06.10.2018

IM TAXI MIT EINEM JUDEN


Nun fahre ich schon so lange Taxi, und noch nie saß mir ein jüdischer Mitbürger im Taxi. Es ist mir auch kein Kollege jüdischen Glaubens bekannt. Aber bekanntlich ist irgendwann immer das erste Mal, und neulich war es nun soweit. Eigentlich fahre er nur sehr selten Taxi, und dann gebe er sich auch nicht als Jude zu erkennen. Warum er sich ausgerechnet mir, einem deutschen Muttersprachler mit kurzem Haar, anvertraute, kann ich nicht sagen. Möglicherweise hängt es damit zusammen, dass man in meinem Taxi alles sagen darf, sogar die Wahrheit, ohne dass diese gleich bewertet oder kommentiert wird. Mein Wahlspruch ist der eines früheren Freundes: Wer zu früh urteilt, verliert die Welt. Seine Welt hat mein Fahrgast auf jeden Fall verloren, wie er sagt, zumindest gibt er sie auf. Er geht demnächst, und das war wohl auch ein Grund, warum er sich mir anvertraute, obwohl er hier geboren sei, nach Israel. In Berlin fühle er sich schon lange nicht mehr sicher. Angst habe er aber nicht vor rechten Schlägern, sondern vor arabischen Jugendlichen. Angst habe ich zwar (noch) keine, aber wohl fühle ich mich in meiner Stadt auch nicht mehr. Nur, wo soll ich hingehen, überlege ich immer noch.

Text TaxiBerlin

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