17.05.2020

Unglücklich der Mensch, der Feinde braucht


Karl-Liebknecht Ecke Spandauer Straße
früher Mitte / heute Neue Mitte

Ich bin mir nicht sicher, ob das "DDR-Museum" gegenüber vom Berliner Dom gestern geöffnet hatte, vermutlich aber nicht. Dafür gab es Geschichtsunterricht umsonst und unter freiem Himmel und ganz praktisch am traditionellen Ort, also genau dort, wo bereits am 7. Oktober '89 sich friedlich versammelnde Menschen "Gorbi", der sich zu diesem Zeitpunkt im jetzt nicht mehr vorhandenen "Palast der Republik" aufhielt, um Hilfe anriefen. Genau an dieser Stelle trafen auch gestern massive Polizeikräfte auf sich friedlich versammelnde Bürger. Die knapp tausend Menschen kamen, das war gestern anders als damals, von der Siegessäule auf dem Großen Stern, hatten also bereits gut vier Kilometer hinter sich, und zwar um genau zu sein die Straße des 17. Juni, das Brandenburger Tor mit dem Pariser Platz, Unter den Linden und die Karl-Liebknecht-Straße, wo sie Ecke Spandauer Straße von der Polizei gestoppt wurden. Die Polizei wollte vor allem verhindern, dass der lange Zug bis zum Alexanderplatz vorstieß, denn der war zu dem Zeitpunkt bereits gut gefüllt. Das ganze natürlich nur wegen der Hygiene, das ist klar, auch wenn diese die gut vier Kilometer zuvor keine Rolle gespielt hatte. Warum ein Mann, der der Polizei fragend zurief: "Wir sind friedlich, was seid ihr?" von der "Halt die Schnauze!" zur Antwort bekam, konnte nicht geklärt werden. Immerhin hat der Mann keins auf die Schnauze bekommen. Dass die Demonstrierenden am Weitergehen gehindert wurden, hat möglicherweise aber wirklich Schlimmeres verhindert, denn auf der anderen Straßenseite wartete bereits "Antifa" und "Linke", zwar ohne eine Agenda, dafür aber den "Feind" gegenüber fest im Blick. Auch das ein großer Unterschied zu früher, wo es keine "Antifa" und auch keine "Linken" gab, die die Volkspolizei unterstützt hätte. Der größte Unterschied scheint mir aber zu sein, dass es heute keinen "Gorbi" sprich Gorbatschow gibt, den man um Hilfe bitten könnte. Und auch die Richtung, in die es gehen soll, scheint nicht mehr klar zu sein. Es ist zu befürchten, dass wir in unserem Land gerade dabei sind, die Richtung zu verlieren, wenn wir sie nicht schon verloren haben. Um eine gemeinsame Richtung ganz ohne Hilfe von aussen zu finden, denn diese wird diesmal nicht kommen, müsste man sich an einen Tisch setzen, miteinander reden, und nicht nur übereinander! Vielleicht müssen wir ganz neu beginnen und wieder lernen, den anderen ausreden zu lassen, und das, das mein Vorschlag, was der andere gesagt hat, mit eigenen Worten wiederzugeben, ohne dabei den Sinn des gesagten zu entstellen. Eine ganz hohe Kunst! Vor allem sollten wir endlich aufhören uns gegenseitig zu bekriegen. Denn wer ständig einen Feind braucht, gegen den er in den Krieg ziehen kann, sollte sich selbst einmal fragen, was mit ihm nicht stimmt. Brechts "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat." erlaube ich mir umzuformulieren in: Unglücklich der Mensch, der Feinde braucht.

Foto&Text TaxiBerlin

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