18.01.2019

DER BÖSMENSCH


Den Bösmenschen gibt es wirklich. Es muss ihn geben, denn sonst gäbe es keinen Gutmenschen. Den Gutmenschen gibt es nur, weil es auch den Bösmenschen gibt. Deshalb wird es Zeit, dass man den Bösmenschen auch einmal ehrt. Wie wäre es mit einem Tag des Bösmenschen? Oder zumindest einen Bösmenschen-Burger? Auch eine Bösmenschen-Bar ist denkbar! Ich würde mal drüber nachdenken.

Text TaxiBerlin

17.01.2019

"ACHTUNG, SIE VERLASSEN DEN POLITISCH KORREKTEN SEKTOR"


Verzicht auf Ablenkung

Mit Sektoren und Zonen kennt sich der Berliner aus. Ich erwähne das, weil das viele heute nicht mehr wissen. Es ist aber wichtig, denn der Kampf des Menschen gegen die Macht, der Kampf des Gedächtnisses gegen das Vergessen ist. Das meinte zumindest der tschechische Autor Milan Kundera, und der muss es wissen. Auch ich fahre, wenn du so willst, Taxi gegen das Vergessen. Das ist der Grund, warum in meinem Taxi ein Handyverbot herrscht. Ein Handy, oder wegen mir auch Smart-Phone, dient nahezu ausschließlich der Ablenkung. Die Ablenkungssucht ist möglicherweise das größte Übel unserer Zeit überhaupt, weil das, was an innerer Entwicklung nicht mehr stattfindet, nun ausserhalb gesucht aber nicht gefunden wird - nicht gefunden werden kann. Die Hinweisschilder bei mir im Taxi, dass dort zwar das Telefonieren verboten sei, man dafür aber alles sagen dürfe, sogar die Wahrheit, egal ob politisch korrekt oder nicht, sind dem Geiste Kunderas Worte verpflichtet. Neulich nun empfahl mir ein Fahrgast, die besten Ideen kommt immer von Fahrgästen, bereits von Aussen darauf aufmerksam zu machen, und zwar mit Aufklebern wie: "Achtung, Sie verlassen den politisch korrekten Sektor".

Foto&Text TaxiBerlin

16.01.2019

ÜBER DAS SCHLIMMSTE UND ZWEITSCHLIMMSTE AM TAXIFAHREN


Das Schlimmste am Taxifahren ist meiner Meinung nach der Umstand, dass ich immer da hin fahren muss, wo der Fahrgast hin will. Das Zweitschlimmste, auch das soll in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, sind die unzähligen permanent roten Ampeln, vor denen man warten muss. Offensichtlich hat es sich noch nicht bis zu den Ampelpsychologen herumgesprochen, dass Rot unglaublich aggressiv macht. Ganz genau ist es so, dass es von der Dauer abhängt. Je länger die Rotphase, früher nannte man das auch "Rotlichtbestrahlung", desto aggressiver. Dagegen ist das mit der Fremdbestimmung, was das Fahrziel angeht, ein Luxusproblem.

Text TaxiBerlin

13.01.2019

ICH, DER NAZI


Den Opfern des Stalinismus

Heute war in Berlin die große Liebknecht-Luxemburg-Demo, die Ermordung der beiden liegt jetzt genau 100 Jahre zurück, an der auch ich teilnahm. Dazu trug ich wie immer meine Gelbe Weste, und auch viele andere trugen auf dieser Demonstration Gelbe Westen. Ich war also nicht der einzige, wurde wohl aber als einziger mit Gelber Weste vom rbb interviewt, was aber nicht gesendet wurde, zumindest bisher nicht. (Das nur nebenbei.)

Die große Liebknecht-Luxemburg-Demo ist auch als Nelken-Abwurf-Demo bekannt. Ein großer Tag also auch fürs Nelken-Geschäft. Die meisten Nelken landeten vor dem großen Gedenkstein mit der Aufschrift "Die Toten mahnen uns" für Rosa und Karl. Meine Nelke legte ich auf dem gegenüberliegenden kleinen Stein für die "Opfer des Stalinismus" ab. Ich erwähne das, weil der weitere Tagesverlauf möglicherweise etwas damit zu tun hat.

Nach der großen Liebknecht-Luxemburg-Demo begab ich mich auf den Flohmarkt, so wie es am Sonntag Tradition ist, obwohl alles andere als Flohmarktwetter war. An einem Stand wurde ich von fünf jungen Männern, einer von ihnen mit Megaphon, auf meine Gelbe Weste angesprochen, wobei ansprechen das verkehrte Wort ist. Ich wurde sogleich als Nazi beschimpft, weil wer hierzulande eine Gelbe Weste trägt ein Nazi ist. Davon waren sie zu 100 Prozent überzeugt, es war somit auch nicht "verhandelbar", und mein Versuch bestätigte sie nur in ihrer Überzeugung.

(Nicht umsonst meinte Kollege Nietzsche bereits, dass Überzeugungen gefährlichere Feinde der Wahrheit sind als Lügen.)

Darüber hinaus waren sie sich sicher, dass ich auch AfD-Wähler sei, vor dem gewarnt werden muss. Deswegen waren sie nun während meines gesamten Flohmarktbesuches an meiner Seite, um auch alle anderen Flohmarktbesucher und Händler auf mich Nazi hinzuweisen. Wobei "an meiner Seite" nicht ganz richtig ist, sie folgten mir in einem Abstand von zwei, drei Metern, die fünf jungen Männer in schwarz mit Bierflaschen in ihren Händen.

Was ich sonst noch über sie sagen kann? Sie waren von der Sorte, die festlegt, wer Nazi ist und wer nicht, und wen man darüber hinaus auch in der Öffentlichkeit als solchen bezeichnen darf. Apropos Öffentlichkeit: Der ein oder andere Besucher blieb durchaus stehen, aber niemand griff in irgendeiner Weise ein. Ganz im Gegenteil. Sicherlich, ich tat den meisten Menschen irgendwie auch leid, aber offensichtlich hatte ich es verdient Nazi genannt zu werden. Und überhaupt: Fünf junge Menschen in schwarz können nicht irren!

Ich nahm meine Brille ab, denn ich rechnete, nachdem ich eine volle Runde um den Flohmarkt gemacht hatte, ohne sie loszuwerden, sehr bald mit dem Angriff der fünf in schwarz, und zwar von hinten. Da stört eine Brille im Gesicht nur. Dann fiel mir ein, dass ich ein Aufnahmegerät dabei habe. Wenn ich sonst nichts tun kann, wollte ich den Angriff zumindest dokumentieren. Sicherlich, ich habe auch an wegrennen gedacht. Aber wegrennen wegen fünf verrückt gewordener selbsternannter Nazi-Jäger? Das ist würdelos!

Ich schaltete das Aufnahmegerät ein und blieb zwischen zwei Flohmarktständen stehen. Sie schlossen rasch auf, beschimpften mich weiter als Nazi und warnten auch weiterhin Passanten und Händler vor mir als Nazi. Ich versuchte es noch einmal mit dem Gespräch. Sie waren offensichtlich auch auf der Liebknecht-Luxemburg-Demo gewesen, darauf wies das Megaphon des einen in schwarz hin, ob sie dort nicht viele Gelbe Westen gesehen hätten. Ja, das hätten sie.

Und, waren das auch alles Nazis? Ja, das waren auch alles Nazis! Aber warum habt ihr die nicht aufgemischt? Das waren zu viele! Ich trage eine Gelbe Weste, weil ich als Taxifahrer gegen Uber bin. Ich hasse auch Taxifahrer! Du hasst ganz schön viele! Hast du dir darüber schon mal Gedanken gemacht? Quatsch mich nicht zu, sonst kriegst du gleich eine in die Fresse!

(Eigentlich wollte ich dem Wortführer, also dem mit dem Megaphon, noch von "Den Ärzten", der besten Band der Welt erzählen, die genau über so jemanden wie ihn ein Lied gemacht haben: "Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe, und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit." - "Schrei nach Liebe")

Hier brach der "Dialog" mit den selbsternannten Nazijägern allerdings ab, denn einer hatte bemerkt, dass ich sie filmte. Jetzt müssten sie die Polizei rufen, Recht am eigenen Bild und so. Vorher stieß er mir noch meine Gelbe Mütze vom Kopf in den Dreck. Ich war damit ganz einverstanden die Polizei anzurufen, hob meine Mütze auf und ging auf die andere Straßenseite. Der Polizist am Telefon machte mir wenig Hoffnung ("das kann dauern"), es sei ja noch "nichts passiert".

Trotzdem kam die Polizei recht zügig, innerhalb von zehn Minuten würde ich sagen. Ob Nazi eine Beleidigung sei, wusste sie allerdings auch nicht. Dafür wies mich die Polizei darauf hin, dass ich das gefilmte Material nur privat verwenden dürfe. Dass ich sie gefilmt habe, war nunmehr der Grund, dass sie mich Nazi genannt hätten. So die Version der selbsternannten Nazi-Jäger. (Auf der Jacke von dem einen stand wirklich "Nazi-Hunter" hinten drauf, wie ich jetzt erst sah. Jeder braucht offensichtlich eine Familie, zu der er gehört.)

Zum Schluss empfahl mir die Polizei noch, die Gelbe Weste auf dem Nachhauseweg besser auszuziehen. Aus Erfahrung wisse man, dass die Situation gerne erneut eskaliert, sobald die Polizei nicht mehr vor Ort ist. Ein Kleidungsstück ablegen aus Angst die Situation könnte eskalieren? Natürlich behielt ich meine Gelbe Weste an! Der letzte Satz des Polizisten, ebenfalls aus seiner Berufserfahrung, beruhigte mich etwas: Oft sind die angeblich so Toleranten die Intolerantesten.

Vielleicht, das ist jetzt aber nur eine Vermutung, haben die einfach nur gesehen, dass ich mit meiner Gelben Weste meine Nelke bei den "Opfern des Stalinismus" abgelegt habe. Aber wahrscheinlich mache ich die selbsternannten Nazi-Jäger damit nur klüger als sie sind.

Foto&Text TaxiBerlin

DER PAWLOWSCHE REFLEX UND DER MENSCH VON HEUTE


Das ist kein Hund, das ist ein Esel
(auch oft klüger als der Mensch)

Der Pawlowsche Reflex, wer kennt ihn nicht, geht so: Immer wenn man einem Hund Futter gibt, läutet man eine Glocke. Das hat zur Folge, dass der Hund das Läuten der Glocke mit seiner Fütterung verbindet, genauso wie ein Handy klingelt, wenn Nachrichten eingehen oder man angerufen wird. Später läutet man nur noch die Glocke und der Speichel läuft beim Hund, ohne dass er sein Futter bekommen hätte. Im Taxi, aber nicht nur hier, ist es nun so, dass erwachsene Menschen ihr Handy hervorkramen, ohne dass dies geläutet hätte. Es gibt auf diesem Handy also keine neuen Nachrichten und es ruft auch niemand an, und trotzdem holen die Menschen es heraus und starren drauf. Das wäre ungefähr so, als würde dem Hund der Speichel aus dem Maul laufen, ohne dass eine Glocke geläutet hätte, geschweige denn, dass es Futter geben würde. Der Hund bei Pawlow ist, wenn man so will, klüger als der Mensch von heute. Pawlow, das sei noch erwähnt, war einer von diesen heute oft leider völlig zu Unrecht verschmähten Russen - böse, böse, böse!

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12.01.2019

DIE ENTNEOLIBERALISIERUNG


Trotz alledem!

Das Ende des Neoliberalismus steht vor der Tür. Der Neoliberalismus ist der Glaube daran, dass der Markt alles richten wird. Genauer gesagt ist der Neoliberalismus die Umverteilung von unten nach oben. Ganz genau ist der Neoliberalismus der Glaube an Geld. Dieser Glaube stösst nun an seine Grenzen, zumindest in der Praxis. In den Köpfen den Menschen ist er natürlich weiterhin nicht nur präsent, sondern sogar dominierend. Deswegen wäre jetzt eigentlich eine Entneoliberalisierung angezeigt, die aber nicht kommen wird, oder zumindest noch nicht. Sollte es doch zu einer Entneoliberalisierung kommen, ist ihr Erfolg auch mehr als zweifelhaft. Betrachtet man die Geschichte, stellt sich sogar die Frage, ob eine Entneoliberalisierung überhaupt wünschenswert ist, auch weil es immer anders kommt, als man denkt. So zum Beispiel auch der Glaube an die Gewaltlosigkeit, der auf die Wende von 1989 zurück geht. Möglicherweise, das ist jetzt aber reine Spekulation, ist der Glaube an die Gewaltlosigkeit genauso ein Irrglaube wie der Glaube an Geld. Was man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen kann, ist, dass es nach einer Wende so weiter gehen wird wie zuvor. Auf jeden Fall ist der gut beraten, der jetzt schon mal seinen Wendehals trainiert und Sätze einübt wie z. B.: "Das war doch klar, dass es so kommt!" oder wahlweise auch: "Das habe ich schon immer gewusst!"

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11.01.2019

HIER SPRICHT TAXIBERLIN #30 ZUM NACHHÖREN




Heute hört man nicht mehr live, sondern man hört nach. Hier kannst du unsere gestrige dreißigste Sendung nachhören. Jemand im schönen Österreich stellt seit einiger Zeit meine Sendungen komplett ins Netz. Ich habe keine Ahnung, wer das ist und was dahinter steckt, möchte mich aber unbekannterweise bei demjenigen dafür bedanken.

PodCast HearThis
Text TaxiBerlin

09.01.2019

WAS FRANZÖSISCHE MILCHBAUERN MIT NEW YORKER TAXIFAHRERN ZU TUN HABEN


Dass französische Milchbauern etwas mit New Yorker Taxifahrern zu tun haben könnten, wusste ich nicht, hatte ich nicht auf dem Schirm. Es ist ein klein wenig wie mit Uber. Uber hat hierzulande auch niemand mehr auf dem Schirm, obwohl sie gerade dabei sind in einigen Großstädten, allen voran Berlin, das Taxigeschäft zu übernehmen. Das haben die französischen Milchbauern bereits hinter sich. Da kam irgendwann billigere Milch aus Brasilien, und sie konnten ihren Laden dichtmachen. In dem Fall nennt man das dann nicht mehr Globalisierung sondern Verwerfung. Verwerfung klingt auch erstmal nett, so als würde man sich einen Ball zuwerfen. Dabei können Verwerfungen richtig existentiell sein, sowohl für New Yorker Taxifahrer als auch für französische Milchbauern. Über letztere habe ich, das wird den ein oder anderen jetzt sicherlich überraschen, aus dem neuen Roman "Serotonin" von Michel Houellebecq erfahren. "Serotonin" ist übrigens eine Antidepressivum, aber das nur nebenbei. Michel Houellebecq beschäftigt sich in seinem neuen Roman neben Depressionen sehr mit der Landwirtschaft. Und in der geht es auf Seite 251 richtig zur Sache. Aymeric, ein französischer Milchbauer, der gegen die erwähnten Verwerfungen auf die Straße geht, wusste irgendwann nicht mehr weiter, "er drehte den Gewehrlauf um, hielt ihn unter sein Kinn und betätigte den Abzug." Im Prinzip dasselbe, was der New Yorker Kollege Douglas Shifter tat, ich hatte an dieser Stelle über ihn geschrieben (hier auch auf englisch). Natürlich willst du nun wissen, was wir tun können, damit es nicht auch unter den hiesigen Milchbauern und Taxifahrern so weit kommt. Dazu musst du nur morgen, Donnerstag, das Radio einschalten, ab 19 Uhr diskutiere ich in meiner Sendung "Hier spricht TaxiBerlin" mit Gästen und Anrufern über dieses Thema. "Hier spricht TaxiBerlin", es ist bereits die dreißigste (30.) Sendung, wird live auf Pi-Radio ausgestrahlt und ist in Berlin unter 88.4 MHz (in Potsdam sind es bereits 90.7 MHz) und auch weltweit unter piradio.de als Live-Stream zu hören.

PS: Die Telefonnummer im Studio ist 030/60937277

Text TaxiBerlin

08.01.2019

MICHEL HOUELLEBECQ UND DIE AUTOFIKTION


Manches bleibt im Dunkeln

Am Montag erschien "Serotonin", das neue Buch von Michel Houellebecq. Eigentlich habe ich kein Geld, zumindest nicht für neue Bücher (Zeit zum Lesen habe ich hingegen genug), aber Michel hat mir über seinen deutschen Verlag hier in Berlin ein Freiexemplar zukommen lassen. Erst habe ich mich gewundert, wie er dazu kommt, mir ein Freiexemplar zu schicken, jetzt beim Lesen wird es klar. Eigentlich wollte ich über einen inhaltlichen Fehler im neuen Buch "Serotonin" von Michel Houellebecq schreiben, aber das kann ich jetzt nicht mehr machen. Warum ich das nicht machen kann, dazu gleich mehr. Erst einmal zu dem inhaltlichen Fehler im Buch, der ist auf Seite 140, so viel kann ich verraten. Dass ich nicht sagen darf, worin genau dieser Fehler besteht, liegt daran, dass der Michel mich in seinem neuen Roman erwähnt. Gut, es ist "nur" ein Roman und keine Realität, also kein großes Ding. Auf jeden Fall hat meine "Autofiktion" es dem Michel angetan, und zwar ziemlich genau auf Seite 152. Dort versteigert er sich sogar zu der Aussage: "jedenfalls schien mir das Wort (Autofiktion) ... immer stärker auf meine Situation zuzutreffen, schien es mir sogar eigens für mich erfunden zu sein." Das stimmt zwar nicht, aber dass ich es nicht aus der Zeitung erfahre, wie man so schön sagt, dafür hat mir der Verlag wie geschrieben vorab ein Exemplar zukommen lassen. Das finde ich ganz OK, also den Vorgang an sich, und ich verrate deswegen auch nicht, welche Scheibe von Pink Floyd die mit der Kuh ist. "Ummagumma" ist es jedenfalls nicht!

Foto&Text TaxiBerlin

07.01.2019

UBER TÖTET - UBER KILLS



EIGHT DEAD TAXI DRIVERS ARE ENOUGH – RESIST!



DANILO CASTILLO, KENNY CHOW, ROY KIM, FAUSTO LUNA, NICANOR OCHISOR, ALFREDO PEREZ, ABDUL SALEH AND DOUGLAS SHIFTER: EIGHT DEAD - THIS IS ENOUGH!

"I refuse to live as a slave – I would rather die." wrote New York livery cab driver Douglas Shifter on February 5, 2018 in his farewell letter. Afterwards, the 62-year-old parked his car at the steps of New York’s City Hall and put a bullet in his head.

Between January and early December 2018, a total of eight professional New York drivers took their own lives. The last taxi driver to commit suicide in 2018 was Roy Kim. Eight dead drivers in New York alone – in one year.

In his poem "On Violence," Bertolt Brecht writes: "The rushing river they call violent/But the riverbed that constricts it/No one calls violent." The clearly violent National Socialist Underground (NSU) killed ten people in seven years. But is it not also violent when people are deprived of their livelihood? As Douglas Shifter puts it: "I've been working 100 to 120 hours every week for more than 14 years, yet I can’t manage to feed my family."

Danilo Castillo, Kenny Chow, Roy Kim, Fausto Luna, Nicanor Ochisor, Alfredo Perez, Abdul Saleh and Douglas Shifter could still be on the road in New York right now. And I wouldn’t be writing about them if I weren’t directly affected. As long as the suffering was elsewhere, be it New York or Athens, I thought, like you, that it had nothing to do with me. Bangladesh was always somewhere else - until it knocked on my door. And even if you’re already poor today, Bangladesh could be waiting outside your door tomorrow. Nietzsche already knew this: "A person often does not know how rich he is, until he learns from experience what rich men play the thief on him.”

Personally, I find being bullshitted as I’m being impoverished worse than impoverishment itself. For example, Uber’s “professional drivers” – who don’t have to take the geography exam required of every Berlin taxi driver – are supposedly able to do their job better than I do mine. However, these “professional drivers” all drive with GPS because they don’t have any knowledge of the Berlin streets. Driving with a GPS is exactly what we cab drivers used to make fun of: "I to drive - you to say." But today it should be: "You to say - I to drive" because without the GPS telling them where to go, these "professional drivers" with zero local knowledge can’t go anywhere.

I don’t use a GPS. I drive with a street atlas. To rely on a GPS is to lose your sense of direction. Someone who doesn’t even know the general direction of their destination, or who needs a GPS to get to Brandenburg Gate, is not a professional, but simply an idiot. I use my head when I drive. I can think for myself. I can only recommend this to everyone.

The farewell letter from New York colleague Douglas Shifter ended with the words, "Resist!" In Germany as well as the United States, fewer and fewer people are able to make a decent living from their work. They live in a little Bangladesh in our midst. However, they aren’t as stupid as they’re made out to be. On the contrary. They see through the game, for example the fairytale that there’s a shortage of skilled workers in Germany. In the taxi industry, skilled workers like me are being actively pushed aside in order to pay auxiliary workers slave wages.

You can impoverish me, but you can’t take away my dignity – and above all, you can’t take away my knowledge. Even if it’s not appreciated, and for good reason – for only those who know nothing must believe everything. My knowledge is all in my head, so I can burn my street atlas with no reservations. And you should also keep your knowledge in your head. Let nothing dissuade you, and – resist!

Fotos&Text TaxiBerlin

06.01.2019

DAS IST DOCH MAL EINE GUTE NACHRICHT


Europa-Center, Tauentzienstraße
früher Charlottenburg / heute Charlottenburg-Wilmersdorf

Es gibt einen neuen Rekord in meinem Taxi. Jetzt nicht, was den Umsatz angeht, der geht gegen Null, sondern der gelesenen Bücher. Gestern waren es ganze zwei (2!), die ich in einer Schicht geschafft habe. Und zwar "Michel Houellebecq, Ökonom" (morgen kommt der neue Roman "Serotonin" von Houellebecq heraus) von Bernard Maris (getötet am 7. Januar 2015 bei dem Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo") und "Keine Mutter ist perfekt" von Hans-Joachim Maaz, der mir schon mal im Taxi saß und im Interview Rede und Antwort stand. Darüber hinaus kam ich neben dem Lesen auch zum Nachdenken. Ich überlegte, wie ich mich auf den bevorstehenden Finanzcrash vorbereiten kann, der, da sind sich die Experten einig, schlimmer werden wird als der von 2008. Vor allem wird es mehr Arbeitslose geben, aber das ist nicht mein Problem. Arbeitslos bin ich ja praktisch jetzt schon. Heinrich Böll hat einmal gesagt, dass man dann einen gültigen Pass und 1.000 Mark (heute Euro) in bar braucht. Woher ich letzteres herkriegen könnte, ohne es jemandem anderen wegzunehmen, fragte ich mich gerade, als genau gegenüber von meinem Taxi eine hübsche Dralle mit schönen Kurven im kurzen Schwarzen und in rote Schuhe auftauchte und den Mittelstreifen des Tauentzien zu ihrem ganz privaten Laufsteg machte. Da fiel mir plötzlich "Red Shoes" von Tom Waits ein. Dazu muss man wissen, dass ich rote Schuhe sehr sehr mag. Ich hatte sogar selber schon mal welche. Zum Schluss dachte ich noch, wie schön es ist, dass ich seit einiger Zeit so viel Zeit habe. Daran wird sich trotz Crash und allem anderen nichts ändern. Und das ist doch mal eine gute Nachricht.

Foto&Text TaxiBerlin

01.01.2019

DANILO CASTILLO, KENNY CHOW, ROY KIM, FAUSTO LUNA, NICANOR OCHISOR, ALFREDO PEREZ, ABDUL SALEH UND DOUGLAS SHIFTER: ACHT TOTE - ES REICHT!



"Ich weigere mich, als Sklave zu leben. Lieber gehe ich in den Tod." Das schrieb der New Yorker Taxikollege Douglas Shifter am 5. Februar 2018 in seinem Abschiedsbrief. Danach fuhr der 62-jährige Taxifahrer seinen Wagen an die Stufen des New Yorker Rathauses und jagte sich eine Kugel in den Kopf. Von Januar bis Anfang Dezember vergangenen Jahres nahmen sich insgesamt acht professionelle New Yorker Fahrer das Leben. Der letzte Taxifahrer, der sich 2018 umbrachte, war Roy Kim. Acht tote Fahrer in einem Jahr alleine in New York.

In "Über die Gewalt" schreibt Bertolt Brecht: "Der reißende Strom wird gewalttätig genannt, aber das Flussbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig." Der klar gewalttätige Nationalsozialistische Untergrund (NSU) tötete zehn Menschen in sieben Jahren. Aber ist es nicht auch gewalttätig, wenn Menschen ihrer Existenzgrundlage beraubt werden? Bei Douglas Shifter liest es sich so: "Ich arbeite seit mehr als 14 Jahren jede Woche 100 bis 120 Stunden. Und doch schaffe ich es nicht mehr, meine Familie zu ernähren."

Danilo Castillo, Kenny Chow, Roy Kim, Fausto Luna, Nicanor Ochisor, Alfredo Perez, Abdul Saleh und Douglas Shifter könnten heute noch in New York unterwegs sein. Und ich würde nicht über sie schreiben, wenn ich nicht selbst betroffen wäre. Solange das Leid woanders war, egal ob New York oder Athen, dachte ich, genauso wie du, dass es nichts mit mir zu tun hätte. Bangladesch war immer woanders - bis es an meine Tür klopfte. Und selbst wenn du heute schon arm bist, kann morgen ein Bangladesch vor deiner Tür stehen. Das wusste bereits Kollege Nietzsche: "Mancher weiß nicht, wie reich er ist, bis er erfährt, was für reiche Menschen an ihm noch zu Dieben werden."

Ich persönlich finde die mit der Verarmung verbundene Verarschung schlimmer als das arm sein an sich. So sollen beispielsweise meinen Job als Taxifahrer angeblich "professionelle FahrerInnen", für die man extra die Prüfung der Ortskunde hat wegfallen lassen, besser machen können. Allerdings müssen die "professionellen FahrerInnen", da sie keine Ortskunde besitzen, nach Navi fahren. Nach Navi fahren ist genau das, worüber wir früher alle gelacht haben: "Ich fahren - Du sagen." Ganz genau muss es heute "Du sagen - Ich fahren." heißen, weil ohne dass das Navi etwas sagt, die "professionelle FahrerInnen" mit Null Ortskenntnis nicht mal losfahren können.

Ich fahre nicht nach Navi. Ich fahre nach Stadtplan. Navigationsgeräte machen Orientierungsblöd. Wer nicht weiß, in welche Richtung er fahren muss, oder wer ein Navi braucht, um das Brandenburger Tor zu finden, der ist kein Profi, sondern einfach nur ein Idiot. Ich benutze beim Fahren meinen Kopf. Ich bin noch in der Lage selbständig zu denken. Das kann ich auch nur jedem empfehlen.

Der Abschiedsbrief von dem New Yorker Kollegen Douglas Shifter endete mit den Worten: "Leistet Widerstand!" Auch hierzulande können immer weniger von ihrer Hände Arbeit leben. Sie leben bereits in einem kleinen Bangladesch mitten unter uns. Allerdings sind sie nicht so dumm, wie sie gemacht werden. Ganz im Gegenteil. Sie durchschauen das Spiel, beispielsweise das Märchen vom Fachkräftemangel. Im Taxigewerbe werden die Fachkräfte gerade aktiv beseitigt, um Hilfskräften Dumpinglöhne zu zahlen.

Man kann mich arm machen, aber meine Würde kann man mir nicht nehmen, und vor allem nicht mein Wissen. Auch wenn es nicht geschätzt wird, und das aus gutem Grund. Denn nur wer nichts weiß, muss alles glauben. Es ist alles in meinem Kopf, weswegen ich getrost meinen Stadtplan verbrennen kann. Und dein Wissen sollte auch in deinem Kopf sein. Lass dir nichts einreden, und: Leiste Widerstand!

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