27.01.2022

Bericht aus Bulgarien (27)


Das Material ist schon da, aber noch nicht bezahlt

Immer wenn ich meinen Bürgermeister sehe, und ich sehe ihn praktisch jeden Tag, überlegt er, wann er kommt, um eine Überdachung für die Eingangstür zu meiner Hütte zu bauen. Im Moment ist es zwar zu kalt dafür, aber wenn es demnächst ein paar wärmere Tage geben sollte, würde er wohl anfangen mit den Arbeiten. Dass ausgerechnet mein Bürgermeister für mich arbeiten will und auch muss, liegt daran, dass alle anderen Maistors aus unserem Dorf in Deutschland sind. Außerdem habe ich meinem Bürgermeister im letzten Jahr geholfen, eine Überdachung für seinen neuen Balkon zu bauen. Bei seinem Balkon habe ich ihm auch geholfen, fällt mir gerade ein. Unser Deal ist deswegen, dass ich ihm nur das Material bezahle, das er bereits für mich gekauft und auch bezahlt hat. Vielleicht ist das auch ein Grund, dass er praktisch jeden Tag an meine Überdachung denkt, wofür ich ihm noch das Material bezahlen muss. Mein Bürgermeister hat im vorletzten Jahr schon viel für mich gearbeitet. Bezahlt habe ich ihn immer am Ende, wenn alles erledigt war, was in Bulgarien eher ungewöhnlich ist. Aber da mein Bürgermeister und ich auch Freunde sind, vertrauen wir einander. Dazu muss man wissen, dass ich ihn seit 20 Jahren kenne, damals war er noch kein Bürgermeister.  Mein Bürgermeister vertraut mir, auch wenn er manchmal ein bisschen genervt ist von mir, weil ich von ihm erwarte, dass er wie in Deutschland, also „Made in Germany“, arbeitet, wo er noch nie war. Mein Bürgermeister hat mich deswegen sogar schon mal „prätentiös“ genannt. Daraufhin habe ich ihm erklärt, dass ich nicht „prätentiös“ sondern „sensitiv“ bin, so wie er, denn sein Sternzeichen ist der Krebs, der bei mir im Aszendent ist. Seither ist meinem Bürgermeister der Unterschied zwischen „prätentiös“ und „sensitiv“ klar. Auch wenn mein Bürgermeister diesmal kein Geld für seine Arbeit haben will, weil ich wie erwähnt für ihn gearbeitet habe, wird er am Ende mehr Geld von mir bekommen als in der Vergangenheit. Das steht jetzt schon fest. Der Grund dafür ist, dass die Preise fürs Material sich seither verdoppelt haben, auch in Bulgarien. Möglicherweise ärgert sich mein Bürgermeister, aber nicht, dass er praktisch umsonst für mich arbeiten soll, sondern dass er nicht schon im vorletzten Jahr seinen Balkon gebaut hat, als er mir meinen samt Überdachung gebaut hat. Andererseits wäre er ohne meinen Balkon möglicherweise gar nicht auf die Idee gekommen, sich selbst einen bauen zu wollen. Die Wahrheit ist nämlich, dass sich mein Bürgermeister in meinen Balkon verliebt hat und erst deswegen überhaupt auf die Idee gekommen ist, auch für sich einen Balkon zu bauen. Wahr ist auch, dass mein Bürgermeister nicht nachtragend ist. Und wie sollte er auch, ausgerechnet auf mich, seinem Arbeit- und Ideengeber.

Foto&Text TaxiBerlin

26.01.2022

Bericht aus Bulgarien (26)


Kohl mit scharfer Paprika und Brot

Es ist sechs Uhr morgens. Die Kälte treibt mich aus dem Bett, aber nicht nur sie. Ich bin auch ausgeschlafen. In der Hütte sind acht Grad oder so. Ich mache erstmal Feuer. Dabei höre ich Nachrichten. Das übliche: Eine neuer Krieg steht vor der Tür, diesmal nicht gegen einen Virus, sondern gegen Russland. Ich mache Kaffee, um wach zu werden. Irgendwie geht mir der Song: „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“ nicht aus dem Kopf. War glaube in den Achtzigern von Billy Joel, wenn ich mich recht erinnere.

Nachdem ich einige Seiten von Kafkas „Prozess“ gelesen und auch was geschrieben habe, fahre ich runter ins Dorf. Der unbefestigte Weg ist geräumt, so dass es sich auf ihm jetzt, wo der Schnee alle Löcher gefüllt hat, besser fährt als zuvor. Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu schnell werde auf dieser Sprungschanze runter ins Dorf. Irgendetwas quietscht vorne unter der Motorhaube. Der Keilriemen ist es aber nicht. Vermutlich die Hydraulik von der Lenkung. Das muss jetzt warten. Zu kalt.

In der Dorfkneipe mache ich Internet und trinke einen „Dylgo“ dazu, einen „Verlängerten Kaffee“. Mein Bürgermeister, dem die Kneipe gehört, kommt und fragt, ob ich genug Holz zum Heizen habe, was ich bejahe. Er hat mich das schon tausendmal gefragt. Er kümmert sich um seine Leute und macht sich offensichtlich Sorgen um seinen Einwohner „Rumen Germanetz“. Vor allem will er nicht, dass ich was schlechtes über ihn und sein Dorf sage oder schreibe, weil es für ihn „Das Paradies auf Erden“ ist. Das sagt er wirklich – und ich auch. Bei einem solchen Bürgermeister.

Kaum ist der Kmet weg, so heißt Bürgermeister auf Bulgarisch, ist auch das Internet weg. Stromausfall. Ich kaufe noch zwei Liter frische Milch, die ich vor dem Verzehr abkochen muss, für drei Lewa (1,50 Euro) in der Kneipe vom Kmet und fahre ins fünf Kilometer entfernte Nachbarstädtchen, um weiter im Internet zu arbeiten. Ins Café „Vegas“, mein Stamm-Café, komme ich ohne auch Grünen Pass rein. Ich bestelle wieder einen „Dylgo“. Heute bedient nicht die dralle Blonde, sondern ihre Mutter. Ist auch OK.

Nach dem „Vegas“ muss ich zum „Bjuro po truda“, dem hiesigen Arbeitsamt, um mich abzumelden. Auf dem Weg dahin komme ich am Basar vorbei, wo es heute wegen der Kälte nur einen einzigen Stand gibt, und der hat jetzt einen Kunden: mich! Der Ledergürtel würde 100 Jahre halten, so der Verkäufer. Das ist mir zu lange. Die großen Glocken für die Schafe sind schön und hören sich auch toll an, sind aber nicht ganz billig: 60 bzw. 80 Lewa (30 bzw. 40 Euro). Für mich gäbe es Rabatt. Leide habe ich kein Schafe. Woher ich komme? Von hier! Der Mann versteht Spaß. Muss er auch.

Jetzt weiter zum Arbeitsamt, ohne Gürtel und ohne Glocken. Die Tür des Büros lässt sich nicht verschließen, weil die Tür kein Schloss hat. Tolles Arbeitsamt! Ich melde mich besser ab. Arbeit haben sie eh keine und Geld auch nicht. Ich hatte mich auch nur angemeldet, weil das Amt in Berlin das so wollte. Seit November bin ich da raus, also kann ich mich auch hier abmelden. Zweimal unterschreiben – fertig.

Zurück in meiner Hütte lege ich mich erstmal hin. Die Kälte draußen zerrt an den Kräften. Trotzdem mache ich kein Feuer, denn die Sonne scheint, und immer wenn die Sonne scheint, brauche ich kein Feuer machen, weil meine Hütte extra große Fenster für die Sonne hat. Ich liege im Bett und lese Kafka, der irgendwie nervt. Ich meine, der Mann ist gut, aber irgendwie nervt er mich auch. Vermutlich weil er so gut ist.

Nach einem kurzen Nickerchen und einem Telefonat mit der Heimat gehe ich nochmal runter ins Dorf, diesmal zu Fuß. Dazu nehme ich mein Sitzkissen und die Taschenlampe mit, weil es später, wenn ich zurück komme, dunkel ist. Das Sitzkissen brauche für den Fall, dass mein Bürgermeister nicht da ist, so wie jetzt, aber seine Kneipe ist trotzdem offen, so dass das Sitzkissen doch nicht zum Einsatz kommt. Die Frau, die nebenan ihren kleinen Laden hat, kümmert sich auch um die Lokalität vom Bürgermeister. Ich bin ganz alleine in seiner Kneipe, in der es schön warm ist, wo aber auch der Fernseher läuft, irgendeine nicht enden wollende türkische Familien-Soap, in der alle irgendwelche Luxusprobleme haben. Danach geht’s mit Nachrichten voller Nicht-Informationen weiter.

Ich bin nochmal im Internet, was ich sonst nicht mache, aber heute warte auf eine e-mail. Ich habe im Internet ein Buch gekauft, und während ich dieses online „in Echtzeit“ bezahle, kommt mein Bürgermeister und fragt, ob ich schon etwas gegessen habe, er hat „Sele“ (Kohl) übrig, den ihm eine Alte aus dem Dorf gebracht hat. Er hat schon gegessen, und so esse ich alleine den Rest „Sele“, der sehr lecker ist. So wie früher bei meiner Tante auf ihrem Dorf irgendwo in der Pampa. Die scharfe Paprika, die mein Bürgermeister dazugelegt hat zum „Sele“, ist so scharf, dass ich erstmal eine Cola von ihm trinken muss, und dann noch eine. Am Ende hilft nur das Brot aus Mais gegen das Brennen in der Magengrube. Was mich nicht umbringt, macht mich ... weise – genau!

Ich sage meinem Bürgermeister, dass ich mich beim hiesigen Arbeitsamt abgemeldet habe. Er hatte mich damals, Ende Mai letzten Jahres, hinbegleitet und mich den Damen dort als „DEN jungen Mann“ aus seinem Dorf vorgestellt, mich regelrecht eingeführt. Arbeit hatten die aber trotzdem nicht für mich. Jetzt, nachdem ich mich offiziell bei den Damen abgemeldet habe, überlegt mein Bürgermeister, ob ich nicht eine Art Dorf-Taxi machen kann, was ich gerne machen würde. Aber die Alten im Dorf haben kaum Geld, ihre Arzneimittel zu bezahlen, geschweige denn ein Taxi. Immerhin, mein Bürgermeister sorgt sich um mich. Ich kann also nichts schlechtes über ihn sagen, im Gegenteil, und auch nicht über sein Dorf. Wie sollte ich auch? Ist ja jetzt auch mein Dorf!

PS: Mein Freund „Jerry, the German“ sagt immer: „Don’t trust the major!“ – Jerry wohnt aber in einem anderen Dorf.

PPS: Bisher bester Satz aus Kafka seinen „Prozeß“: „K. lebte doch in einem Rechtsstaat, überall herrschte Friede, alle Gesetze bestanden aufrecht, wer wagte ihn in seiner Wohnung zu überfallen?“

Foto&Text TaxiBerlin

25.01.2022

Bericht aus Bulgarien (25)


In den Schluchten des Balkans

Es ist kalt geworden in Bulgarien. In meinem Dorf ist kaum noch jemand auf der Straße. Sitzen alle zu hause an ihrem Ofen. Sind ja alles alte Leute hier. Auch ich sitze viel vor meinem Ofen. Bin ja auch nicht mehr der jüngste. Wenn ich nicht vor meinem Ofen sitze, schippe ich Schnee, bringe Holz in die Hütte und schaue im Keller nach, ob mir die Leitungen schon eingefroren sind. Vor allem deswegen, damit das nicht passiert, heize ich. Ich entwickle mich immer mehr zu einem wechselwarmen Tier, dem die Kälte nichts ausmacht. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich, auch nicht in Bulgarien. Es kommt hier aber öfters vor, als man denkt. Und zwar bei denen, die kein Holz mehr zum Heizen haben. So schlimm ist es bei mir noch nicht. Noch habe ich etwas Holz vor der Hütte, aber es ist schon viel weniger geworden, weswegen ich wie gesagt eigentlich nur noch wegen den Leitungen heize, damit sie mir nicht einfrieren.

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (23)


Patenonkel Klaus mit seinen Patenkindern

Geträumt, dass sich der Klaus mit dem Olaf und der Ursula trifft, und ich bin irgendwie dabei. Wahrscheinlich so, wie ich bei den Protesten neulich in Sofia und bei den Demonstrationen letztens noch in Berlin dabei war, als Zeitzeuge. Jedenfalls kriegen die drei das mit und sprechen plötzlich englisch, weil sie denken, dass ich sie dann nicht verstehe. Vorher haben sie sich noch geduzt, was mir schon irgendwie komisch vorkam. Aber jetzt, wo sie englisch sprechen, hören sie sich noch komischer an, weil keiner von ihnen richtig englisch kann. Gut, ich auch nicht, aber ich verstehe sie trotzdem, obwohl sie etwas vor mir verheimlichen wollen. Sie sprechen über Geld, um genau zu sein über viel Geld. Das braucht man, wenn man ein Problem hat, das man nicht mit Geld lösen kann. Dann braucht man viel Geld. So sagt man auf dem Balkan. Vielleicht verstehe ich sie aber auch nicht richtig, die drei Deutschen, die gerade über mich entscheiden. Aber selbst wenn ich sie nicht verstehen würde, reicht ihre Körpersprache, um zu begreifen, dass die drei nichts Gutes im Schilde führen. Die Szene erinnert mich an „Der Pate“. Fehlt nur noch, dass einer von den beiden, also Olaf oder Ursula, den goldenen Ring vom Klaus küsst.

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23.01.2022

Bericht aus Bulgarien (24)


„Die Zeit vergeht: Berlin – Sofia“
Graffito in der bulgarischen Hauptstadt

Gerade erreicht mich die e-mail eines Freundes, in dem sich folgender Satz findet: „Das Thema Corona ist in der Regel bei mir abgeschlossen, auch wenn hier und da immer wieder mal Flammen auflodern.“ Vergeblich versuche ich mir auflodernde Flammen vorzustellen, bei einem Thema, dass „in der Regel“ abgeschlossen ist. Es will mir einfach nicht gelingen. Und so gehe ich davon aus, dass sich die auflodernden Flammen auf den Satz beziehen, der folgt: „Mich beschäftigt zur Zeit mehr so das Thema Mann und Frau.“ Und da vor allem dieses Problem: „Wenn ich als Ehemann nun auch mal wieder vornehm ausgedrückt außerehelichen Sex haben möchte, dann … wird auch lieber als Fremdgehen bezeichnet, ist das moralisch scheinbar sehr verwerflich. Man wird auch Ehebrecher genannt, obwohl ich gar keine Ehe zerbrechen möchte.“

Ich fasse zusammen: Ein Freund in meinem Alter möchte sich aktuell mit mir „intensiv austauschen“, aber nicht über Bulgarien, und was ich hier treibe, und auch nicht über Corona, sondern über das Thema Mann und Frau. Ich finde das bemerkenswert, auch weil es ihm bisher scheinbar möglich war, ohne weiteres an Sex heranzukommen. Offensichtlich hat der Freund nun Corona-bedingt ein Problem, und ich gehe davon aus, nicht nur er. So dass ich mich frage, was aus all den Männern wird, denen es gerade ganz genauso geht wie meinem Freund, und die darüber hinaus auch noch jünger sind.

Mit dem von meinem Freund gewünschten Austausch halte ich es wie in meinem Taxi, in dem ein jeder alles sagen durfte – sogar die Wahrheit, und wo ich auch ehrlich meine Meinung gesagt habe, wenn ich danach gefragt wurde. Da der Freund nicht „einfach nur Sex“, sondern „Zuneigung oder Seelenverwandtschaft“ sucht, schlage ich ihm vor, mit seiner Frau über seine Bedürfnisse zu sprechen. Denn das kann kein Mann vor einer Frau verbergen, wohingegen „einfach nur Sex“ mit etwas Glück schon, aber selbst das ist schwer. Ich rate dazu nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern auch aufgrund zahlreicher Gespräche mit Männern und Frauen bei mir im Taxi.

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22.01.2022

Bericht aus Bulgarien (22)

Winter im Balkangebirge

Gestern musste mein Freund Jerry mit seinem Lada „Niva“ zu mir raufkommen, um mich von meinem Berg zu holen. Es ist nicht nur kalt geworden in Bulgarien, sondern es hat auch ordentlich geschneit, und ich habe nur einen normalen PKW ohne Allrad. Nachdem Jerry, den ich „Jerry, the German“ nenne, so wie mich mein Bürgermeister „Rumen, den Deutschen“ nennt, und ich zusammen auf dem Bazar im Nachbarstädtchen einkaufen waren, haben wir irgendwie meinen Wagen ins Dorfzentrum runterbekommen. Dort, also Downtown, steht er jetzt. Einsatzbereit, wenn ich ihn brauche, so hoffe ich. Die Idee, ihn dort abzustellen, stammt übrigens von Jerry, der immer sehr gute und vor allem praktische Ideen hat, was daran liegt, dass er viele Jahre in der Armee ihrer Majestät, der englischen Königin, gedient hat, viele Jahre davon in Deutschland, die meiste Zeit in Berlin. Jerry war sogar mal mit einer Deutschen verheiratet, ganz genau mit einer Ostdeutschen, so wie ich mal mit einer Bulgarin verheiratet war. Dass Jerry am liebsten Deutscher und kein Engländer wäre, hat damit zu tun, aber nicht nur. Jedenfalls ist Jerry deutscher als ich es bin, weswegen ich meinen neuen Freund hier „Jerry, the German“ nenne.

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21.01.2022

Bericht aus Bulgarien (21)

Demonstrant mit bulgarischer Verfassung
Sofia, 12. Januar 2022

Heute ist mein zweiter Artikel auf Multipolar erschienen, kaum dass ich zurück in meinem Dorf in der ärmsten Region Bulgariens, dem Nordwesten bin, die gleichzeitig eine der ärmsten Europas ist. Nachdem mein erster Beitrag den Titel „Bulgarien – die große Freiheit“ hatte, ist der aktuelle „Rote Linie in Sofia“ und beschäftigt sich mit dem nationalen Protest am 12. Januar in Sofia.

Ich bin froh, wieder in meinem Dorf zu sein, nachdem ich über eine Woche in Sofia war. Kaum angekommen, war ich bei meinem Bürgermeister, um ihm bescheid zu sagen, dass sein Einwohner „Rumen, der Deutsche“ zurück ist. Er war froh, mich wiederzusehen, und ich konnte ihm sogleich eine Packung Aspirin gegen seine Kopfschmerzen geben, denn ich hatte mir zwei Packungen davon in der bulgarischen Hauptstadt gekauft.

Am Abend wurde im Radio mitgeteilt, dass der bulgarische Ministerpräsident aktuell die Corona-Maßnahmen für seine Landsleute verschärft hat, die zuvor schon von seinem Volk mehrheitlich abgelehnt wurden. In dem Interview mit dem Übersetzer Martin Petrushev wurde ich gefragt, wie lange Petkow wohl Ministerpräsident sein wird. Angesicht der aktuellen Meldung denke ich, keine volle Amtsperiode.

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19.01.2022

Bericht aus Bulgarien (20)

 
Im Interview mit Martin Petrushev

Bevor morgen mein Bericht über den Protest hier in Sofia am vergangenen Mittwoch auf Multipolar erscheint, hier schon mal das Interview dazu, was Martin Petrushev am Montag bei ihm zuhause mit mir geführt hat. Martin habe ich im Sommer vergangenen Jahres auf den Straßen der bulgarischen Hauptstadt kennengelernt. Zu dem Zeitpunkt hatte er noch die Idee, nach Deutschland zu gehen und dort sein Studium fortzusetzen. Diese Idee hat sich nunmehr zerschlagen, und seither übersetzt Martin Bücher. Zu den Büchern, die er bereits aus dem Deutschen ins Bulgarische übersetzt hat, gehören "Was tun" von David Engels, mit dem er auch ein Interview geführt hat, und "Endspiel des Kapitalismus" von Norbert Häring. Gerade hat er mit der Übersetzung von "Schöne Neue Welt 2030" begonnen. Alle Bücher erscheinen beim Ost-West-Verlag in Sofia, wo ich immer noch bin. Da aber hier nun alles erledigt ist für mich, werde ich mich morgen zurück in meine Region im Nordwesten begeben, der ärmsten des Landes. Vorher wollte ich unbedingt noch dieses Video veröffentlichen. Dass alles pünktlich wie in Deutschland fertig wurde, dafür danke ich Martin und seiner Frau, und natürlich auch für das schöne Interview, das mir viel Freude bereitet hat.

Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (19)

Le Bon & Sun Tsu

Gestern war ich auch noch in der Buchhandlung des Verlags "Ciela" an der Sofioter Universität, die sich in der Unterführung der Kreuzung der Boulevards "Zar Befreier" und "Wassil Lewski" befindet. Ich wollte einfach mal schauen, hab nichts spezielles gesucht. Leider wurde ich wie so oft fündig. Leider deswegen, weil ich eigentlich Geld sparen muss. Niemand weiß, wie lange der Ausnahmezustand anhält.

In Deutschland hat die Polizei gerade einen Freund von mir fest-, und seine Personalien aufgenommen, weil er an einem Spaziergang teilgenommen hat. Dafür soll er büßen, und zwar mit einer Geldstrafe von bis zu 3.000 Euro - praktisch mein gesamtes Erspartes. Nun bin ich nicht in Deutschland sondern in Bulgarien, und hier sind solche Strafen unbekannt, zumindest bisher. Auch deswegen kann ich mir noch Bücher leisten.

An den beiden Klassikern "Psychologie der Massen" von Gustave Le Bon und "Die Kunst des Krieges" von Sun Tsu bin ich gestern nicht vorbeigekommen. Das lag auch am Preis, jedes Buch sollte 8,90 Lewa (4,45 Euro) kosten - macht zusammen 17,80 Lewa (8,90 Euro). Ich muss dazu sagen, dass ich beide Bücher bereits habe, aber in Berlin und nicht in Bulgarien, wo ich sie brauche.

Das denke ich zumindest, wenn ich sehe, dass es in "Die Kunst des Krieges" von Sun Tsu auch das Kapitel "Anpassung" gibt. Dort findet sich zum Beispiel folgender Satz: "Baue diplomatische Beziehungen an den Grenzen auf." Und dieser hier: "Es gibt Befehle der zivilen Regierung, denen du nicht gehorchen solltest." Und auch dieser hier: "Bleibe nicht in unfruchtbaren Gebieten."

Letzterer lässt mich überlegen, wann der richtige Zeitpunkt ist, Sofia zu verlassen. Auf jeden Fall diese Woche, so viel steht fest. Ab Freitag soll es wieder kälter werden. Wahrscheinlich werde ich morgen losmachen, zurück in die ärmste Region des Landes im Nordwesten. Morgen soll auch mein neuer Artikel über die Proteste hier in Sofia heute vor einer Woche auf Multipolar erscheinen.

PS: Der Leser meines Blog, der sich auch das Schwergewicht "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" zulegen wollte, ich hatte ihn hier erwähnt, hat sich bei mir gemeldet. Die Schrift in seiner Ausgabe vom Rhenania-Verlag ist "recht klein", wie er schreibt. Ansonsten ist er aber "begeistert" und er wird sich sicher "einige Stunden" mit den 10 Bänden "auseinander setzen", denn die Begriffe sind "gut erklärt" und "sehr gut zusammen getragen"

Vielen Dank für diese Rückmeldung!

Foto&Text TaxiBerlin

18.01.2022

Bericht aus Bulgarien (18)

Chinesisches Essen in Sofia

Nach dem gestrigen Interview über die Demonstration am Mittwoch, das morgen veröffentlicht werden soll, bekam ich plötzlich Hunger. Ich wollte mal was anderes essen als immer nur bulgarisch, schließlich bin ich immer noch in Sofia, wo das ohne weiteres möglich ist. Spontan entschied ich mich für chinesisch, was ich schon immer mal machen wollte. Ich hab auch schon mal amerikanische Burger probiert, ist jetzt ein paar Jahre her. Die waren schlimm, würde ich nie wieder machen. Das chinesische "von allem etwas" (Foto), was mir die freundliche Bulgarin am Ausschank auf meinen Wunsch zusammenstellte, war ganz OK. Ich würde weitere Chinesen in Bulgarien ausprobieren, auch um zu sehen, wie die Preise dort sind. In dem kleinen Imbiss auf dem Markt "Rimska Stena" (Römische Mauer) in der Nähe vom Wassil-Lewski-Stadion, der von Chinesen betrieben wird, habe ich gestern 3,80 Lewa (1,90 Euro) bezahlt.

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17.01.2022

Bericht aus Bulgarien (17)

Graffito in Sofia

Ich bin immer noch in Sofia und habe hier jetzt auch ein eigenes Graffito. Obwohl die Sonne bereits hervorgekommen ist, auch diesbezüglich ist Bulgarien Deutschland eine Stunde voraus, ist es weiterhin kalt in der bulgarischen Hauptstadt. Heute morgen konnte ich meinen Bericht über den Protest am Mittwoch fertigstellen und abschicken. Jetzt warte ich auf die Antwort. Das Warten vertreibe ich mir mit einem Interview, das für den heutigen Tag geplant ist. Es handelt sich eher um ein Gespräch, und zwar mit dem bereits erwähnten Übersetzer. Ein junger Mann, den ich zusammen mit seiner Frau letzten Sommer hier in Sofia auf der Straße kennengelernt habe, und der Bücher aus dem Deutschen ins Bulgarische übersetzt. Ganz aktuell hat er das Buch "Endspiel des Kapitalismus" von Norbert Häring ins Bulgarische übertragen. Es wird demnächst hier in Bulgarien auf Bulgarisch erscheinen. Gestern habe ich zusammen mit dem Übersetzer, der so wie ich gerade etwas mehr Zeit hat, Konstantin in seinem Antiquariat "Ortograph" besucht, wo wir uns beide mit Bücher eingedeckt haben. Der Übersetzer mit "Lob des Sisyphos" von Camus, und ich mit "Ausgewählten Erzählungen" von Beckett und "Arztgeschichten" von Bulgakow. Da wir beide Stammkunden sind, haben wir von Konstantin Rabatt bekommen. Für die drei Bücher wollte er zusammen 15 Lewa (7,50 Euro) haben, also für jedes Buch 5 Lewa (2,50 Euro), was absolut OK ist. Meine beiden Bücher liegen gerade vor mir auf dem Schreibtisch in "meinem" Zimmer hier in Sofia. Genau genommen ist es das Zimmer von dem Sohn meines Freundes, der im Moment in Holland Jura studiert. Möglicherweise wird er aber bald nach Bulgarien zurückkehren, um hier sein Studium fortzusetzen. Auch in Holland ist ja der Wahnsinn ausgebrochen. Bis zu seiner Rückkehr werde ich aber nicht hierbleiben. Die große Stadt tut mir auf Dauer nicht gut, auch wenn ich hier keinen Ofen mit Holz versorgen muss, sondern eine elektrische Heizung an der Wand für Wärme sorgt. Aber irgendwie ist mir das schon zu viel Luxus, zu viel Dolce Vita, zu easy going. Dann hätte ich ja auch gleich in Berlin bleiben können. - Naja, nicht ganz.

PS: Falls es heute zu dem Gespräch mit dem Übersetzer kommt, wir wollten nochmal über die Demonstration am Mittwoch sprechen, werde ich hier darüber informieren, wenn es veröffentlicht wird.

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16.01.2022

Verrückt nach Eseln und schönen Frauen

 

Auch in Georgien gibt es schöne Frauen - und nicht nur in Bulgarien. Manche von ihnen machen sogar Musik und scheinen darüber hinaus Eselverrückt zu sein. Diese Mischung ist mir in Bulgarien noch nicht begegnet, was wohl auch daran liegt, dass sowohl die Esel als auch die schönen Frauen das Land verlassen haben. Ich gebe die Hoffnung aber nicht auf und suche auf jeden Fall weiter. Zeit genug habe ich. Das mit dem Wahnsinn in der Heimat scheint noch etwas zu dauern.

Video YT
Text TB

Bericht aus Bulgarien (16)


Antiquariat "Ortograph" in Sofia

Vorgestern war ich wieder ins Konstantins Antiquariat "Ortograph" in Sofia. Immer wenn ich in der bulgarischen Hauptstadt bin, besuche ich Konstantins Laden in der William-Gladstone-Straße 60, unweit des Slaweijkow-Platzes, auf dem früher der bekannteste Buch-Basar der Stadt war. Letztens hatte ich die zehnbändige Ausgabe vom "Handbuch des deutschen Aberglaubens" bei Konstantin gekauft, ich hatte hier darüber berichtet. Das hat ein Leser meines Blogs dazu angeregt, es sich auch zuzulegen, allerdings in der Ausgabe vom Rhenania-Verlag. Dort kostet der Nachdruck des Schwergewichts nur 50 Euro. Die Ausgabe vom de Gruyter Verlag, die mir Konstantin am Ende für 60 Lewa (30 Euro) verkauft hat, kostet bei Booklooker im Internet, wo auch ich einst Bücher angeboten habe, zwischen 150 und 200 Euro, wie mir der Leser meines Blogs weiter mitteilte. Meine Ausgabe hat im ersten Band 20 unbedruckte Seiten, wofür Konstantin natürlich nichts kann. Er wusste es nicht einmal, wie er mir versicherte. Trotzdem schenkte er mir ein Buch - mal wieder, und zwar diesmal das "Tractatus Satanicus - Die Geschichte des Teufels von ihm selbst erzählt", worüber ich mich sehr gefreut habe. Obwohl ich, was das Buch angeht, mit dem schlimmsten rechne, denn es ist ein Roman und kein Sachbuch. Vermutlich ist der Titel das beste am Buch. Immerhin passt der zum "Handbuch des deutschen Aberglaubens" und auch zu unserer Zeit. Denn was muss ich da wieder aktuell aus der Heimat hören? Selbst unter unseren "Volksvertretern" werden neuerdings Ungeimpfte im Deutschen Bundestag, unserem Parlament, separiert. Sarah Wagenknecht wird wortwörtlich der AfD in die Arme getrieben. Da bin ich froh, in Bulgarien zu sein. Übrigens: Die "bulgarische AfD", soweit dieser Vergleich erlaubt ist, heißt "Wiedergeburt". Über sie und ihren nationalem Protest am 12. Januar in Sofia schreibe ich noch, der Beitrag ist aber so gut wie fertig. Gleich gehe ich noch mal drüber. Zuvor möchte ich mich bei dem Leser meines Blogs bedanken, dass er meiner Empfehlung gefolgt ist. Vielleicht schreibt er mir mal, wie ihm seine Ausgabe gefällt. Danke auch an Konstantin, der mich hier in Bulgarien mit Büchern versorgt.

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15.01.2022

Bericht aus Bulgarien (15)

"Border Area"

Gerade habe ich erfahren, dass seit dem 7. Januar bei der Einreise nach Bulgarien eine Impfpflicht gilt. Bei der Einreise aus Deutschland muss seither neben einem Impfzertifikat oder einem Genesenennachweis zusätzlich auch ein negativer PCR-Text (nicht älter als 72 Stunden) vorgelegt werden. Das als Information an alle, die sich mit dem Gedanken tragen, demnächst nach Bulgarien überzusiedeln. Sorry für diese ausgesprochen schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass mein Bericht über den nationalen Protest am 12. Januar in Sofia, wo ich mich immer noch aufhalte (und nicht in meinem Grenzgebiet im Nordwesten des Landes, wo es bis vorgestern noch wie auf obigem Foto aussah), gegen den Grünen Pass auf einem guten Weg ist. Ich hoffe, dass er in nächsten Tagen veröffentlicht werden kann, möglicherweise wieder auf Multipolar. Sobald er online ist, werde hier auf meiner Seite auf ihn hinweisen.

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14.01.2022

Bericht aus Bulgarien (14)

Mein Freund, der Zahnarzt

Mit diesem Beitrag möchte ich mich bei meinen beiden ersten Spendern bedanken. Vor einer knappen Woche sind 50 Euro von einem Paar aus Norddeutschland auf meinem Spendenkonto eingegangen und soeben noch einmal 30 Euro von einer Firma im Hessischen. Hierbei handelt es sich sogar um eine monatliche Spende, was mich ganz besonders freut. Beide, also sowohl das Paar als auch die Firma, tragen sich mit dem Gedanken, angesichts der aktuellen Entwicklung Deutschland zu verlassen und vielleicht nach Bulgarien überzusiedeln. Dafür brauchen sie jemanden vor Ort, der ihnen Fragen beantwortet und auch sonst weiter hilft. Ich mache das gerne, weil ich selbst hier auch auf solche Menschen angewiesen bin.

Bei einem von ihnen wohne ich gerade, und zwar in Sofia, wo ich immer noch an meinem Bericht über die Demonstration am Mittwoch, auf der versucht wurde das Parlament zu stürmen, arbeite. Ich kenne diesen Freund schon seit fast 30 Jahren, habe ihn hier auf der Straße in der bulgarischen Hauptstadt kennengelernt. Er hat mehrfach bei mir in Berlin gewohnt, und jetzt wohne ich bei ihm, habe hier mein eigenes Zimmer und Internet, das ich für meine Recherche brauche. Auf meinem Dorf komme ich sonst auch ohne permanenten Zugang zum Internet klar.

Mein Freund stellt mir aber nicht nur ein Zimmer zur Verfügung, sondern er hat mich auch mit seinem Zahnarzt bekannt gemacht, der jetzt auch mein Zahnarzt ist. Ich schreibe dies einerseits, um klar zu machen, dass es wichtig ist in einem Land, wo ein Drittel der Bevölkerung im Ausland lebt, Leute zu kennen, die wieder andere kennen. Zum anderen möchte ich insbesondere meinen Spendern wissen lassen, wo ihr Geld geblieben ist. Das Geld hat jetzt mein Zahnarzt, der mir heute eine zweite Füllung für 90 Lewa (45 Euro) gemacht hat. Die erste Füllung hat 100 Lewa (50 Euro) gekostet, die Grunduntersuchung 20 Lewa (10 Euro) und eine Zahnreinigung 80 Lewa (40 Euro). An der zweiten Füllung heute hat er fast zwei Stunden gearbeitet, auch weil er alles alleine macht. Es ist auch nicht einfach nur eine Füllung, sondern der Zahn ist wie neu.

Verabschiedet habe ich mich heute von meinem Zahnarzt, der eigentlich ein Künstler ist - ein Zahnkünstler - mit einer Umarmung. Wir sind also jetzt auch Freunde. Als nächstes brauche ich eine neue Krone, die 260 Lewa (130 Euro) kosten soll. Dafür war ich heute beim Röntgen, wofür 8 Lewa (4 Euro) fällig wurden. Für die Krone braucht er zwei, maximal drei Termine. Wann wir die machen, steht noch nicht fest, ist auch etwas vom Wetter abhängig. Im Moment ist es sehr kalt in Bulgarien, so dass ich eigentlich zurück auf mein Dorf müsste, damit mir dort nicht die Leitungen einfrieren. Gestern ist mein Bürgermeister, der ebenfalls mein Freund ist, zu mir rausgefahren und hat bei mir Feuer gemacht, damit genau das nicht passiert.

Ich erwähne meinen Bürgermeister auch, weil ich weiß, dass er sich über jeden neuen Einwohner unseres Dorfes freuen würde. Er selbst verkauft gerade ein Haus, an dem aber einiges gemacht werden muss. Mit Sicherheit würde er auch dabei behilflich sein, für Interessierte eine andere, passendere Immobilie zu finden. Auf jeden Fall ist er eine Person, die man braucht, weil er die Leute kennt. Dabei geht es nicht um Geld, das möchte ich auch noch einmal betonen. Vielmehr ist es eine Frage der Gastfreundschaft, und es hat auch seinen ganz einfachen, praktischen Nutzen. In einem Land, das einen Exodus erlebt hat, ist jeder neue Einwohner willkommen.

Foto&Text TaxiBerlin