31.07.2020

Every Day For Future Even There Is No One


Junge Fotografin ohne Maulkorb
auf den Straßen von Sofia

Auf dem Balkan geht man nicht nur Freitags auf die Straße, sondern jeden Tag. Obwohl es kein Schulfrei gibt, muss niemand die Schule schwänzen, denn die Demonstrationen finden in den Abendstunden statt. Genau genommen sind es keine Demonstrationen, denn es wird getanzt, gesungen und gelacht auf den Straßen von Sofia. Es gehen vor allem junge Menschen zum Tanzen, Singen und Lachen auf die Straße, soweit sie noch in Bulgarien verblieben sind, manche von ihnen auch mit ihren Kindern. Ein schwedisches Mädchen mit Zöpfen wurde auf den täglichen Demos noch nicht gesichtet, vermutlich weil es weder tanzt, noch singt oder lacht. Auch wohl, weil unklar ist, ob das kleine Land überhaupt eine Zukunft hat. Jedenfalls ist in Bulgarien Kurzarbeitergeld unbekannt, was ein Grund mit ist, warum die Menschen zum Tanzen, Singen und Lachen auf die Straße gehen. Und das, obwohl es schon jetzt mehr Opfer von Kollateralschäden als direkte Opfer von Corona gibt, weswegen die Regierung Borissow den Ärmsten der Armen, den Rentnern und besten Sängern und Tänzern, drei Monate lang 50 Lewa (ca. 25 Euro) mehr Rente im Monat zahlen will. Von den vielen, die das Rentenalter noch nicht erreicht haben, auch kein Kurzarbeitergeld erhalten und immer noch lachen, war bisher keine Rede. Dass das kleine Land im Herzen des Balkans am Arsch ist, ist weder eine Überraschung, noch kam dies unerwartet, und es ist auch nicht die alleinige Schuld der derzeitigen Regierung. Im Prinzip so wie in den USA, die bereits unter Obama am Arsch waren. Am Arsch ist auch das Taxigeschäft in Berlin. Mein Chef wird seinen Laden deswegen demnächst dicht machen, denn das Warten auf Kundschaft erweist sich seit einiger Zeit, ich schrieb hier darüber, immer mehr als ein „Warten auf Godot“, also auf etwas, was nicht kommt. Wer sollte das besser wissen als wir Taxifahrer, denn wenn sich jemand mit dem Warten auskennt, dann sind wir es. Das Warten ist neben dem Alleinsein unsere wichtigste Kernkompetenz. Es gibt auch Tänzer und Sänger unter uns Taxifahrern, und der ein oder andere wurde sogar schon lachend gesehen. Ob das Taxigeschäft in Berlin deswegen eine Zukunft hat, ist allerdings genauso ungewiss wie die Zukunft sowohl der USA als auch Bulgariens. Auf die Zukunft, insbesondere wenn sie ungewiss ist, wartet es sich besser auf dem Balkan als in einem Berliner Taxi, auch weil man mit dem Warten auf etwas, was nie kommt, hier langjährige Erfahrungen hat. Warum Beckett die beiden Landstreicher Estragon und Wladimir in seinem Stück „Warten auf Godot“ auf der Bühne und nicht auf dem Balkan warten lässt, ist mir ein Rätsel. Es gibt keinen besseren Ort, auf etwas zu warten, was nie kommt, als den Balkan. Beckett hätte es wissen können, denn er lässt Estragon in seinem „Warten auf Godot“ zu seinem Kollegen Wladimir sagen: „Wir werden alle verrückt geboren. Einige bleiben es.“ Ganz genau, und zwar auf dem Balkan! Dort werden nicht nur alle verrückt geboren, sondern alle bleiben es auch. Bulgarien ist deswegen selbst in Amerika bekannt als „Land Of The Freaks“ und „Home Of The Crazy“. Das ist keine Übertreibung – im Gegenteil! Ich zum Beispiel bin hier nicht nur als verrückt bekannt, sondern auch anerkannt, ganz offiziell, was eine hohe Auszeichnung ist. Verrückt sein hilft ungemein, genauso wie Singen, Lachen und Tanzen. Nirgendwo korrespondiert das Singen, Lachen und Tanzen so ideal mit dem Verrücktsein wie auf Balkan, wo das Verrücktsein und das Singen, Lachen und Tanzen eine harmonische Einheit bilden, wo das Verrücktsein gar nicht mehr verrückt, sondern ganz normal ist, und es nur für den Außenstehenden, den Nichtsänger und den Nichttänzer mit den heruntergezogenen Mundwinkeln, wie es die dauerübellaunigen Deutschen so oft haben, verrückt aussieht. Die letzten Nächte beispielsweise wurde auf den Straßen von Sofia nicht nur durchgetanzt und durchgesungen, sondern es wurden auch Zelte errichtet und der Verkehr behindert. Stell dir das mal in Berlin vor! Was wäre das wieder für ein Aufstand, und was würde am nächsten Tag bloß in den Zeitungen und im Internet stehen. In Bulgarien werden die durchlachenden Tänzer und Sänger nicht nur fotografiert (Foto), sondern auch interviewt, als wäre es das Normalste von der Welt, was es ja auch ist, auf dem Balkan zumindest. Hier wird auch noch gelacht, wenn das Haus brennt, und selbst noch getanzt und gesungen, wenn es zusammenfällt. Und das tue auch ich den ganzen Tag: Ich mache Lieder, singe, lache und tanze dazu. Aber nicht, um mich auf das vorzubereiten, was nie kommt, sondern im Gegenteil auf das, was garantiert kommt, was praktisch schon vor der Tür steht, und zwar zu tanzen, zu singen und auch zu lachen, wenn demnächst alles zusammenfällt - und nicht „nur“ eine Taxifirma.
Foto&Text TaxiBerlin

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