächst dicht machen, denn das Warten auf Kundschaft erweist sich seit einiger Zeit, ich schrieb hier darüber, immer mehr als ein „Warten auf Godot“, also auf etwas, was nicht kommt. Wer sollte das besser wissen als wir Taxifahrer, denn wenn sich jemand mit dem Warten auskennt, dann sind wir es. Das Warten ist neben dem Alleinsein unsere wichtigste Kernkompetenz. Es gibt auch Tänzer und Sänger unter uns Taxifahrern, und der ein oder andere wurde sogar schon lachend gesehen. Ob das Taxigeschäft in Berlin deswegen eine Zukunft hat, ist allerdings genauso ungewiss wie die Zukunft sowohl der USA als auch Bulgariens. Auf die Zukunft, insbesondere wenn sie ungewiss ist, wartet es sich besser auf dem Balkan als in einem Berliner Taxi, auch weil man mit dem Warten auf etwas, was nie kommt, hier langjährige Erfahrungen hat. Warum Beckett die beiden Landstreicher Estragon und Wladimir in seinem Stück „Warten auf Godot“ auf der Bühne und nicht auf dem Balkan warten lässt, ist mir ein Rätsel. Es gibt keinen besseren Ort, auf etwas zu warten, was nie kommt, als den Balkan. Beckett hätte es wissen können, denn er lässt Estragon in seinem „Warten auf Godot“ zu seinem Kollegen Wladimir sagen: „Wir werden alle verrückt geboren. Einige bleiben es.“ Ganz genau, und zwar auf dem Balkan! Dort werden nicht nur alle verrückt geboren, sondern alle bleiben es auch. Bulgarien ist deswegen selbst in Amerika bekannt als „Land Of The Freaks“ und „Home Of The Crazy“. Das ist keine Übertreibung – im Gegenteil! Ich zum Beispiel bin hier nicht nur als verrückt bekannt, sondern auch anerkannt, ganz offiziell, was eine hohe Auszeichnung ist. Verrückt sein hilft ungemein, genauso wie Singen, Lachen und Tanzen. Nirgendwo korrespondiert das Singen, Lachen und Tanzen so ideal mit dem Verrücktsein wie auf Balkan, wo das Verrücktsein und das Singen, Lachen und Tanzen eine harmonische Einheit bilden, wo das Verrücktsein gar nicht mehr verrückt, sondern ganz normal ist, und es nur für den Außenstehenden, den Nichtsänger und den Nichttänzer mit den heruntergezogenen Mundwinkeln, wie es die dauerübellaunigen Deutschen so oft haben, verrückt aussieht. Die letzten Nächte beispielsweise wurde auf den Straßen von Sofia nicht nur durchgetanzt und durchgesungen, sondern es wurden auch Zelte errichtet und der Verkehr behindert. Stell dir das mal in Berlin vor! Was wäre das wieder für ein Aufstand, und was würde am nächsten Tag bloß in den Zeitungen und im Internet stehen. In Bulgarien werden die durchlachenden Tänzer und Sänger nicht nur fotografiert (Foto), sondern auch interviewt, als wäre es das Normalste von der Welt, was es ja auch ist, auf dem Balkan zumindest. Hier wird auch noch gelacht, wenn das Haus brennt, und selbst noch getanzt und gesungen, wenn es zusammenfällt. Und das tue auch ich den ganzen Tag: Ich mache Lieder, singe, lache und tanze dazu. Aber nicht, um mich auf das vorzubereiten, was nie kommt, sondern im Gegenteil auf das, was garantiert kommt, was praktisch schon vor der Tür steht, und zwar zu tanzen, zu singen und auch zu lachen, wenn demnächst alles zusammenfällt - und nicht „nur“ eine Taxifirma.
Foto&Text TaxiBerlin

29.07.2020

Abstandsregeln und Maskenpflicht auf dem Balkan und in Berlin



Es ist schon komisch, wie schnell man sich an neue Wörter gewöhnt, beispielsweise an das Wort  „Abstandsregeln“. Obwohl, so richtig kann ich mich bis zum heutigen Tag nicht an dieses Wort gewöhnen, denn ich will immer „Anstandsregeln“ sagen. Das muss mit dem Alter zusammenhängen. Möglicherweise ist aber auch das, was früher der Anstand war, heute der Abstand. Ein anderes Wort, an das ich mich bis heute nicht gewöhnen kann, ist „Maskenpflicht“. Mit der „Maskenpflicht“ verhält es sich so, dass ich mich nicht nur an das Wort nicht gewöhnen kann, sondern auch nicht daran, eine Maske zu tragen. Ganz genau ist es so, dass ich mich nicht daran gewöhnen will. Das hängt, glaube ich, auch mit dem Alter zusammen. Hinzu kommt, dass es sich bei der „Maskenpflicht“ um eine „regierungsseitige Empfehlung“ handelt (Foto Mitte). So ist es im Ring-Center Zwei an der Frankfurter Allee Ecke Möllendorffstraße zu lesen. 

Das weiß ich, weil es an der Ecke eine Taxihalte gibt, an der ich öfters stehe, ich aber in letzter Zeit immer mehr Zeit durch die Shopping-Hölle bummelnd als auf Kundschaft wartend in meinem Taxi verbringe. Das Warten, neben dem Alleinsein die wichtigste Kernkompetenz eines Taxifahrers, auf Kundschaft entpuppt sich in letzter Zeit mehr und mehr als „Warten auf Godot“, also auf etwas, was garantiert nicht kommt, wie in dem Stück von Beckett. Deswegen warte ich Neuerdings auf das, was nie kommt, in den Schluchten des Balkans. Hier hat man mit dem Warten auf etwas, was nicht kommt, langjährige Erfahrung. Man kann auch, was das Warten angeht, eine Menge lernen auf dem Balkan. 

Seit nunmehr gut zwei Wochen tut sich mal wieder etwas in dem kleinen Land am Rande unseres schönen Kontinents. Die Leute gehen auf die Straße, sie demonstrieren aber nicht nur gegen die Mafia und für den vollständigen Rücktritt der Regierung Borissow, wie du vielleicht schon gehört hast, sondern fordern an erster Stelle einen grundlegenden sozialen Wandel und keine (erneute) Rochade von Parteien (bei uns: Farbwechsel) im Parlament (Foto Unten). Bei den Demonstrationen gelten nicht nur in der Hauptstadt Sofia sowohl die „Abstandsregeln“ als auch die „Maskenpflicht“. Beide werden auch hier sehr individuell ausgelegt. 

Während die Ordnungshüter vor dem Sitz der bulgarischen Regierung eng beieinander stehen, muss die Demonstrantin mit ihrem Smartphone einen großen „Mindestabstand“ einhalten und darüber hinaus eine Maske tragen (Foto Oben). Bei den Ordnungshütern im Hintergrund trägt lediglich einer eine Maske, und zwar der zweite mit gelber Weste von rechts, die auch nicht wie vorgeschrieben auf Nase und Mund sitzt, sondern auf dem Kinn. Die Abstand haltende Demonstrantin trägt dagegen ihre Maske am richtigen Fleck. Ich bin auch auf dem Foto, und zwar mein Schatten, der aber auch keine Maske trägt. Über all die verschiedenen Körperteile, an denen man seine Maske tragen kann, könnte man auch mal einen eigenen Beitrag schreiben. 

Für den Moment möchte ich die „Maskenpflicht“ so zusammenfassen: Sie gilt, genauso wie die „Abstandsregeln“ und der „Mindestabstand“, grundsätzlich für alle, sowohl in Berlin als auch auf dem Balkan, wenngleich in Berlin nur als „regierungsseitige Empfehlung“, auf dem Balkan dagegen mit einem sehr großen „Mindestabstand“ für Demonstrantinnen. Die Einhaltung der „Maskenpflicht“ und vor allem der Ort, an dem die Maske getragen wird, sind dagegen extrem individuell. Was den Individualismus bei „Abstandsregeln“ und „Maskenpflicht“ angeht, kann man sagen, dass je wichtiger eine Person ist oder sich auch nur dafür hält, umso laxer wird die Einhaltung gehandhabt. 


Zum Schluss noch eine Frage, die mir seit einiger Zeit nicht aus dem Kopf geht. Wie kommt es, dass ich bisher keinen einzigen Menschen persönlich kennengelernt habe, weder in Berlin noch auf dem Balkan, der sich mit dem Virus infiziert hätte, völlig unabhängig davon, ob er Krankheitssymptome hat oder nicht, denn jeder Infizierte erkrankt auch. Und wenn ich keinen einzigen Infizierten persönlich kenne, egal ob mit oder ohne Symptome, kann ich natürlich auch niemanden persönlich kennen, der an oder mit Corona verstorben wäre. Was mir noch mehr zu denken gibt: Jeden, den ich bisher gefragt habe, ebenfalls hier auf dem Balkan als auch in Berlin, geht es ganz genauso wie mir. Keiner kennt auch nur einen Infizierten, geschweige denn einen Erkrankten oder gar an dem Virus Verstorbenen, noch nicht einmal einen, der mit dem Virus verstorben wäre. Wie sieht es bei dir aus? Kennst du einen Infizierten oder einen Erkrankten oder gar einen Verstorbenen, an oder mit Corona, persönlich?

Fotos&Text TaxiBerlin