03.06.2020

"Spuren des Todes"


von Judith O'Higgins aus Lippstadt

Gestern war ich wieder auf den Straßen und Plätzen unserer schönen Stadt unterwegs, allerdings nicht mit dem Taxi, denn ich bin auf "Kurzarbeit Null" (so der Fachbegriff), sondern auf meinem Fahrrad. Auf einem Fahrrad sitzend sieht man mehr als im Auto. Erst einmal, weil man höher sitzt, aber auch, weil man langsamer unterwegs ist, als mit dem Taxi. Trotzdem ist es immer auch eine Herausforderung, die besten Sachen nicht zu übersehen. Notfalls muss man auch mit dem Fahrrad eine Vollbremsung hinlegen, und auch da muss man aufpassen, dass man niemand anderen behindert, beispielsweise den Fahrradfahrer hinter einem, oder ganz und gar einen Fußgänger mit seinem Fahrrad über den Haufen fährt. Am besten ist zweifellos, zu Fuß unterwegs zu sein. Da sieht man am meisten. Ich war gestern wie gesagt mit dem Fahrrad unterwegs, denn ich war im Wedding mit einem Freund verabredet. Letztendlich drehten wir zusammen ein paar Runden im Humboldthain, allerdings ohne Fahrrad, denn wir unterhielten uns. Unterhaltungen zwischen zwei Fahrrad Fahrenden sind schwierig. Ich persönlich kann es nicht empfehlen. Alleine, dass man die Unterhaltung Spazierend und ohne die Fahrräder mit sich zu führen führt, ist natürlich keine Garantie dafür, dass sie einen auch weiter bringt. In meinem Fall war das gestern so, und zum Schluss habe ich sogar, sozusagen als Sahnehäubchen, noch ein rotes T-Shirt geschenkt bekommen, auf dem steht: "100 km Finisher 2013", dazu sind noch vier Sterne (****) abgebildet. Der, der mich mit dem T-Shirt beschenkte, meinte auf Rückfrage, dass ihm das T-Shirt immer geholfen hätte bei seinen Spaziergängen durch den Prenzlauer Berg, wo er wohnt, weil die anderen aus dem Prenzlauer Berg immer einen Bogen um ihn gemacht hätten, wenn sie die vier Sterne (****) auf seinem T-Shirt gesehen hätten. Darüber nachdenkend, das geschenkt bekommene rote T-Shirt mit den vier Sternen (****) sicher in meinem Rucksack verstaut, trat ich die Rückreise nach Friedrichshain an, mit dem Fahrrad wie gesagt. Und obwohl ich mit meinen Gedanken ganz woanders war, fiel mir obiges Buch ins Auge, das jemand zusammen mit anderen Büchern in der Danziger Straße auf den Bürgersteig gelegt hatte, was vermutlich an der schönen Frau auf dem Cover lag. - Würde ich jetzt mal sagen. Da ich mit meinem Fahrrad schon vorbei war an dem Buch, musste ich eine Vollbremsung hinlegen. Zum Glück war niemand hinter mir, denn ich war wie gesagt mit meinen Gedanken immer noch ganz woanders. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, fällt mir ein, dass mein allererster Unfall, den ich überhaupt in meinem Leben hatte, wegen einer Frau geschah. Diese war allerdings nicht Blond, wie die Frau auf dem Cover, sondern im Gegenteil Farbig. Um genau zu sein, war sie Mulattin, ich bin nämlich auf Exotinnen abonniert. Ich hatte auch schon mal eine Freundin mit krausem Haar, sie kam aber nicht aus Afrika, sondern aus der DDR. Die blonde Frau auf dem Cover kommt aus Lippstadt. Wer jetzt nicht weiß, wo Lippstadt liegt, muss sich keine Sorgen machen. Ich weiß es auch nicht, vermute aber irgendwo in West-Deutschland. Judith O'Higgins, so heißt die blonde Frau auf dem Cover, ist 1971 geboren und mit einem Engländer verheiratet, deswegen hat sie diesen Namen. (Wie der wohl als Doppelname klingen würde: Müller-Meier-Schulze-O'Higgins vielleicht?) Jedenfalls ist Judith O'Higgins, die inzwischen in London lebt (das muss man sich mal vorstellen, wegen dem Brexit meine ich), Rechtsmedizinerin. Die schöne Judith obduziert im Jahr rund 500 Leichen. Das nenne ich taff! In ihrem Buch gewährt Judith O'Higgins "erstmals einen tiefen und persönlichen Einblick in ihre Arbeit. Und sie geht der Frage nach: Welche Spuren hinterlässt der Tod, wenn man ihm täglich begegnet?" Um genau das herauszufinden, damit habe ich mich letzte Nacht beschäftigt, und das Buch gelesen. Denn zum Glück habe ich "nur" das Buch "Spuren des Todes" auf der Straße gefunden, und nicht den Tod selbst, obwohl auch das schneller geht als man denkt. Neulich zum Beispiel, da fuhr ich mit meinem Fahrrad bei Rot über die Straße. Da habe ich zwar nicht den Tod gefunden, aber die Polizei hat immerhin mich gefunden. Die beließ es wegen Pfingsten bei einer Verwarnung. Da hatte ich Glück gehabt, und natürlich habe ich der Polizei nicht erzählt, dass ich Taxifahrer bin. Jedenfalls war es für mich eine Warnung, auch vor dem Tod, den man schneller als man sich versieht auf der Straße finden kann. Vor allem war es aber ein Hinweis darauf, dass ich offensichtlich komplett raus bin, was das Taxifahren angeht, auch wenn ich in dem Moment "nur" mit dem Fahrrad unterwegs war. Und deswegen habe ich auch meinen Bauchladen, um nicht nur mein "Kurzarbeitergeld Null", sondern auch mein Trinkgeld Null etwas aufzubessern. Ab sofort kannst du online in meinem Bauchladen das Buch "Spuren des Todes" von Judith O'Higgins käuflich erwerben. Als Lektüre zum Einschlafen kann ich es nicht wirklich empfehlen, denn ich habe es, einmal angefangen, nicht mehr aus der Hand legen können, so haben mich die "Spuren des Todes" in den Bann gezogen. Jetzt, nachdem ich das Buch von Judith O'Higgins, die jetzt in London lebt und dort Menschen aufschneidet, um deren Todesursache herauszufinden, in meinen Bauchladen eingestellt habe, begebe ich mich zu Bett. Gute Nacht und vergiss nicht hier vorbeizuschauen.

Foto&Text TaxiBerlin

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