12.12.2019

HIER SPRICHT TAXIBERLIN #40 ZUM NACHHÖREN




Mein heutiger Studiogast Przemyzlaw Woscieszek, "Przemek" genannt, berichtet über seine dreimonatigen Erfahrungen als Uber-Fahrer in Berlin, die er gerade in seinem Theaterstück "Svetlana" verarbeitet, und das am 20. und 21. Dezember jeweils um 20 Uhr im Club der Polnischen Versager in der Ackerstraße 168 Premiere hat. Karten gibt es an der Abendkasse. Leszek Nadolski, 1. Vorsitzender der Berliner TaxiInnung, war so freundlich für uns ins Deutsche zu übersetzen.

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Text TaxiBerlin

VERKLEIDETE LOBBYISTEN


Es gibt nichts, was es nicht gibt.
(Weisheit der Straße)

Von meinem heutigen Studiogast, dem polnischen Theaterregisseur Przemyszlaw Woscieszek, habe ich, das soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, aus der BZ erfahren. Nun ist es so, dass die BZ zum Springer-Konzern gehört, und auch Springer mit Uber Geld verdien will. Warum sollte Springer dort sonst sein Geld anlegen? Ein Journalist, der von Springer bezahlt wird und über Uber schreibt, hat, was man klassischerweise einen Interessenkonflikt nennt. Über diesen Interessenkonflikt findet sich leider nichts in dem Artikel der BZ, wie man es von gutem Journalismus erwarten darf. Es gibt da also eine Lücke, weswegen manch einer auch von Lückenpresse spricht.

Drei Beispiele

1. In dem Artikel kommt der Pressesprecher von Uber-Deutschland wie folgt zu Wort: "Wir sind günstiger, weil unsere Autos mehr als 50 Prozent der Zeit auf der Straße mit Kunden unterwegs sind, im Taxi nur zu 25 bis 30 Prozent." Die Gegenfrage des Journalisten, die leider in den Artikel fehlt, hätte lauten müssen: "Wie kann es sein, dass ihre Fahrzeuge mehr als 50 Prozent ausgelastet sein sollen, wenn diese doch die Rückkehrpflicht haben, sie sich also nach jedem Auftrag zum Betriebssitz zurückbegeben müssen, wie es der Gesetzgeber vorsieht, und erst von dort aus den nächsten Auftrag ausführen dürfen?"

2. In dem Artikel wird behauptet: "Uber ist in jedem Fall billiger." - Was zu beweisen wäre! Selbst bei der Berliner Zeitung vom 20.Januar war man da schon weiter. Dort steht "Uber ist in der Regel billiger." "Uber ist in jedem Fall billiger" ist, so denke ich, an erster Stelle eine schöne Schleichwerbung bzw. ein gelungenes Product Placement.

3. Was völlig fehlt in dem Artikel, ist, wie die Mietwagenfirmen abrechnen. Es dürfte sich dabei wohl "in jedem Fall" um eine Abrechnungsform handeln, die in der Taxibranche als "gewürfelte Abrechnung" bezeichnet wird. Würde man die Mietwagenfirmen, die für Uber fahren, genauso gläsern machen wie es das Taxigewerbe bereits heute ist, könnten die Läden allesamt dicht machen.

Ich erwähne das auch, weil es Journalisten gibt, die ihren Beruf bereits an den Nagel gehängt haben und lieber Taxi fahren. Beispielsweise Miroljubova Benatova in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Miroljubova Benatova war 26 Jahre lang eine angesehene und bekannte Reporterin in Bulgarien. Ich habe von ihr, die seit einem knappen Jahr Taxi fährt, in diesem Sommer erfahren, etwa zur selben Zeit als der Artikel über meinen heutigen Studiogast in der BZ erschien. Miroljubova Benatova äußert sich in diesem Beitrag über ihre Entscheidung lieber Taxi zu fahren folgendermaßen:

„Weiter unten geht nicht“, würden manche sagen. Nein, Taxifahrer zu sein hat nichts mit unten sein zu tun. Manchmal erkenne ich das gesellschaftliche schlechte Gewissen in Form eines üppigen Trinkgelds. Ich sage dann, dass das keine Indulgenz für das Schweigen der Bürger ist. Und gebe heraus.

Ich war eine Journalistin mit gutem Festgehalt. Nicht unter der Hand. Jetzt verdiene ich ein Praktikantengehalt und es befriedigt mich, wenn die Leute nachdenklich, inspiriert, aufgeheitert aufbrechen. Und zufrieden, dass sie pünktlich angekommen sind, oder sogar schneller als erwartet. Das ist meine Arbeit.

Und ja, es gibt Arbeit zum Schämen. Doch das ist nicht, den Kofferraum zu öffnen und Leute angenehm von Punkt A nach B zu befördern. Es ist nicht zum Schämen, zuzuhören, höflich zu reden und zu antworten, wenn man dich fragt, warum du dort sitzt. 

Zum Schämen ist, wenn sie dich mit bestellten Reportagen beauftragen. Wenn sie dir die Fragen schreiben und die Antworten diktieren. Zum Schämen ist, für Geld zu töten. Hinter der Maske des Journalismus wirtschaftliche und persönliche Interessen zu bedienen. Ein PR zu sein oder ein Lakai des Staates als Reporter, Produzent und Direktor von Nachrichten, das ist zum Schämen. Dass sie dich an den Eiern packen und du daraufhin Worte streichst, ist der Tod.


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11.12.2019

AM DONNERSTAG 19 UHR SPRICHT TAXIBERLIN LIVE AUS DER LOTTUM AUF PI-RADIO 88.4 ÜBER "PROFESSIONELLE LOKALE" UBER-SKLAVEN


Wirklich?

Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Aber auf die neueste Ausgabe von "Hier spricht TaxiBerlin" hast du dich nun lange genug gefreut. Deswegen sind wir morgen ab 19 Uhr endlich wieder auf Sendung. Das Ganze auf Pi-Radio und Live aus der Lottum. Im Radio sind wir hier in Berlin unter 88.4 zu hören, in Potsdam ist es bereits die 90.7, und gerne auch weltweit als Live-Stream im Internet.

Unser Gast im Studio wird Przemyszlaw Woscieszek sein, den wir der Einfachheit halber nur Przemek nennen. Przemek (45) ist ein Theaterregisseur aus Polen, der eine Zeitlang als Uber-Fahrer auf unseren Straßen und Plätzen unterwegs war. Was an ihm genau "professionell" und was "lokal" ist, das wird er uns neben Details aus dem Leben eines Uber-Sklaven in unserer morgigen Sendung verraten.

Obwohl Przemek gerade mit den Proben zu seinem Stück "Svetlana" beschäftigt ist, nimmt er sich die Zeit zu uns ins Studio zu kommen. In "Svetlana" geht es auch um Przemeks Erfahrungen als Uber-Fahrer in Berlin. "Svetlana" hat am 20.12. Premiere im "Club der Polnischen Versager", und es gibt im Moment noch Karten an der Abendkasse.

Da der total "lokale" und auch "professionelle" Uber-Sklave Przemek aus Polen kein Deutsch spricht, mussten wir für unsere Sendung auch noch einen Übersetzer anheuern. Der Übersetzer, der kurzfristig zugesagt hat, worüber wir uns sehr sehr freuen, ist sozusagen der Überraschungsgast in unserer morgigen Sendung. In Fachkreisen ist er auch als "Großer Vorsitzender" bekannt - so viel kann ich verraten.

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09.12.2019

DAS ENDE DES NEOLIBERALEN EXPERIMENTS


Die so genannte Demokratie: die marktkonforme Demokratie

Nachdem die sozialistischen Experimente allesamt gescheitert sind, erleben wir gerade das Scheitern des neoliberalen Experiments, auch als Merkelsche "marktkonforme Demokratie" bekannt, besser wohl "eine durch den Markt deformierte Demokratie". "Der Markt richtet alles", und das "alternativlos", das Mantra des Neoliberalismus, ist das, was früher "die Partei hat immer recht" war. "Es war nicht alles schlecht" wird man eines Tages über das neoliberale Experiment in den Geschichtsbüchern lesen, aber, und das sagte bereits Goethe: "Alles was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht." Ich erlaube mir aus Erfahrung hinzuzufügen: "Und der letzte macht das Licht aus!"

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07.12.2019

DER NEUESTE SCHEIß


Natürlich im Prenzlauer Berg

Wer in letzter Zeit mal beim Arzt, auf einem Amt oder auch nur auf der Post war, der wird festgestellt haben, dass die DDR und ihre sozialistischen Wartekollektive zurück sind. Einen Unterschied zu früher gibt es allerdings, und zwar folgender: früher teilte man etwas mit den anderen Wartenden in der Schlange, und wenn es nur die Vorfreude auf das war, was einem am Ende erwartete, von dem man oft nicht wusste, was es eigentlich ist. Heute teilen die Wartenden nichts mehr miteinander. Und deswegen ist die Idee, im Ärztehaus einen Friseur einzurichten, nur folgerichtig. Alleine deswegen, weil man meist nur jemandem braucht, mit dem man reden kann. Und da der Arzt dafür heute keine Zeit mehr hat, bleibt dafür nur noch der Friseur oder eben der Taxifahrer. Dass die Idee eines Ärztehauses mit Friseur erstmals ausgerechnet im Prenzlauer Berg realisiert wurde, ist keine Überraschung. So ein Friseur kostet ja auch etwas. Ich zum Beispiel kann ihn mir gar nicht leisten. Das letzte Mal habe ich vor 25 Jahren einen Friseur von innen gesehen. Wer hinter der Idee steckt, in einem Ärztehaus einen Friseur zu eröffnen, dürfte klar sein: eins von den zahlreichen Start-ups, die gemeinsam mit den anderen viel zu Vielen seit geraumer Zeit permanent die Hauptstadt heimsuchen.

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05.12.2019

DIE HAUPTSTADT UND DER SEX


Sexstillleben: "Ruf mich an!"

Seitdem wieder Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche auf dem Breitscheidplatz ist, stehe ich immer öfter an der Taxihalte am Europacenter. Die Tauentzienstraße ist dort zwar gesperrt, aber für Taxen ist die Zufahrt erlaubt, was viele Kollegen nicht zu wissen scheinen. Zum wiederholten Male stiegen mir nun an der Halte Europacenter Frauen ein, die zum Artemis wollten, weil sie dort arbeiten. Das Artemis, wer es nicht kennt, ist ein Großraumbordell am Ende des Ku'damms. Manche bezeichnen das Artemis auch als Fitness- oder gar als FKK-Club. FKK steht für FreiKörperKultur. Frei im Sinne von entblößt mögen im Artemis die Körper sein, frei im Sinne von umsonst ist im Artemis aber nichts. Die Fahrstrecke der Frauen, die mir am Europacenter einsteigen und zum Artemis wollen, weil sie dort ihren Körper verkaufen, ist immer dieselbe. Einmal den Ku'damm rauf, was durchaus Spaß macht. Der Ku'damm ist zwar immer ganz voll von Autos, denn er ist gerade sehr schön aber total klimaschädlich ausgeleuchtet. Dafür gibt es eine Busspur, die ich mit den Damen an Bord benutzen darf, sie müssen schließlich zur Arbeit. Am Ende vom Ku'damm, bevor es rechts die Halenseestraße runter geht, wo sich das Artemis befindet, muss ich immer links auf die Aral-Tanke, wo die Frauen immer noch mal einkaufen müssen, obwohl sie gerade vom Einkaufen in der Tauentzienstraße kommen. Aber auch dafür habe ich Verständnis. Manche Sachen bekommt man eben nur an der Tanke, genauso wie man manches nur im Taxi erfährt. Die Damen früher haben den Taxifahrer gerne schon mal wie einen dummen männlichen Affen behandelt, insbesondere bei Frauen aus Osteuropa war dies die Regel. Da hat sich viel verändert in den letzten Jahre, was auch beweist, dass früher eben doch nicht alles besser war, und Menschen sich auch weiterentwickeln können, was man damals Dialektik nannte. Ich kam also mit all den Frauen, die mir am Europacenter einstiegen, zum Artemis wollten und allesamt aus Osteuropa stammten, was ihr starker Akzent verriet, immer in ein nettes Gespräch. Doch bevor ich darüber schreibe, möchte ich noch folgendes erwähnen. Ich denke in letzter Zeit immer öfter an Sex, um ganz ehrlich zu sein eigentlich ständig. Es kann sein, dass das mit der Werbung zusammenhängt, die seit einiger Zeit praktisch ohne weibliche Brüste nicht mehr auskommt. Vielleicht spielt auch die Vielweiberei eine Rolle, dass ich ständig an Sex denken muss, denn die Vielweiberei ist das Ding von morgen, wenn du so willst, der neueste Trend, den noch keiner kennt. Bei den Fahrten mit den jungen Frauen, die vom Europacenter zum Artemis wollten, hatte ich nun komischerweise überhaupt keinen Sex im Kopf. Das liegt vor allem daran, dass wir sozusagen Kollegen sind. Die Frauen sind im Prinzip Flaschensammler, so wie ich. Auch ihnen haben es die leeren Flaschen angetan, denn die bringen Geld. Der einzige Unterschied scheint mir zu sein, dass ich die Pflicht zur Beförderung habe und sie nicht. Ansonsten müssen aber auch sie, genauso wie ich, jeden an sich ran lassen. Nun zu dem, was mir die Frauen unisono erzählten. München, und das hat mich dann doch überrascht, sei in Sachen Sex TOT. TOT wurde mehrfach wiederholt und mit sehr sehr starkem osteuropäischen Akzent ausgesprochen. Das musste ich mir förmlich merken. Was mir noch wichtiger erschien, war, dass 98% der Männer im Artemis Ausländer seien. 98% Ausländer und 2% Deutsche! - das musst du dir mal vorstellen! Ich gehe mal davon aus, dass die Zahlen stimmen. Wichtiger ist sowieso, wie man die Statistik interpretiert. Also ich sehe da genau zwei Möglichkeiten: Entweder kann sich der von hier keinen Sex mehr leisten, oder er hat einfach keinen mehr. Egal, was nun stimmt, es läuft beides immer auf das selbe hinaus.

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04.12.2019

VOM TEE TRINKEN ÜBER UNTERWERFUNG UND VIELWEIBEREI ZUR BESCHNEIDUNG


Geht auch beim Fahren

Am Montag habe ich "Unterwerfung" von Michel Houellebecq bei mir im Taxi verkauft. Ich hatte es als Taschenbuch in meinem kleinen Bauchladen. Mein Bauchladen läuft gerade jetzt vor Weihnachten fantastisch, aber das nur nebenbei. Der Dame, die das Buch gekauft hat, habe ich vorher kurz das Buch erklärt, deswegen habe ich es im Kopf. Dort überlegt der Hauptprotagonist, ein gewisser Francois, ob er zum Islam übertreten soll oder nicht. Das wiederum brachte mich darauf, mich einmal selbst etwas genauer anzuschauen. Immerhin habe ich bereits vor einiger Zeit mit dem Alkohol aufgehört, und zwar komplett. Hinzu kommt, dass ich mir immer öfter die Füße wasche. Nahezu täglich nehme ich ein heißes Fußbad. Meine Fußbäder sind allerdings keine rituellen Waschungen, wie sie Kollegen von mir am kleinen Handwaschbecken der kostenpflichtigen Toilette auf dem Parkplatz nur für Taxifahrer am Flughafen Tegel (TXL) vornehmen, sondern sind ausschließlich dem nasskalten Wetter in der Hauptstadt geschuldet. Dass ich öfters auf diesen Ort muss, liegt daran, weil ich angefangen habe prophylaktisch mehr zu trinken, denn als Taxifahrer neigt man mangels Toilette eher zur Austrocknung. Ich trinke aber nicht mehr Kaffee wie viele Kollegen, Kaffee trinke ich nur noch morgens, sondern vor allem Mineralwasser und auch Tee. Den gibt es hier neuerdings auch zum Gehen, man kann aber auch mit ihm Fahren. Wenn ich mir meine Ernährung ansehe, so besteht auch da Handlungsbedarf. Abgepackte Wurst aus dem Fleisch toter Schweine ist nicht gerade das Gelbe vom Ei. Ob ich mir deswegen gleich Halal hole, das kann ich nicht sagen. Mehr beschäftigt mich die Frage, wie auch Francois, dem Hauptprotagonisten von Michel Houellebecqs "Unterwerfung", nach der Vielweiberei, denn die ist und bleibt problematisch. Die Vielweiberei ist sozusagen die Achillesferse der ganzen Geschichte. Und das, wo heute so viel von der Gleichheit der Geschlechter die Rede ist. Offensichtlich geht es da dem anderen Geschlecht ganz anders als mir. Hilft da vielleicht Beschneidung?

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02.12.2019

UND WARUM?


Warum?

"Und warum?" ist die Frage, die ich seit einiger Zeit meinen Fahrgästen stelle. Beispielsweise, warum sie nur EINMAL und nicht ZWEIMAL wohin wollen. Ich meine, heute wird doch immer ROUND TRIP gebucht, nur eben im Taxi nicht, und das verstehe ich nicht. Oder warum sie ausgerechnet in diese Straße, dieses Restaurant oder dieses Hotel wollen. Letzteres interessiert mich, weil ich selbst meistens zu Hause und nicht im Hotel schlafe. Was Restaurants angeht, da wurde mir neulich das "Layla" in der Halleschen Straße empfohlen, was allerdings nicht meine Preisklasse zu sein scheint. Zumindest würde ich "Stilvolles Restaurant für gehobene israelische und mediterrane Küche mit eleganter Bar" aus ihrer Eigenwerbung so interpretieren. Vor allem interessiert mich aber, wo die Leute zu hause sind. Viele Fahrgäste wohnen zwar in Berlin, sind aber hier gar nicht zu hause. Das sind die, die demnächst, also ZU und nicht AN Weihnachten, wieder nach hause fahren. Für andere, und sie werden immer mehr, ist Berlin nur ihre BASE - was für ein schreckliches Wort! Offensichtlich sind sie niemals hier angekommen und werden dies wohl auch nie. Auch da frage ich gerne mal nach: "Und warum?"

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01.12.2019

DIE AFTERPARTY


Altes Testament mit Lesezeichen

Gestern wurde ich zu einer Afterparty eingeladen, und das kam so: Es war früher Nachmittag, als ich eine D-Jane vom Club abholte. Es war nicht irgendeine D-Jane, sondern D-Jane Jasmin aus Lichtenberg, wer kennt sie nicht. D-Jane Jasmin ist es gewohnt, den Ton anzugeben, wie es sich für eine richtige D-Jane gehört. Ich war selber mal D-Jay, ich weiß wovon ich rede. Auch wenn ich nicht mehr als D-Jay aktiv bin, so gebe in meinem Taxi immer noch ich den Ton an, und manchmal spiele ich dort sogar den D-Jay. Dass jemand anders den Ton angibt, war D-Jane Jasmin verständlicherweise nicht gewöhnt, was leicht hätte ins Auge gehen können. Zum Glück habe ich als Lenker eines Öffentlichen Verkehrsmittels mit dem Namen Taxi nicht nur eine Beförderungspflicht, sondern auch den Bildungsauftrag. Der Bildungsauftrag war ursprünglich bei Öffentlich/Rechtlich, der ein oder andere erinnert sich, wo er aber spätestens seit Einführung der Zwangsabgabe nicht mehr ist. Öffentlich/Rechtlich hat da eine große Lücke hinterlassen, manch einer spricht auch von Vakuum, das gefüllt werden muss, denn so ein Vakuum ist nicht ganz ungefährlich. Insbesondere ein Machtvakuum, beispielsweise auch im Taxi. Dort verhindere ich schlimmeres immer dadurch, indem ich aus einem Straßenverzeichnis vorlese, und das wollte ich auch gestern. Meine Fahrgast, D-Jane Jasmin aus Lichtenberg, war so fasziniert von der Idee, dass sie mich kurzerhand zu sich nach hause zu einer spontanen Afterparty einlud, wo ich ihr vorlesen sollte. D-Jane Jasmin aus Lichtenberg war aber nicht alleine, was für mich kein Problem gewesen wäre. Gerne hätte ich auch ihrem Freund vorgelesen, während er ihre Hand hält. Wahrscheinlich wäre es genauso gekommen, wenn D-Jane Jasmin nicht vorher zum Geldautomaten in Lichtenberg gemusst hätte. Diesen Moment nutzte ihr Freund, um mir klarzumachen, dass das keine gute Idee mit der Afterparty ist, weil D-Jane Jasmin jetzt müde sei und ins Bett müsse. Dafür hatte ich als mobiler Lebensberater größtes Verständnis. Hinzu kommt, dass ich nicht aus den Brüdern Grimm vorlese, sondern, wie geschrieben, aus einem Straßenverzeichnis, genauer gesagt aus dem Kauperts (oben), dem Alten Testament der Straßen- und Wegelehre. Die Lesung musste also gestern ausfallen, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und nach der Party ist vor der Afterparty - meistens zumindest.

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30.11.2019

EUER KAPITALISMUS KOTZT MICH AN


Zeit zum Kotzen

Der größte anzunehmende Unfall oder auch GAU im Taxi war einst, wenn der Fahrgast, der bekanntlich König ist, einem in den Wagen kotzt. Da ich als Taxifahrer aber der Kaiser bin in meinem Taxi, der seinen Fahrgästen sogar das Telefonieren verbieten darf, kann es auch hier noch schlimmer kommen. Die Rede ist vom SUPER-GAU, und zwar dann, wenn ich als Taxifahrer kotzen muss. Das kommt seit einiger Zeit immer häufiger vor; und neuerdings zeigt mir sogar das Taxamater an, wann ich kotzen soll (Foto). Kotzen ist gar nicht so schwer, es will allerdings gelernt sein. Das wichtigste beim Kotzen ist, dass man nicht einfach so kotzt, denn das kann jeder. Man muss lernen zielgerichtet zu kotzen, was einem bei all der Ablenkung zugegeben nicht gerade leicht gemacht wird. Hinzu kommt die organisierte Verantwortungslosigkeit. Das ist leider auch wahr. Trotzdem, und das sage ich aus eigener Erfahrung, kann man das Kotzen lernen. Wie man sich an alles gewöhnt, so kann man auch alles lernen. Versuch es einfach mal, wenn du das nächste Mal kotzen musst, aber bitte nicht im Taxi. Aber wenn du gerade drin sitzt, dann frag am besten den Taxifahrer, wie es funktioniert, das zielgerichtete Kotzen. Danach, also wenn du es kannst, geht es nicht nur leichter, sondern man fühlt sich danach auch gleich viel besser. - Garantiert!

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29.11.2019

AUF DIE RICHTIGE HALTUNG KOMMT ES AN


Nicht nur bei den Öffis!

Heute soll ein jeder Haltung zeigen und so auch TaxiBerlin. Ich bin schließlich auch nur ein Mensch, der irgendwo dazugehören möchte. Bei der Haltung kommt es darauf an, dass es die richtige ist, wie die von der jungen Frau auf dem U-Bahnhof Schlesisches Tor. Aber auch im Taxi ist die richtige Haltung wichtig, und zwar wegen dem Rücken. Deswegen hätte ich nichts dagegen, wenn ab und an ein paar junge Frauen vorbeikämen, und wir gemeinsam in meinem Taxi die richtige Haltung üben würden. Oder ich schaue erstmal nur zu. Auch das kann ich mir vorstellen. Jedenfalls stehe ich jetzt wieder öfters an der Taxihalte Schlesisches Tor. Man weiß ja nie, wer oder was kommt.

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28.11.2019

MEIN LEBEN AUF DER STRAßE


Die Straße - mein zu hause

Um von der Straße wegzukommen, ist Taxifahren defintiv der verkehrte Job. Das ist so und wird wohl auch immer so bleiben. Ich persönlich finde das gar nicht schlimm. Ganz im Gegenteil! Nachdem ich einige Universitäten (und nicht nur die Mensa!) von innen gesehen habe, kann ich sagen: Meine Universität ist die Straße. Bis vor kurzem konnte ich noch neben meinem Taxi auf genau dieser nächtigen, aber das geht nicht mehr. Wie alle Jahre wieder ist die Zeit gekommen, wo ich immer öfter gar nicht mehr aus dem Taxi rauskomme. Auch das ist nicht schlimm. Man muss sich nur begrenzen können. Mit der Bibliothek ist es erstmal vorbei. In meinem Taxi gibt es ab sofort nur noch ein Buch, und zwar das, das ich gerade lese. Meine Klassik-CDs habe ich auf die Straße gelegt, genauer auf den Bürgersteig, wo sie wahrscheinlich jetzt noch liegen. Das Notizbuch habe ich behalten und auch den Kugelschreiber. Den brauche ich auch für die vielen Quittungen. Heute fährt kaum noch jemand Taxi, ohne sich eine Quittung ausstellen zu lassen. Alles muss dokumentiert werden. Der Mensch von heute ist ein Quittungsmensch. Ohne Quittung macht er absolut gar nichts mehr. Deswegen ist mein Taxi auch voll von leeren Quittungen. Früher haben sie mich genervt, die vielen Quittungen. Heute bin ich dankbar, dass es Quittungen gibt. Da ich auch meinen Schlafsack auf der Straße lassen musste, decke ich mich im Taxi mit Quittungen zu. Man glaubt gar nicht, wie warm Quittungen halten.

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27.11.2019

TAXIBERLIN ÜBER E-ROLLER


Taxi war gestern

Mir ist aufgefallen, dass ich noch gar nichts über die E-Roller geschrieben habe, die uns seit dem Sommer in großer Stückzahl in Berlin heimsuchen. Das liegt daran, weil die E-Roller nur eine weitere Schmeißfliege neben Bloody Tourist, Party People und vielen anderen sind, um die man am besten einen großen Bogen macht, da sie vor allem dadurch auffallen, dass sie einem immer und überall nur im Weg rumstehen und manchmal sogar den Parkplatz wegnehmen (siehe Foto). Beim E-Roller kommt hinzu, dass er richtig gefährlich werden kann. Neulich zum Beispiel stieg mir ein junger Mann mit Krücken ein, der nur mal kurz vor die Tür wollte und dabei von einem E-Roller angefahren wurde. Da die Fahrerin eine hübsche Dänin war, auf die der junge Mann nicht böse sein konnte (und wohl auch nicht wollte), muss er postoperativ ohne Schmerzensgeld klarkommen. So kann es gehen. Etwas Positives kann und will ich über die E-Roller aber dann doch noch sagen. Sie haben alle Licht (im Gegensatz zu vielen Fahrrädern) und ihre Geschwindigkeit lässt sich auch viel besser einschätzen (erneut im Gegensatz zu vielen Fahrrädern).

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25.11.2019

TAXI = KOKS-TAXI. NATÜRLICH MIT KOKS.


Werbung in Berlin

Worum geht es in dieser Werbung? Weißt du es? Ich habe es auch schon wieder vergessen. Das Foto habe ich bereits vor einer Woche gemacht. Es ist auch egal, was da beworben wird. Was im Kopf bleibt, ist die Verbindung von Koks und Taxi. Wenn du in Zukunft Taxi hörst oder auch nur an Taxi denkst, wirst du sogleich das Koks-Taxi im Kopf haben. Also Taxi = Koks-Taxi. Selbstverständlich mit Koks.

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24.11.2019

DER GELDAUTOMAT ALS NEUER BLOCKWART


Ohne Geld abzuheben kommt keiner vorbei

Ein neuer Feind ist ausgemacht, was gut ist, denn wenn der Feind bekannt ist, hat der Tag Struktur. Mir gibt das Taxifahren Struktur, aber das nur nebenbei. Der neueste Feind heißt Sparer, weil er spart. Warum er überhaupt noch spart, versteht kein Mensch, denn Zinsen gibt es auf Gespartes schon lange nicht mehr. Trotzdem spart der gemeine Sparer immer noch. Bevor man rohe Gewalt anwendet, versucht man ihn mit Negativ-Zinsen "sanft" zum Geld ausgeben zu bewegen. Damit der gemeine Sparer auch immer und überall an sein Gespartes herankommt, werden jetzt immer mehr Geldautomaten direkt an Toreinfahrten zu den in Berlin üblichen Mietskasernen aufgestellt. So kommt der gemeine Sparer immer gleich dort vorbei, wo sein Geld ist. Er muss also nicht mehr zur Bank gehen. In seinen Hinterhof kommt er zwar nicht mehr rein, das ist sozusagen der Preis oder besser die Strafe. Wenn's dem gemeinen Sparer dreckig geht in seinem Hinterhof, dann soll er dort doch gleich verrecken und Platz schaffen für die, die mehr Geld ausgeben. Der Notarztwagen kommt jedenfalls nicht mehr auf den Hof, das Taxi auch nicht, denn an der Einfahrt steh der Geldautomat (Foto), der ihn nicht vorbei lässt. Der Geldautomat ist der Blockwart von heute, der darüber wacht, dass der gemeine Sparer genug Geld ausgibt. Denn Geld ausgeben ist wichtig - nicht das Klima retten! Wenn beim Geld ausgeben nebenbei das Klima, oder was man dafür hält, gerettet wird, dann ist das OK. Aber das Klima retten und sich dabei beim Geld ausgeben einschränken, wie der gemeine Sparer es tut, das geht nicht! Deswegen wird uns auch permanent erzählt, dass es möglich wäre, einfach so weiter zu konsumieren und trotzdem das Klima zu retten. Klima und Konsum sollen versöhnt werden, fangen schließlich beide mit K an. Was uns nicht erzählt wird, ist, dass Erspartes auch immer Investitionen sind. Dazu müsste man das Ersparte allerdings aktiv investieren, was bekannte Ökonomen, allen voran John Maynard Keynes, in Krisenzeiten, und in einer solchen befinden wir uns, dem Staat anempfehlen. Da der Markt aber alles richten soll, das Mantra der Neoliberalen, investiert der Staat nicht mehr. Wie soll er auch, wenn er selbst pleite ist, und pleite soll jetzt auch der gemeine Sparer gehen, dann kann man ihn auch noch besser kontrollieren. Deswegen stellt man Geldautomaten als neuen Blockwart auf. Wenn das nicht ausreicht, wird der gemeine Sparer demnächst enteignet werden - vorheriger Internet-Pranger inklusive -, vorausgesetzt es findet sich kein neuer Feind, der durch's globale Dorf getrieben werden kann.

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