23.03.2020

"EINE MIR UNERTRÄGLICHE HEKTIK UND IM GRUNDE GIGANTISCHE DILETTANTISCHE GESCHÄFTIGKEIT, WIE SIE DAS HEUTIGE DEUTSCHLAND FÜR MICH DARSTELLT."


"Kein Dokument, ein Monument!" (FAZ)

Fern der Heimat in Amerika schreibe ich nicht nur, sondern lese auch immer noch auf Deutsch. Gerade ist es "Der Briefwechsel" zwischen dem Österreichischen Autor Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld vom Suhrkamp Verlag in Frankfurt am Main. In seinem Brief vom 10.9.1971 (S. 240), also bereits vor knapp 50 Jahren, beklagt sich der Autor aus Österreich bei seinem Verleger über "eine mir unerträgliche Hektik und gigantische dilettantische Geschäftigkeit, wie sie das heutige Deutschland für mich darstellt."

Die meisten Menschen in Deutschland wähnen sich bis heute in einem Land, in dem alles geregelt wäre und alles mehr oder weniger seine Ordnung hätte. Dementsprechend schaut man gerne auf andere Länder und Präsidenten herab. Im Moment ist das meist Donald Trump, und wenn nicht Donald Trump dann Boris Johnson, und wenn nicht Donald Trump oder Boris Johnson, dann natürlich Wladimir Putin, der Daueraufreger, der gar nichts richtig machen kann.

Erst einmal vor der eigenen Haustür zu kehren, ist in Deutschland seit einiger Zeit so ziemlich aus der Mode gekommen. Ich möchte an diese gute alte Sitte erinnern, indem ich mir die aktuell beschlossenen drei Punkte für "unser" Gesundheitswesen etwas genauer ansehe. Vorweg: "unser" Gesundheitswesen ist es schon lange nicht mehr, denn es ist seit langem mehrheitlich in privater Hand. Krankenhäuser heute sind Unternehmen, die an erster Stelle Profit abwerfen sollen.

Dementsprechend sehen auch die Maßnahmen aus, mit denen "unser" Gesundheitsminister Jens Spahn "den Kollaps im Gesundheitsweisen verhindern" will, und eben nicht Kranken und Infizierten zu helfen, wie es eigentlich lauten müsste. Die drei von Spahn beschlossenen Punkt kann man kurz so zusammenfassen: Punkt 1: 560 € für die Kliniken für jedes frei gehaltene Bett pro Tag. Punkt 2: 50.000 € für die Kliniken für jede neue Intensiveinheit. Punkt 3: 50 € für die Kliniken für Mehrkosten bei Schutzausrüstung pro Monat

Einen Bonus gibt es, allerdings nur für Studenten. Diese dürfen im Krankenhaus arbeiten, ohne dass ihr Lohn auf das Bafög angerechnet wird, vorausgesetzt sie bekommen überhaupt welches. Von der Einstellung von mehr Personal ist nicht die Rede. Bekanntlich fehlen in "unseren" Krankenhäusern ca. 300.000 Pflegekräfte. Es ist aber kein echter Fachkräftemangel, weil genau diese Anzahl von Menschen in unserem Land ausgebildete Krankenschwestern- und pfleger sind, die allerdings nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten. Dass sie nicht mehr dort arbeiten, hat meist mit genannter Privatisierung zu tun. Ich weiß, wovon ich rede, weil auch ich gelernter Krankenpfleger bin.

"Noch in hundert Jahren, wenn die österreichischen Gletscher längst in der Nordsee verschwommen sind, werden unsere Kindeskinder noch immer staunend vor diesem Monument deutscher Kulturgeschichte stehen." So die "Frankfurter Rundschau" über "Der Briefwechsel" zwischen dem österreichischen Autor Thomas Bernhard und seinen Verleger Siegfried Unseld. Keine fünfzig Jahre später ist nun in "unserem" Gesundheitswesen das Realität, was Thomas Bernhard in einem Brief an seinen Verleger so beschreibt: "eine mir unerträgliche Hektik und gigantische dilettantische Geschäftigkeit, wie sie das heutige Deutschland für mich darstellt."

Foto&Text TaxiBerlin

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