30.08.2019

PHILOSOPHISCHER STAMMTISCH


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Vor einiger Zeit, wenn ich mich recht erinnere war es Anfang dieses Jahres, erhielt ich eine Einladung zu einem STAMMTISCH. Jetzt nicht irgendein STAMMTISCH, zu dem man sich hin und wieder an einem großen Tisch mit dem Schild HIER SITZEN DIE, DIE IMMER HIER SITZEN in einer verräucherten Kneipe trifft, sondern einem regelmäßig stattfindenden PHILOSOPHISCHEN STAMMTISCH vor Publikum mit Eintritt und Gage. Ich habe selbst schon einmal einen STAMMTISCH ins Leben gerufen. Das war die Zeit, als der STAMMTISCH noch DAS BÖSE AN SICH war. Dass man heute einen STAMMTISCH vor zahlendem Publikum veranstalten will, ist auf jeden Fall ein gutes Zeichen. Ich bin sowieso der Meinung, dass es wieder Zeit für RUNDE TISCHE ist, und ein STAMMTISCH ist da, so denke ich, ein Schritt in die richtige Richtung.

Zu dem von mir ins Leben gerufenen STAMMTISCH, zu dem ich etwa zwei Jahre lang einmal im Monat in eine Kneipe im Friedrichshain einlud, kamen zum Schluss nur noch Frauen. Der geplante PHILOSOPHISCHE STAMMTISCH heute hat genau das gegenteilige Problem. Es wollen sich partout keine Frauen finden lassen, die daran teilnehmen möchten, so dass der PHILOSOPHISCHE STAMMTISCH, sollte er denn stattfinden, ein Treffen ALTER WEISSER MÄNNER zu werden droht, womit ich kein Problem hätte. Sein ALTER kann man sich nicht aussuchen, ebenso nicht seine HAUTFARBE und auch nicht sein GESCHLECHT. Im Übrigen bin ich gerne MANN, so wie die meisten Frauen, die ich kenne, gerne FRAU sind. Ich fühle mich auch weder in irgendeiner Art und Weise schuldig noch für irgendetwas verantwortlich, nur weil ich WEISS bin. Verantworten, was von REDE UND ANTWORT STEHEN kommt, kann man immer nur das, wofür man selbst, also persönlich, verantwortlich ist, alles andere ist Sippenhaft. Nur mit dem ALTER, da hadere ich zugegeben manchmal etwas.

Dass sich für den geplanten PHILOSOPISCHEN STAMMTISCH partout keine Frauen finden lassen wollen, ist aber nicht das einzige Problem. Das aktuelle und weitaus größere Problem ist, dass fast alle der ALTEN WEISSEN MÄNNER, die ihr Kommen zugesagt hatten, aktuell abgesagt haben. Offizielle Begründung ist entweder Zeitmangel und/oder Überforderung. Möglicherweise stimmt das sogar – auch. Ich kenne die anderen Teilnehmer nicht wirklich, ich habe sie nur einmal zum Vorbereitungstreffen vor etwa drei Monaten getroffen. Was ich von ihnen weiß, ist, dass sie alle mehr oder weniger vom Schreiben leben können, und dies wahrscheinlich auch morgen noch möchten. Ich finde das mehr als verständlich, denn auch ich würde gerne, so wie früher, noch vom Taxifahren leben können. Leider kann ich das schon heute nicht mehr. Der Prozess der PAUPERISIERUNG (Fachbegriff für Verarmung) betrifft nicht nur Taxifahrer, sondern viele Menschen in unserem Land, weswegen ich RUNDE TISCHE, an denen - ganz genauso wie im Taxi - alle Schichten der Bevölkerung Platz nehmen, für das Gebot der Stunde halte.

Seit gut 20 Jahren bin ich nun schon auf den Straßen und Plätzen Berlins unterwegs. Davon waren mehr als die Hälfte Lehrjahre, sowohl fachlich als auch menschlich. Richtig professionell bin ich erst in den letzten sechs, sieben Jahren geworden. Seither versuche ich das Taxifahren immer mehr als Kunst zu betreiben. Dazu gehören nicht nur Orts- sondern auch und vor allem Menschenkenntnisse. Ich habe mich durch das Taxifahren zu einem extrem guten Zuhörer entwickelt, was nicht geplant war, sondern sich einfach so ergeben hat. Ich höre Dinge, von denen der Fahrgast manchmal gar nicht weiß, dass er sie gesagt hat. Dabei lasse ich mich von dem Grundsatz eines alten Freundes leiten: WER ZU FRÜH URTEILT, DER VERLIERT DIE WELT.

Ich maaße mir nicht an, irgendwas zu wissen, abgesehen von ein paar Berliner Straßen und Plätzen. Das wenige, was ich weiß, weiß ich aus Büchern und aus Gesprächen mit Fahrgästen, Freunden und Kollegen. Es stimmt wirklich, selbst aus dem dümmsten Buch als auch von dem größten Idioten kann man noch etwas lernen. Man darf es nur nicht verpassen, genauer: überlesen, übersehen oder überhören. Das passiert öfters als man denkt, ganz einfach deswegen, weil das Buch oder die Person in eine Schublade getan wurde, was bequem ist, keine Frage, aber auch ein klein wenig faul. Das tun insbesondere Menschen, die sich selbst als besonders offen bezeichnen, was sie – wohl nicht ohne Grund – nicht müde werden zu betonen. Ungefähr so, wie andere immer wieder betonen müssen, dass man dies oder jenes wohl noch sagen dürfe, bloß umgedreht.

Taxifahren ist ein Lotteriespiel: Der Fahrgast weiß nicht, auf welchen Taxifahrer er trifft, und umgekehrt der Taxifahrer nicht, welcher Fahrgast ihm als nächstes einsteigt. Nur eines ist, zumindest in Berlin, gewiss: Die Wahrscheinlichkeit, dass man sich ein zweites Mal über den Weg läuft, gleicht einem Jackpot. Diese Gewissheit lässt beide, sowohl den Taxifahrer, aber vor allem den Fahrgast, allzu oft ein klein wenig ehrlicher sein, als er es vielleicht gegenüber Kollegen, Freunden und auch Partnern wäre. Man bekommt einiges zu hören als Taxifahrer und wohl auch als Fahrgast, bei dem, im Gegensatz zum Taxifahrer, zugegeben hin und wieder der Alkohol oder anderes nachgeholfen haben die Zunge zu lösen. Nach jedem Fahrgast gibt es eine Pause. Die ist wichtig, um das gehörte zu verdauen oder ggf. auch zu notieren. Diese Pausen zwischen den Fahrten werden seit einiger Zeit immer größer, was nicht gut für den Verdienst ist (von irgendwas muss auch ein Taxifahrer leben), einem aber immerhin noch mehr Zeit als sonst schon zum Lesen und auch zum Nachdenken beschert. Nachdenken wird reichlich unterschätzt heutzutage. Es wird einem aber auch nicht gerade leicht gemacht, das Nachdenken, denn Ablenkung von der allgegenwärtigen Langeweile lauert an jeder Straßenecke.

Der Grundsatz: Ich weiß, dass ich nichts weiß, gilt auch für mich. Immerhin kann ich lesen und zuhören. Hinzu kommt das selbständige Denken, das traue ich mir auch zu. Das ist nicht selbstverständlich in einer Zeit, die sich eher durch BETREUTES DENKEN auszeichnet. Ein im Osten sozialisierter Fahrgast, ein einfacher Arbeiter im Blaumann und von der aktuellen Verarmung Betroffener, brachte es neulich bei mir im Taxi so auf den Punkt: FRÜHER, DA KONNTEST DU WENIGSTENS NOCH UMSCHALTEN! Es ist, so denke ich, nur eine Frage der Zeit, bis die PAUPERISIERUNG auch an deine Tür klopft, bis auch du zu den GLOBALISIERUNGSVERLIERERN gehörst. Die Anzahl der Menschen, die hierzulande nicht mehr von ihrer Hände Arbeit leben können, steigt mit jedem Tag, ebenso die Zahl derjenigen, die Flaschen sammeln müssen, wollen sie ihren Lebensabend nicht in Armut verbringen. Das Nachdenken über die Ursachen der Verarmung ist auch PHILOSOPHIE. Und auch, was PHILOSOPHEN zu allen Zeiten getan haben, die richtigen Fragen zu stellen. Zum Beispiel: Wem nutzt die GLOBALISIERUNG? Und: Wer soll da gespalten werden und warum? Das sind zumindest die Fragen, die ich mir in meinem Taxi stelle, und die ich gerne auch beim PHILOSOPHISCHEN STAMMTISCH in die RUNDE (nächster Schritt wie gesagt RUNDE TISCHE und ein mögliches Thema SIND WIR NOCH EIN GEMEINWESEN UND WENN JA: WIE WOLLEN WIR IN ZUKUNFT ZUSAMMEN LEBEN?) werfen würde, der wie gesagt Ende September starten sollte, und dem gerade die Teilnehmer abhanden gekommen sind.

Wer jetzt Lust bekommen hat (Alter, Geschlecht, Hautfarbe, Haarfarbe usw. – egal!), an dem geplanten PHILOSOPHISCHEN STAMMTISCH teilzunehmen, der schreibe eine e-mail und schickt diese an mich. (Adresse steht oben rechts unter KONTAKT)

Text TaxiBerlin

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