06.05.2020

Der Irrsinn auf unseren Straßen


Kurz mal ein Polizeiauto rammen - kein großes Ding

Ein Clan, das Wort kommt komischerweise aus dem Schottischen, ist ein Sippen- und Stammesverband, den es bis vor kurzem noch nur in Afghanistan, im arabischen Raum und natürlich in Afrika gab. Ein Clan kann, wenn es dann wirklich ironisch gemeint ist, auch eine durch gemeinsame Interessen oder verwandtschaftliche Beziehungen verbundene Gruppe sein. Die gab es bisher bestenfalls in Italien und vielleicht noch den USA, von wo sie uns unter den Begriffen "Mafia" oder auch Filmen wie "Der Pate" bekannt waren. In unserem schönen Land alles natürlich völlig undenkbar, zumindest bis vorgestern noch.

Gestern war es dann plötzlich so, und das kam völlig aus heiterem Himmel, damit konnte keiner rechnen, weil das Phänomen gab es ja bisher gar nicht, dass die Straßenverkehrsordnung nicht mehr für alle Bewohner unserer schönen Stadt galt. Dieses Phänomen, dass Regeln nicht für alle gelten, ist zwar auch nicht ganz unbekannt, allerdings ausschließlich aus Büchern und nicht aus der Praxis. Das Phänomen heißt: Alle Menschen sind gleich, aber manche sind gleicher.

Dass Menschen sich in Vereinen organisieren, beispielsweise um Fussball zu spielen (ich persönlich meide "Kontaktsportarten"), oder in der Familie zusammenkommen, zum Beispiel um Geburtstag zu feiern, aber auch um sich von Verstorbenen zu verabschieden, das ist vollkommen in Ordnung. Obwohl man da auch vorsichtig sein muss, denn wie der Kollege Nietzsche bereits vor vielen vielen Jahren richtig feststellen musste, ist der Irrsinn bei Einzelnen etwas seltenes, bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten aber die Regel.

Diesen Irrsinn, in dem Fall der einer Familie, gibt es nicht nur auf den Straßen von San Francisco, sondern auch direkt vor unserer Nase in Neukölln, und dort äußert er sich beispielsweise so: Im Bereich der Hermannstraße blitzte die Polizei in einer Tempo-30-Zone. Zunächst raste ein Porsche heran. Laut Polizei näherte er sich mit weit mehr als 100 km/h. Als ein Polizist mit Haltekelle auf die Fahrbahn trat, um ihn zu stoppen, hielt der Wagen auf diesen zu. Der Polizist rettete sich mit einem Sprung zur Seite. Er wurde leicht verletzt. Die Beamten fuhren noch kurz hinter ihm her, brachen dann aber die Verfolgung ab. Polizisten in Zivil beobachteten später, wie der Porsche-Fahrer eine rote Ampel ignorierte.

Oder auch so: Wenig später näherte sich nach Angaben der Polizei ein VW Golf mit 86 km/h. Der Verkehrspolizist trat erneut auf die Straße und gab ein Haltezeichen. Der Fahrer wurde erst langsamer. Dann gab er Gas, wechselte die Fahrspur und hielt auf den Beamten zu. Dessen Anhalte-Kelle wurde von der Windschutzscheibe getroffen und ging kaputt. Bei der Flucht missachtete er mehrere rote Ampeln und rammte ein Polizeiauto. Nach einer Verfolgungsfahrt konnten Polizisten den 18-jährigen Fahrer an der Dieffenbach-, Ecke Grimmstraße in der Nähe der Rettungsstelle festnehmen.

Es handelt sich dabei um die Rettungsstelle des Kreuzberger Urban-Krankenhauses, wo ein Mitglied der Familie sich zu dem Zeitpunkt befand. Dass es sich um Mitglieder eines Clans oder auch Groß-Familie handelt, die mit mehr als nur "überhöhter" Geschwindigkeit auf unseren Straßen unterwegs waren, auf denen sich auch Kinder aufhalten, aber auch ganz normale, sich an die Regeln haltende Verkehrsteilnehmer wie du und ich, das steht ausser Frage. Die Frage ist, ob das bereits kriminell ist. Das sollen Juristen entscheiden.

Sicher scheint zu sein, dass diese Aktion bei den meisten Menschen Angst erzeugt, zumindest geht es mir so. Wie ich gestern bereits in einem Gespräch gesagt habe, gibt zwei Möglichkeiten, mit Angst umzugehen: Sich ihr zu stellen oder vor ihr wegzurennen. Diese Aktion zu bagatellisieren, es sei ja nichts passiert ist, ausser dass ein Polizist (ein Kollege übrigens von dem Polizisten, der gestern noch sich friedlich versammelnde Menschen ohne jegliche Gefahr für sein Leib und Leben zur Verhaftungsstraße bringen konnte) sich leicht verletzt hat, weil er zur Seite springen musste ("selbst dran schuld"), und darüber hinaus nur eine Halte-Kelle kaputt gegangen ist, das scheint immerhin klar zu sein, ist dabei die zweite Möglichkeit.

Foto&Text TaxiBerlin

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