17.07.2020

Am liebsten zu hause



Die Krähen schreien
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schneien –
Wehe dem, der keine Heimat hat!
(Friedrich Nietzsche aus „Vereinsamt“)

Es gibt Menschen, die sind am liebsten zu hause, und die darüber hinaus wollen, dass es ihnen dort, also zu hause, gut geht. Ich weiß nicht, wie man solche Leute heute nennt: Ewiggestrige? Rechte? Oder bereits Nazis? Dann gibt es Menschen, die hassen ihr zu hause. An erster Stelle sind dies die Deutschen, und am liebsten wäre es ihnen, wenn alle ihr zu hause hassen würden. Da sie nicht nur ihr zu hause hassen, sondern auch sich selbst, wollen die Deutschen immer alles mögliche sein, Hauptsache nicht deutsch. Hoch im Kurs steht es, Europäer zu sein – warum auch nicht. Europäer sein klingt gut, besser klingt nur noch Weltbürger. Nur leider haben die meisten von ihnen von Europa genauso viel Ahnung wie von ihrer eigenen Geschichte, nämlich keine. Deswegen müssen sie die Welt immer an ihrem anderen Ende retten. Weltbürger sind sie deswegen aber nicht. Praktisch sind sie ein Nichts, der zu allem zwar eine Meinung aber von Nichts eine Ahnung hat, ohne eigene Identität und somit auch ohne eigene Verantwortung.

Neulich hatte ich noch einen solchen Menschen ohne Identität bei mir im Taxi, der trug sein „Für offene Grenzen“ sein wie ein Plakat vor sich her. Er selbst war Berliner, alleine dieser Umstand wäre einen eigenen Beitrag Wert, denn der Berliner ist im Taxi eine aussterbende Spezies. Genau genommen war er sogar Ost-Berliner, der seinen Kiez um keinen Preis der Welt verlassen würde. Damit er dies nicht braucht, weil er anderswo auch gar nicht überleben würde, müssen es andere an seiner Stelle tun, deswegen sein „Ich bin für offene Grenzen!“ - Das ist praktisch. Aber was nützt es dem, der gar nicht Reisen will oder nicht kann, weil ihm zum Reisen schlichtweg die Mittel fehlen?

Was ist genau mit denen, die, so wie er, gar nicht weg wollen aus ihrem Kiez, und, so wie die junge Bulgarin (Foto) gestern auf dem Platz der Unabhängigkeit direkt vor dem Amtssitz des bulgarischen Ministerpräsidenten in Sofia eine bulgarische Fahne mit sich führt? In Deutschland wäre die Antwort klar: Deutschlandfahne = Nazi! Auch das ist praktisch, da kann man nichts verkehrt machen und hat darüber hinaus Haltung gezeigt, natürlich die richtige. So wie früher in der DDR. Dort gab es auch immer ganz einfache Antworten: „Seid bereit – Immer bereit!“ und „Freundschaft – Freundschaft!“ - Aber was heißt das jetzt für bulgarische Mutter, die nicht für’n Apfel und’n Ei in Deutschland putzen gehen, sondern lieber bei ihrer Tochter zu hause, also in Bulgarien, bleiben möchte? Und vor allem: Was ist das für eine Haltung? Vermutlich die Verkehrte.

Immer wieder werde ich nicht nur hier in Bulgarien, sondern auch bei mir im Taxi danach gefragt, was ich von Angela Merkel halten würde. Die Menschen interessieren sich nicht nur für Trump am anderen Ende des Atlantiks, der neulich sogar mit Maske gesehen worden sein soll – was war das wieder für eine Aufregung, sondern auch für unsere Angela Merkel, die noch nie mit einer Maske, die sie ihren Bürger verordnet hat, und die diese auch brav tragen, gesehen wurde. Ich antworte dann immer vorsichtig: Nicht viel. Die Reaktion des Fragenden, nicht nur bei mir im Taxi, ist immer die gleiche. Die meisten Bulgaren beispielsweise halten von Angela Merkel ungefähr genauso viel, wie sie von ihrem Ministerpräsidenten Boiko Borriswo halten, dessen GERB-Partei (Bürger für europäisches Blah Blah Blah) der CDU von Angela Merkel nahe steht oder zumindest stand, nämlich gar nichts.

Wenn du nun wissen willst, warum das so ist, empfehle ich dir, deinen Kiez einmal zu verlassen, aber nicht auf irgendeine Party-Insel und auch nicht ans andere Ende der Welt zu jetten, sondern dich an den Rand unseres schönen Kontinents zu begeben, beispielsweise nach Bulgarien, Griechenland oder auch Sizilien. Du reist am besten alleine. Und lass auch dein Smartphone zu hause. Bring lieber ein Wörter- und vor allem ein Notizbuch mit, damit du nicht alles gleich wieder vergisst. Vergiss dafür, was du zu wissen glaubst. Denn du denkst nur, dass du was weißt. Mache dir selbst ein Bild, bilde dir deine eigene Meinung. Lass nicht länger andere für dich denken. Alles, was du wissen willst, werden dir die Menschen vor Ort erzählen. Wenn du meine Ratschläge befolgst, wirst du ganz schnell mit sehr vielen Menschen in Kontakt kommen.

Schließlich wirst du feststellen, dass es dir, so „anders“, so „fortschrittlich“ oder gar „modern“ du auch sein magst, genauso geht wie den Menschen am Rand nicht nur unseres schönen Kontinents: Am liebsten sind & bleiben sie zu hause sind.

Foto&Text TaxiBerlin

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