03.11.2019

IM TAXI MIT EINEM AFD-WÄHLER


Der Gutmensch ist wie der Igel:
Er weiß es immer besser (selbst wenn er nichts weiß)

Man darf hierzulande alles sagen, nur nicht, dass man AfD gewählt hat, ist ein wahrer Witz, der immer und überall geht, nicht nur im Taxi. Gestern war es nun so weit, da hat sich ein Fahrgast als AfD-Wähler geoutet. Einfach so, ich hatte ihn nicht gefragt, wie ich überhaupt niemanden nach seinen politischen Präferenzen frage. Politik und Religion sind bei mir im Taxi tabu. Vielleicht lag es an den Hinweisschildern, dass man in meinem Taxi zwar nicht telefonieren, dafür aber alles sagen darf - sogar die Wahrheit, was - Afd-Wähler oder nicht - allgemein sehr gut ankommt, dass mein Fahrgast mir erzählte, wen er gewählt hat. Möglicherweise lag es auch daran, dass auch er wusste, dass man Taxifahrer selten ein zweites Mal sieht, auch wenn man sich bekanntermaßen im Leben immer zweimal sieht.

Was man in einem solchen Fall von spontaner Wahrheit auf keinen Fall tun darf, dass habe ich neulich noch von einem Gutmenschen bei mir im Taxi vielleicht nicht gleich gelernt, aber immerhin bestätigt bekommen. Der wusste es natürlich immer besser, und zwar alles. Schuld waren für ihn immer die anderen, die blöd sind und dumm, die es nicht begriffen haben und es auch nie begreifen werden. Was bei dieser Selbsterhöhung ungemein hilft, es ist um genau zu sein unbedingte Voraussetzung, ohne die nichts läuft, ist das Etikettieren und in Schubladen stecken, um sich mit dem Thema an sich gar nicht erst beschäftigen zu müssen. Beim Zuschieben der Schublade braucht man dann nur noch "Das ist doch AfD-Scheiß" zu sagen und fertig ist der Lack. Oder mit anderen Worten: Klappe zu - Affe tot.

So habe ich es nicht gemacht, ich bin aber auch kein Gutmensch. Wer mehr über die Unmöglichkeit ein Gutmensch zu sein erfahren möchte, dem empfehle ich Brechts "Der gute Mensch von Sezuan", aber das nur nebenbei. Ich möchte so viel verraten: Gut zu sein, ist auf die Dauer wahnsinnig anstrengend. Deswegen braucht der Gutmensch wohl auch die vielen Schubladen, für die ich einfach keinen Platz habe. Und so kann ich auch nicht sagen, dass der Afd-Wähler gestern bei mir im Taxi ein Nazi wäre, nur weil er die AfD gewählt hat. Das liegt auch daran, dass der Begriff "Nazi" hierzulande keine Beleidigung mehr ist, wie ich bisher dachte, sondern durch die Meinungsfreiheit gedeckt sei. Jeder kann jeden also ungestraft einen Nazi nennen - und das ist mir einfach zu beliebig, zu undifferenziert. Es ist, um genau zu sein, eine Beleidigung meines Denkapparates.

Foto&Text TaxiBerlin

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