05.10.2018

MEHR LEUTE ALS MENSCHEN


Auch beim Taxifahren gibt es mehr Leute als Menschen. Will sagen: Auf die meisten könnte man gut und gerne verzichten. Das betrifft übrigens sowohl Fahrgäste als auch Taxifahrer. Gestern war es nun so, dass es kaum Fahrgäste gab, und unter den wenigen, die einem einstiegen, die Menschen überwogen, sieht man mal von dem einem einen ab, der mir mittels seines mobilen Navis meine Stadt erklären wollte: "Jetzt links in die Potsdamer abbiegen ..., nein, erst die nächste die Potsdamer ...". Vielleicht liegt es auch daran, dass ich überall in der Stadt fahre und mich dort auch an die Taxihaltestellen stelle, dass ich es meist mehr mit Menschen als mit Leuten zu tun habe. Gestern nun stand ich am Hagenplatz im tiefsten Grunewald (auch dort wohnen Menschen!), als mich ein netter älterer Herr ansprach und fragte, ob ich die Freundlichkeit besäße, ihn nach Zehlendorf zu fahren (auch dort wohnen offensichtlich Menschen). Dass er so höflich fragte, lag daran, dass ich gerade "Holzfällen" von Thomas Bernhard las. Übrigens, aber das nur nebenbei, verfüge ich über viele Bücher von Thomas Bernhard, die ich irgendwann mal lesen muss - wahrscheinlich im Taxi. Dass dabei Fahrgäste im Sinne von Leuten (nicht Menschen!) manchmal nerven, ist nur folgerichtig, und es wurde mir auch frühzeitig prophezeit. Nicht so dieser ältere Herr am Hagenplatz, der mich nur ungerne beim Lesen störte, aber es letztendlich doch musste, weil ich die einzige Taxe am Hagenplatz war. (Keine Ahnung, wo sich die Kollegen wieder alle rumtrieben!?) Die Fahrt sollte wie gesagt nach Zehlendorf gehen und mein Fahrgast meinte, man könne da durchaus am Hüttenweg auf die AVUS fahren, wenn ich da nichts dagegen hätte. Ich sah mir die Sache kurz auf meinem Stadtplan an und kam zu dem Schluss, nichts dagegen zu haben. Bereits beim Einsteigen überlegte ich, an wen mich der nette ältere Herr, der mir am Ende fünf Euro Trinkgeld für weitere Bücher fürs Taxi überreichte, erinnerte. Auf der AVUS fiel es mir dann ein und am Fahrziel, also da wo der nette ältere Herr wohnt, fragte ich ihn, ob ihm schon mal jemand gesagt hätte, dass er aussehe wie Thomas Bernhard, bekannt durch Georg Schramms Soloprogramm "Thomas Bernhard hätte geschossen". Ja, das hätte er schon mal gehört, und es sei ihm angenehm. Wieso? Weil er, der nette ältere Herr und Literaturprofessor, Thomas Bernhard nicht nur persönlich gekannt hat, sondern darüber hinaus mit ihm befreundet war, worauf wir uns zum Abschied die Hände reichten. Es ist mir eine Ehre.

Text TaxiBerlin

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