13.01.2019

ICH, DER NAZI


Den Opfern des Stalinismus

Heute war in Berlin die große Liebknecht-Luxemburg-Demo, die Ermordung der beiden liegt jetzt genau 100 Jahre zurück, an der auch ich teilnahm. Dazu trug ich wie immer meine Gelbe Weste, und auch viele andere trugen auf dieser Demonstration Gelbe Westen. Ich war also nicht der einzige, wurde wohl aber als einziger mit Gelber Weste vom rbb interviewt, was aber nicht gesendet wurde, zumindest bisher nicht. (Das nur nebenbei.)

Die große Liebknecht-Luxemburg-Demo ist auch als Nelken-Abwurf-Demo bekannt. Ein großer Tag also auch fürs Nelken-Geschäft. Die meisten Nelken landeten vor dem großen Gedenkstein mit der Aufschrift "Die Toten mahnen uns" für Rosa und Karl. Meine Nelke legte ich auf dem gegenüberliegenden kleinen Stein für die "Opfer des Stalinismus" ab. Ich erwähne das, weil der weitere Tagesverlauf möglicherweise etwas damit zu tun hat.

Nach der großen Liebknecht-Luxemburg-Demo begab ich mich auf den Flohmarkt, so wie es am Sonntag Tradition ist, obwohl alles andere als Flohmarktwetter war. An einem Stand wurde ich von fünf jungen Männern, einer von ihnen mit Megaphon, auf meine Gelbe Weste angesprochen, wobei ansprechen das verkehrte Wort ist. Ich wurde sogleich als Nazi beschimpft, weil wer hierzulande eine Gelbe Weste trägt ein Nazi ist. Davon waren sie zu 100 Prozent überzeugt, es war somit auch nicht "verhandelbar", und mein Versuch bestätigte sie nur in ihrer Überzeugung.

(Nicht umsonst meinte Kollege Nietzsche bereits, dass Überzeugungen gefährlichere Feinde der Wahrheit sind als Lügen.)

Darüber hinaus waren sie sich sicher, dass ich auch AfD-Wähler sei, vor dem gewarnt werden muss. Deswegen waren sie nun während meines gesamten Flohmarktbesuches an meiner Seite, um auch alle anderen Flohmarktbesucher und Händler auf mich Nazi hinzuweisen. Wobei "an meiner Seite" nicht ganz richtig ist, sie folgten mir in einem Abstand von zwei, drei Metern, die fünf jungen Männer in schwarz mit Bierflaschen in ihren Händen.

Was ich sonst noch über sie sagen kann? Sie waren von der Sorte, die festlegt, wer Nazi ist und wer nicht, und wen man darüber hinaus auch in der Öffentlichkeit als solchen bezeichnen darf. Apropos Öffentlichkeit: Der ein oder andere Besucher blieb durchaus stehen, aber niemand griff in irgendeiner Weise ein. Ganz im Gegenteil. Sicherlich, ich tat den meisten Menschen irgendwie auch leid, aber offensichtlich hatte ich es verdient Nazi genannt zu werden. Und überhaupt: Fünf junge Menschen in schwarz können nicht irren!

Ich nahm meine Brille ab, denn ich rechnete, nachdem ich eine volle Runde um den Flohmarkt gemacht hatte, ohne sie loszuwerden, sehr bald mit dem Angriff der fünf in schwarz, und zwar von hinten. Da stört eine Brille im Gesicht nur. Dann fiel mir ein, dass ich ein Aufnahmegerät dabei habe. Wenn ich sonst nichts tun kann, wollte ich den Angriff zumindest dokumentieren. Sicherlich, ich habe auch an wegrennen gedacht. Aber wegrennen wegen fünf verrückt gewordener selbsternannter Nazi-Jäger? Das ist würdelos!

Ich schaltete das Aufnahmegerät ein und blieb zwischen zwei Flohmarktständen stehen. Sie schlossen rasch auf, beschimpften mich weiter als Nazi und warnten auch weiterhin Passanten und Händler vor mir als Nazi. Ich versuchte es noch einmal mit dem Gespräch. Sie waren offensichtlich auch auf der Liebknecht-Luxemburg-Demo gewesen, darauf wies das Megaphon des einen in schwarz hin, ob sie dort nicht viele Gelbe Westen gesehen hätten. Ja, das hätten sie.

Und, waren das auch alles Nazis? Ja, das waren auch alles Nazis! Aber warum habt ihr die nicht aufgemischt? Das waren zu viele! Ich trage eine Gelbe Weste, weil ich als Taxifahrer gegen Uber bin. Ich hasse auch Taxifahrer! Du hasst ganz schön viele! Hast du dir darüber schon mal Gedanken gemacht? Quatsch mich nicht zu, sonst kriegst du gleich eine in die Fresse!

(Eigentlich wollte ich dem Wortführer, also dem mit dem Megaphon, noch von "Den Ärzten", der besten Band der Welt erzählen, die genau über so jemanden wie ihn ein Lied gemacht haben: "Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe, und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit." - "Schrei nach Liebe")

Hier brach der "Dialog" mit den selbsternannten Nazijägern allerdings ab, denn einer hatte bemerkt, dass ich sie filmte. Jetzt müssten sie die Polizei rufen, Recht am eigenen Bild und so. Vorher stieß er mir noch meine Gelbe Mütze vom Kopf in den Dreck. Ich war damit ganz einverstanden die Polizei anzurufen, hob meine Mütze auf und ging auf die andere Straßenseite. Der Polizist am Telefon machte mir wenig Hoffnung ("das kann dauern"), es sei ja noch "nichts passiert".

Trotzdem kam die Polizei recht zügig, innerhalb von zehn Minuten würde ich sagen. Ob Nazi eine Beleidigung sei, wusste sie allerdings auch nicht. Dafür wies mich die Polizei darauf hin, dass ich das gefilmte Material nur privat verwenden dürfe. Dass ich sie gefilmt habe, war nunmehr der Grund, dass sie mich Nazi genannt hätten. So die Version der selbsternannten Nazi-Jäger. (Auf der Jacke von dem einen stand wirklich "Nazi-Hunter" hinten drauf, wie ich jetzt erst sah. Jeder braucht offensichtlich eine Familie, zu der er gehört.)

Zum Schluss empfahl mir die Polizei noch, die Gelbe Weste auf dem Nachhauseweg besser auszuziehen. Aus Erfahrung wisse man, dass die Situation gerne erneut eskaliert, sobald die Polizei nicht mehr vor Ort ist. Ein Kleidungsstück ablegen aus Angst die Situation könnte eskalieren? Natürlich behielt ich meine Gelbe Weste an! Der letzte Satz des Polizisten, ebenfalls aus seiner Berufserfahrung, beruhigte mich etwas: Oft sind die angeblich so Toleranten die Intolerantesten.

Vielleicht, das ist jetzt aber nur eine Vermutung, haben die einfach nur gesehen, dass ich mit meiner Gelben Weste meine Nelke bei den "Opfern des Stalinismus" abgelegt habe. Aber wahrscheinlich mache ich die selbsternannten Nazi-Jäger damit nur klüger als sie sind.

Foto&Text TaxiBerlin

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