01.01.2019

DANILO CASTILLO, KENNY CHOW, ROY KIM, FAUSTO LUNA, NICANOR OCHISOR, ALFREDO PEREZ, ABDUL SALEH UND DOUGLAS SHIFTER: ACHT TOTE - ES REICHT!



"Ich weigere mich, als Sklave zu leben. Lieber gehe ich in den Tod." Das schrieb der New Yorker Taxikollege Douglas Shifter am 5. Februar 2018 in seinem Abschiedsbrief. Danach fuhr der 62-jährige Taxifahrer seinen Wagen an die Stufen des New Yorker Rathauses und jagte sich eine Kugel in den Kopf. Von Januar bis Anfang Dezember vergangenen Jahres nahmen sich insgesamt acht professionelle New Yorker Fahrer das Leben. Der letzte Taxifahrer, der sich 2018 umbrachte, war Roy Kim. Acht tote Fahrer in einem Jahr alleine in New York.

In "Über die Gewalt" schreibt Bertolt Brecht: "Der reißende Strom wird gewalttätig genannt, aber das Flussbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig." Der klar gewalttätige Nationalsozialistische Untergrund (NSU) tötete zehn Menschen in sieben Jahren. Aber ist es nicht auch gewalttätig, wenn Menschen ihrer Existenzgrundlage beraubt werden? Bei Douglas Shifter liest es sich so: "Ich arbeite seit mehr als 14 Jahren jede Woche 100 bis 120 Stunden. Und doch schaffe ich es nicht mehr, meine Familie zu ernähren."

Danilo Castillo, Kenny Chow, Roy Kim, Fausto Luna, Nicanor Ochisor, Alfredo Perez, Abdul Saleh und Douglas Shifter könnten heute noch in New York unterwegs sein. Und ich würde nicht über sie schreiben, wenn ich nicht selbst betroffen wäre. Solange das Leid woanders war, egal ob New York oder Athen, dachte ich, genauso wie du, dass es nichts mit mir zu tun hätte. Bangladesch war immer woanders - bis es an meine Tür klopfte. Und selbst wenn du heute schon arm bist, kann morgen ein Bangladesch vor deiner Tür stehen. Das wusste bereits Kollege Nietzsche: "Mancher weiß nicht, wie reich er ist, bis er erfährt, was für reiche Menschen an ihm noch zu Dieben werden."

Ich persönlich finde die mit der Verarmung verbundene Verarschung schlimmer als das arm sein an sich. So sollen beispielsweise meinen Job als Taxifahrer angeblich "professionelle FahrerInnen", für die man extra die Prüfung der Ortskunde hat wegfallen lassen, besser machen können. Allerdings müssen die "professionellen FahrerInnen", da sie keine Ortskunde besitzen, nach Navi fahren. Nach Navi fahren ist genau das, worüber wir früher alle gelacht haben: "Ich fahren - Du sagen." Ganz genau muss es heute "Du sagen - Ich fahren." heißen, weil ohne dass das Navi etwas sagt, die "professionelle FahrerInnen" mit Null Ortskenntnis nicht mal losfahren können.

Ich fahre nicht nach Navi. Ich fahre nach Stadtplan. Navigationsgeräte machen Orientierungsblöd. Wer nicht weiß, in welche Richtung er fahren muss, oder wer ein Navi braucht, um das Brandenburger Tor zu finden, der ist kein Profi, sondern einfach nur ein Idiot. Ich benutze beim Fahren meinen Kopf. Ich bin noch in der Lage selbständig zu denken. Das kann ich auch nur jedem empfehlen.

Der Abschiedsbrief von dem New Yorker Kollegen Douglas Shifter endete mit den Worten: "Leistet Widerstand!" Auch hierzulande können immer weniger von ihrer Hände Arbeit leben. Sie leben bereits in einem kleinen Bangladesch mitten unter uns. Allerdings sind sie nicht so dumm, wie sie gemacht werden. Ganz im Gegenteil. Sie durchschauen das Spiel, beispielsweise das Märchen vom Fachkräftemangel. Im Taxigewerbe werden die Fachkräfte gerade aktiv beseitigt, um Hilfskräften Dumpinglöhne zu zahlen.

Man kann mich arm machen, aber meine Würde kann man mir nicht nehmen, und vor allem nicht mein Wissen. Auch wenn es nicht geschätzt wird, und das aus gutem Grund. Denn nur wer nichts weiß, muss alles glauben. Es ist alles in meinem Kopf, weswegen ich getrost meinen Stadtplan verbrennen kann. Und dein Wissen sollte auch in deinem Kopf sein. Lass dir nichts einreden, und: Leiste Widerstand!

VideoPodcast&Text TaxiBerlin

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