29.07.2020

Abstandsregeln und Maskenpflicht auf dem Balkan und in Berlin



Es ist schon komisch, wie schnell man sich an neue Wörter gewöhnt, beispielsweise an das Wort  „Abstandsregeln“. Obwohl, so richtig kann ich mich bis zum heutigen Tag nicht an dieses Wort gewöhnen, denn ich will immer „Anstandsregeln“ sagen. Das muss mit dem Alter zusammenhängen. Möglicherweise ist aber auch das, was früher der Anstand war, heute der Abstand. Ein anderes Wort, an das ich mich bis heute nicht gewöhnen kann, ist „Maskenpflicht“. Mit der „Maskenpflicht“ verhält es sich so, dass ich mich nicht nur an das Wort nicht gewöhnen kann, sondern auch nicht daran, eine Maske zu tragen. Ganz genau ist es so, dass ich mich nicht daran gewöhnen will. Das hängt, glaube ich, auch mit dem Alter zusammen. Hinzu kommt, dass es sich bei der „Maskenpflicht“ um eine „regierungsseitige Empfehlung“ handelt (Foto Mitte). So ist es im Ring-Center Zwei an der Frankfurter Allee Ecke Möllendorffstraße zu lesen. 

Das weiß ich, weil es an der Ecke eine Taxihalte gibt, an der ich öfters stehe, ich aber in letzter Zeit immer mehr Zeit durch die Shopping-Hölle bummelnd als auf Kundschaft wartend in meinem Taxi verbringe. Das Warten, neben dem Alleinsein die wichtigste Kernkompetenz eines Taxifahrers, auf Kundschaft entpuppt sich in letzter Zeit mehr und mehr als „Warten auf Godot“, also auf etwas, was garantiert nicht kommt, wie in dem Stück von Beckett. Deswegen warte ich Neuerdings auf das, was nie kommt, in den Schluchten des Balkans. Hier hat man mit dem Warten auf etwas, was nicht kommt, langjährige Erfahrung. Man kann auch, was das Warten angeht, eine Menge lernen auf dem Balkan. 

Seit nunmehr gut zwei Wochen tut sich mal wieder etwas in dem kleinen Land am Rande unseres schönen Kontinents. Die Leute gehen auf die Straße, sie demonstrieren aber nicht nur gegen die Mafia und für den vollständigen Rücktritt der Regierung Borissow, wie du vielleicht schon gehört hast, sondern fordern an erster Stelle einen grundlegenden sozialen Wandel und keine (erneute) Rochade von Parteien (bei uns: Farbwechsel) im Parlament (Foto Unten). Bei den Demonstrationen gelten nicht nur in der Hauptstadt Sofia sowohl die „Abstandsregeln“ als auch die „Maskenpflicht“. Beide werden auch hier sehr individuell ausgelegt. 

Während die Ordnungshüter vor dem Sitz der bulgarischen Regierung eng beieinander stehen, muss die Demonstrantin mit ihrem Smartphone einen großen „Mindestabstand“ einhalten und darüber hinaus eine Maske tragen (Foto Oben). Bei den Ordnungshütern im Hintergrund trägt lediglich einer eine Maske, und zwar der zweite mit gelber Weste von rechts, die auch nicht wie vorgeschrieben auf Nase und Mund sitzt, sondern auf dem Kinn. Die Abstand haltende Demonstrantin trägt dagegen ihre Maske am richtigen Fleck. Ich bin auch auf dem Foto, und zwar mein Schatten, der aber auch keine Maske trägt. Über all die verschiedenen Körperteile, an denen man seine Maske tragen kann, könnte man auch mal einen eigenen Beitrag schreiben. 

Für den Moment möchte ich die „Maskenpflicht“ so zusammenfassen: Sie gilt, genauso wie die „Abstandsregeln“ und der „Mindestabstand“, grundsätzlich für alle, sowohl in Berlin als auch auf dem Balkan, wenngleich in Berlin nur als „regierungsseitige Empfehlung“, auf dem Balkan dagegen mit einem sehr großen „Mindestabstand“ für Demonstrantinnen. Die Einhaltung der „Maskenpflicht“ und vor allem der Ort, an dem die Maske getragen wird, sind dagegen extrem individuell. Was den Individualismus bei „Abstandsregeln“ und „Maskenpflicht“ angeht, kann man sagen, dass je wichtiger eine Person ist oder sich auch nur dafür hält, umso laxer wird die Einhaltung gehandhabt. 


Zum Schluss noch eine Frage, die mir seit einiger Zeit nicht aus dem Kopf geht. Wie kommt es, dass ich bisher keinen einzigen Menschen persönlich kennengelernt habe, weder in Berlin noch auf dem Balkan, der sich mit dem Virus infiziert hätte, völlig unabhängig davon, ob er Krankheitssymptome hat oder nicht, denn jeder Infizierte erkrankt auch. Und wenn ich keinen einzigen Infizierten persönlich kenne, egal ob mit oder ohne Symptome, kann ich natürlich auch niemanden persönlich kennen, der an oder mit Corona verstorben wäre. Was mir noch mehr zu denken gibt: Jeden, den ich bisher gefragt habe, ebenfalls hier auf dem Balkan als auch in Berlin, geht es ganz genauso wie mir. Keiner kennt auch nur einen Infizierten, geschweige denn einen Erkrankten oder gar an dem Virus Verstorbenen, noch nicht einmal einen, der mit dem Virus verstorben wäre. Wie sieht es bei dir aus? Kennst du einen Infizierten oder einen Erkrankten oder gar einen Verstorbenen, an oder mit Corona, persönlich?

Fotos&Text TaxiBerlin

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