17.05.2020

Die richtige Haltung


findest auch du auf der Straße

Meine Ausdauer wurde belohnt, endlich bin ich fündig geworden, und zwar in Sachen Haltung. Der Hintergrund ist zum einen der, dass speziell im Taxi eine gute Sitzhaltung das A und O ist, will man lange als Taxifahrer arbeiten. Hinzu kommt, dass ein jeder heute Haltung zeigen soll, aber niemand wirklich weiß, was die richtige Haltung ist. Gefunden habe die richtige Haltung einmal mehr auf der Straße, wo auch du sie finden kannst. Im Moment liegen viele Dinge auf der Straße und natürlich auch auf dem Bürgersteig herum. Die meisten Sachen fässt du aber besser gar nicht erst an. Jetzt nicht wegen Corona, sondern weil sie einfach nicht für dich bestimmt sind. Dafür musst du einen Blick entwickeln, sonst befleckst du dich nur unnötig und verlierst darüber hinaus viel Zeit. Normalerweise findest du die besten Sachen am Monatsende oder am Monatsanfang auf der Straße.

Aber wir leben nicht in normalen Zeiten, in Berlin schon mal gar nicht. Hier kannst du praktisch zu jeder Tages- und auch Nachzeit raus auf die Straße gehen, und du findest immer irgendetwas, manchmal sogar das, was du gerade suchst. Letzte Woche zum Beispiel, da habe ich Unterteller für meine Pflanzen gesucht, die ich gerade mit frischer Erde versehen umgetopft hatte. Ob du es glaubst oder nicht, ich habe die Unterteller direkt vor meiner Haustür gefunden. Und gleich an der nächsten Ecke habe ich heute das Buch gefunden, von dem ich dir erzählen möchte. Es ist von Samy Molcho und heißt "Körpersprache" und ist angeblich sogar "Das Standardwerk zum Thema Körpersprache", was uns aber an der Stelle nicht weiter interessieren soll. Lass uns mal zusammen reinschauen in das im Januar 1996 erstmals bei Goldmann erschienene Taschenbuch. Schon auf Seite 87 geht es um die Haltung, wo wir folgendes dazu erfahren:

Objektiv steht man gerade, wenn sich das Knochengerüst des Körpers ohne Muskelanstrengung im Gleichgewicht befindet. Der Kopf ruht waagrecht im Nacken und der Blick ist geradeaus gerichtet. Die Schultern hängen gerade, Hände und Arme locker entlang des Körpers. Kopf, Hals und Wirbelsäule sind in eine gerade Linie gebracht, der Brustkorb hängt ohne Druck oder Zug in der Wirbelsäule. Das Becken unterstützt in gerader Position die darauf ruhenden Körperteile, die Beine schaffen in Beckenbreite die Verbindung zur Erde, tragen das Gewicht des gesamten Körpers, das gleichmäßig zwischen Ferse und Ballen verteilt ist. Wir haben das ganze Skelett in eine vertikale Linie gebracht, und durch den Zug der Schwerkraft stabilisiert sich der Körper; es ist, als sei er wie an einer Kette von oben gehalten. Die Energie strömt gleichmäßig durch die Muskeln den Körper hinauf und hinunter und schafft eine elastische Beziehung zur Erde und Raum. Solange dies geschieht, begegnen wir der Welt harmonisch.

Natürlich ist das nicht immer der Fall, genau genommen ist es sogar die Ausnahme, denn Samy Molcho schreibt weiter:

Objektiv stehen nämlich nur wenige Menschen wirklich gerade. Was sie subjektiv als gerade Haltung empfinden, ist bei den meisten Menschen eine nach vorne hängende Haltung, die die Wirbelsäule mit einiger Muskelanstrengung belastet. Wenn ich diese Stellung zu einer objektiv geraden Haltung korrigiere und den Oberkörper zurücknehme, so haben die meisten das Gefühl, gleich auf den Rücken - oder umgekehrt: auf die Nase - zu fallen.

Dann kommt schon die Zusammenfassung, und die liest sich so:

Das ist wieder ein Beispiel dafür, dass jeder als richtig interpretiert, was er gewöhnt ist: Der Mann wird behaupten, er stehe objektiv gerade, obwohl das nicht der Fall ist und nur subjektiv so empfunden wird. Objektiv belastet dieser Mensch seine Körperenergie nämlich beträchtlich und ständig, weil jede Abweichung von der objektiv geraden Haltung einen erheblichen Energieaufwand erfordert. Um das Gleichgewicht herzustellen und den Körper aufrecht zu halten, müssen wir diese Belastungsunterschiede kompensieren. Wenn beispielsweise der Brustkorb nach hinten zieht, so geht der Bauch automatisch nach vorn.

Dann folgen vier Abbildungen, von denen zwei so interessant sind, dass ich sie am liebsten abfotografiert hätte, damit du sie dir direkt ansehen kannst. Das habe ich aber ganz bewusst nicht gemacht, denn mit etwas Glück findest du das Buch bald selbst auf der Straße, und dann wäre es doch Schade, auch um den Autor und vor allem um den Fotografen der Bilder, wenn ich dir schon alles zur Haltung, in dem Fall zur falschen, verraten hätte. Deswegen hier nur der Begleittext, und da beginne ich mit dem zum ersten der beiden Bilder:

Die eingesunkene Brust ist Ausdruck der Inaktivität.

Das war's schon, jetzt noch der Text zum letzten Foto. Dessen Beschreibung ist nicht nur so genau, dass sich ein jeder die falsche Haltung bildlich vorstellen kann, zumindest geht es mir so, sondern sie hat es darüber hinaus auch in sich, insbesondere das Ende:

Ein Kopfmensch. Der vorgeschobene Kopf behauptet: Ich kann alles besser erklären! Brust und Hände sind zurückgehalten und signalisieren: Machen soll das freilich ein anderer!

Zitate Samy Molcho
Foto&Text TaxiBerlin

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