01.12.2019

DIE AFTERPARTY


Altes Testament mit Lesezeichen

Gestern wurde ich zu einer Afterparty eingeladen, und das kam so: Es war früher Nachmittag, als ich eine D-Jane vom Club abholte. Es war nicht irgendeine D-Jane, sondern D-Jane Jasmin aus Lichtenberg, wer kennt sie nicht. D-Jane Jasmin ist es gewohnt, den Ton anzugeben, wie es sich für eine richtige D-Jane gehört. Ich war selber mal D-Jay, ich weiß wovon ich rede. Auch wenn ich nicht mehr als D-Jay aktiv bin, so gebe in meinem Taxi immer noch ich den Ton an, und manchmal spiele ich dort sogar den D-Jay. Dass jemand anders den Ton angibt, war D-Jane Jasmin verständlicherweise nicht gewöhnt, was leicht hätte ins Auge gehen können. Zum Glück habe ich als Lenker eines Öffentlichen Verkehrsmittels mit dem Namen Taxi nicht nur eine Beförderungspflicht, sondern auch den Bildungsauftrag. Der Bildungsauftrag war ursprünglich bei Öffentlich/Rechtlich, der ein oder andere erinnert sich, wo er aber spätestens seit Einführung der Zwangsabgabe nicht mehr ist. Öffentlich/Rechtlich hat da eine große Lücke hinterlassen, manch einer spricht auch von Vakuum, das gefüllt werden muss, denn so ein Vakuum ist nicht ganz ungefährlich. Insbesondere ein Machtvakuum, beispielsweise auch im Taxi. Dort verhindere ich schlimmeres immer dadurch, indem ich aus einem Straßenverzeichnis vorlese, und das wollte ich auch gestern. Meine Fahrgast, D-Jane Jasmin aus Lichtenberg, war so fasziniert von der Idee, dass sie mich kurzerhand zu sich nach hause zu einer spontanen Afterparty einlud, wo ich ihr vorlesen sollte. D-Jane Jasmin aus Lichtenberg war aber nicht alleine, was für mich kein Problem gewesen wäre. Gerne hätte ich auch ihrem Freund vorgelesen, während er ihre Hand hält. Wahrscheinlich wäre es genauso gekommen, wenn D-Jane Jasmin nicht vorher zum Geldautomaten in Lichtenberg gemusst hätte. Diesen Moment nutzte ihr Freund, um mir klarzumachen, dass das keine gute Idee mit der Afterparty ist, weil D-Jane Jasmin jetzt müde sei und ins Bett müsse. Dafür hatte ich als mobiler Lebensberater größtes Verständnis. Hinzu kommt, dass ich nicht aus den Brüdern Grimm vorlese, sondern, wie geschrieben, aus einem Straßenverzeichnis, genauer gesagt aus dem Kauperts (oben), dem Alten Testament der Straßen- und Wegelehre. Die Lesung musste also gestern ausfallen, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und nach der Party ist vor der Afterparty - meistens zumindest.

Foto&Text TaxiBerlin

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen