01.08.2020

TaxiBerlins Balkanische Verrücktheit


Auf der Terrasse,
die eigentlich ein Balkon ist


Als halber Deutscher kann ich nicht nur tanzen, singen und lachen, und schon gar nicht auf dem Balkan. Denn mein Deutschsein äußert sich komischerweise immer hier am stärksten. Dann kann es plötzlich nicht ordentlich genug für mich zugehen, während ich in Berlin immer auf der Suche nach dem Balkanischen Chaos bin. Die Ordnung, die ich gerade hier auf dem Balkan angehe, ist die, dass ich mein letztes Geld aus dem Fenster werfe, ganz genau aus der Tür. Die Tür existiert schon seit vielen Jahren, wie das auf dem Balkan so üblich ist, allerdings ohne Terrasse, eigentlich Balkon, dazu. Die Tür, die bisher in den Abgrund führte, führt nun auf eine Terrasse, die ganz genau, also deutsch, ein Balkon ist. In den habe ich mein letztes Geld angelegt, und ich muss sagen, ich bin nicht ganz unzufrieden. Selbst wenn man viel Geld hat, heißt das nicht automatisch, dass man gute Arbeit bekommt. Denn das größte Problem auf dem Balkan ist, die richtigen Leute zu finden. Ohne Beziehungen und Kontakte ist man hier verloren. In Bulgarien selbst gibt es praktisch niemanden mehr, der wirklich Willens ist ernsthaft zu arbeiten. Die Bulgaren, die Willens sind ernsthaft zu arbeiten, sind alle im Ausland, obwohl es in Bulgarien selbst Arbeit für das gesamte chinesische Volk gibt, wie der Bulgare gerne sagt. Das Motto, der in Bulgarien verbliebenen Bulgaren, heißt: „Wenn sie so tun, als würden sie uns bezahlen, dann tun wir so, als würden wir arbeiten!“ Es ist aber nicht nur ein Ding der Unmöglichkeit, in Bulgarien einen noch verbliebenen Bulgaren zu finden, der wirklich Willens ist zu arbeiten. Es ist darüber hinaus auch fast unmöglich, jemanden zu finden, der sein Handwerk auch versteht. Wie auch, wenn er es nie gelernt hat?! Trotzdem, oder vielleicht besser: deswegen, nennt sich ein jeder Maistor, selbst der letzte Hilfsarbeiter. Man ist gut beraten, sich vor jedem Maistor in Acht zu nehmen, und insbesondere vor den Basch-Maistors. Wenn du unter den zahlreichen Maistors einen Basch-Maistor erwischt hast, dann Gnade dir Gott. Der Basch-Maistor ist sozusagen der Schwarze Peter unter den bulgarischen Maistors. Ich habe mal wieder Glück, denn der, der für mich arbeitet, ist kein Maistor, und schon gar kein Basch-Maistor, sondern ein richtiger Meister, und zwar der Bürgermeister, mein Bürgermeister hier in Bulgarien. Alles muss schließlich seine Ordnung haben. Mein Bürgermeister und sein Stellvertreter, also mein stellvertretender Bürgermeister, arbeiten für mich, was ganz praktisch ist, weil sie sich auch auf der Baustelle und nicht nur im Büro, wo sie aber sowieso nie sind, gut verstehen und sich beraten können, bevor sie etwas falsch machen. Im Notfall greife ich ein, und der Notfall ist praktisch immer, weil ich es deutsch, also genau haben will, weswegen ich die beiden, also meinen Bürgermeister und seinen Stellvertreter, nicht aus den Augen lasse. Normalerweise lässt sich das kein bulgarischer Maistor gefallen. Ein bulgarischer Maistor wird nicht bei der Arbeit beobachtet und schon gar nicht korrigiert, wenn er einen Fehler macht, sondern auf Händen zu seinem Arbeitsplatz getragen, meist von der Kneipe aus. Aber, wie gesagt, dafür bin ich zu deutsch, und für mich arbeitet zum Glück auch kein Maistor, sondern zwei richtige Meister. Dafür, dass ich sie korrigiere, revanchieren sich mein Bürgermeister und sein Stellvertreter mit ständigen Anweisungen, permanenten Befehlen und Ein-Wort-Sätzen wie diesen: „Hammer!“, „Säge!“, „Besen!“, „Strom!“, „Whiskey!“, „Wasserwaage!“, usw., usf. ... – Die Wasserwaage ist wichtig, weil sie erklärt, warum mein Bürgermeister und sein Stellvertreter es sich überhaupt bieten lassen, dass sie nicht nur keine Fehler machen dürfen, sondern es darüber hinaus genau so zu machen haben, wie ich es haben will, also ordentlich und deutsch. Das hängt, wie gesagt, damit zusammen, dass ich auf dem Balkan immer das genaue, ordentliche Deutsche suche, in Berlin aber immer die Balkanische Verrücktheit. Letztendlich ist dieser Wiederspruch wohl Ausdruck meiner ganz eigenen Verrücktheit, die wahrscheinlich auf dem Balkan ihren Ursprung hat, weswegen ich geneigt bin, von meiner eigenen, ganz persönlichen Balkanischen Verrücktheit zu sprechen. Was nun die Wasserwaage angeht, die ist Golden und wurde von meinem Bürgermeister und seinem Stellvertreter von dem ersten Geld gekauft, was ich aus dem Fenster, genauer aus der Balkontür und ihnen vor die Füße geworfen habe. Denn ich bezahle den beiden immer so viel, wie sie haben wollen. Bei mir gibt es keine Preisverhandlungen oder Tarifgespräche ein. Mein Gott, ich will die Kohle doch einfach nur loswerden. Ich mache es wie im Taxi. Da diskutiere ich auch nicht, wenn mir das Fahrziel nicht passt, was oft vorkommt. Wenn der Fahrgast da und da hin will, obwohl er gar nicht da hin gehört, wer wüsste das besser als ein Taxifahrer, fahre ich ihn trotzdem da hin, wo er nun mal hin will, er wird schon seine Gründe haben, warum er da hin will. Und so ist es auch auf meiner Baustelle. Mein Bürgermeister sagt mir, wie viel Kohle er und sein Stellvertreter kriegt, und dann kriegen sie die Kohle, sie werden schon ihre Gründe haben, warum sie so viel und nicht weniger haben wollen. „Nehmt hin, den Schmutz!“, sage ich dann immer zu den beiden. Sie freuen sich dann immer, also über das Geld. Was ich sage, verstehen sie nicht, denn ich sage es auf deutsch. Aber nicht aus Arroganz, sondern im Gegenteil aus Respekt, weil ich das mit dem Schmutz von einem Fahrgast gelernt habe. Der hat am Fahrziel beim Bezahlen in Berlin auf deutsch zu mir gesagt: „Nimm hin, den Schmutz!“, das fand ich großartig! – Was soll ich noch sagen? Die Terrasse, also eigentlich Balkon, ist fertig, und es gibt immer noch genug Schmutz. Keine Ahnung, was ich mit dem noch anstellen soll. Vielleicht fahre ich heute erst mal nach Sofia, um wieder auf den Straßen und Plätzen der Hauptstadt mit all den anderen Hippies zu tanzen, zu singen und zu lachen. Das mit den Hippies ist von meinem Bürgermeister. Der ist kein Fan von diesen ständigen Demos. Die sollen arbeiten wie er, sagt er. Und da hat er gar nicht mal unrecht. Dass er so viel Arbeit bei mir hat, nur weil ich meinen Schmutz loswerden wollte, das weiß er natürlich nicht. Und muss er auch nicht. Nach Sofia zu fahren, ist immer sehr inspirierend, auch wenn ich die Stadt, sieht man mal von den Mineralquellen im Zentrum und vom Vitoscha-Gebirge im Hintergrund ab, hasse wie die Pest. Ich fahre nur nach Sofia, weil mir beim Fahren immer neue Projekte für meinen Bürgermeister und seinen Stellvertreter einfallen. Ich sitze schon nicht mehr an diesem Text mit einer Tasse Kaffee am Schreibtisch auf der Terrasse, die ganz genau ein Balkon ist, wie obiges Foto suggeriert, sondern bin bereits auf meinem Weg über den Balkanpass nach Sofia und überlege. Das Fahren hilft mir, mich zu konzentrieren und zu fokussieren, eine Spätfolge langjährigen Taxifahrens. Was könnten ich die beiden von dem verbliebenen Schmutz noch für mich bauen lassen? Der Schmutz muss weg, so viel ist klar, nicht nur, weil man sich an ihm beschmutzt, sondern weil es ständig neuen Schmutz gibt, weswegen ich einen Teil des Schmutzes schon in einen Schmutzsauger angelegt habe, um genau zu sein in einen KÄRCHER „Assembled in Romania“. Wie wäre es nach der Terrasse, die wie gesagt genau genommen ein Balkon ist, zur Abwechslung mal mit einem Bad? Ein Bad wäre eigentlich nicht schlecht. Das kriegen meine beiden Meister hin, denn ein bulgarischer Meister kann alles und kriegt auch alles hin. Mein Bürgermeister beispielsweise will allen Ernstes einen Schäfer aus mir machen, allerdings nicht mit Schafen sondern mit Ziegen, weil Ziegenmilch mehr Geld bringt, und mit einem Eseln mindestens, weil ein Schäfer auf dem Balkan immer mindestens einen Esel hat. Und das kriegt der hin, wenn ich will, da habe ich keinen Zweifel. Vorher aber erst einmal ein Bad, werde ich ihm sagen, wenn ich aus Sofia zurück bin. Dann kann ich mich auch mal waschen und muss zum Scheißen nicht mehr in den Wald gehen. Und dann muss ich auch nicht mehr zum Lachen, Singen und Lachen nach Sofia fahren, was auch gar nicht mehr geht, wegen den Ziegen und dem einen Esel mindestens. Dann lache, singe und tanze ich hier gleich auf der Terrasse, die eigentlich ein Balkon ist, und unter dem die Ziegen und der mindestens eine Esel Schutz vor der einsetzenden Sommerhitze suchen, weil endlich auch der letzte Schmutz ausgegeben ist.

Foto&Text TaxiBerlin

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