17.08.2018

ZEIT FÜR EINEN BLICK ZURÜCK


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Bevor es weitergeht mit einem weiteren Report aus der Auszeit, ein Blick zurück in den Berliner Taxialltag. Unmittelbar vor meiner Abreise musste ich mitansehen, wie zwei meiner Kollegen in Berlin das Handtuch warfen. Beide erfahrene Taxifahrer, seit vielen Jahren auf den Berliner Straßen und Plätzen unterwegs. Der Eine begibt sich in psychotherapeutische Behandlung, der Andere hat einfach "nur" keinen Bock mehr. Beide gaben an, dass ihnen die Kundschaft immer mehr auf die Nerven gegangen sei. Offensichtlich geht es nicht nur mir so, aber nicht jeder schreibt darüber. Und obgleich mich das Schreiben bisher vor dem Schlimmsten bewahrt hat, sind die Gespräche mit den Kollegen mir eine Warnung. Denn es stimmt wirklich, die Fahrgäste sind anstrengender geworden. Sie wollen was sehen für ihr Geld. Taxifahrer, zumindest die, die ich kenne, sind aber Verweigerer. Deswegen fahren sie Taxi. Sonst könnte sie ja auch in einem blöden Büro, in einer dummen Agentur oder in einer verfickten Fabrik arbeiten wie alle anderen, denen ihre Arbeit keinen Spaß macht, weswegen man streng genommen auch nicht von Gehalt sprechen kann, das sie für ihre Arbeit bekommen, sondern von Schmerzensgeld. Die Schmerzen, die Arbeit verursacht, müssen in letzter Zeit zugenommen haben. Nur so ist die Zunahme der Süchte zu erklären, insbesondere der Ablenkungssucht, aber nicht nur der. Ein guter Taxifahrer muss sich nicht ablenken, genauso wenig wie er Alkohol trinken oder andere Sachen zu sich nehmen muss. Taxifahren ist einer der ganz wenigen Jobs, wo Drogen auf das Härteste sanktioniert werden. Auf Station, auf dem Bau und auch in der Kreativbutze kannst du saufen ohne Ende, musst es meistens auch, um den ganzen Stumpfsinn Tag für Tag ertragen zu können, und nichts passiert. Im Taxi wirst du umgehend aus dem Verkehr gezogen, und das völlig zu Recht. In letzter Zeit ist es nun so, dass du dir als Taxifahrer immer öfter das ganze Gesülze von diesen armen Schweinen insbesondere in Form von Handygesprächen anhören musst. Gut, streng genommen musst du es nicht, aber die meisten Menschen sind davon überzeugt, dass du es müsstest, schließlich bist du Dienstleister. Dabei wäre ihnen viel mehr geholfen, wenn sie ausnahmsweise nicht quatschen sondern einfach mal zuhören würden. Denn du als Taxifahrer könntest ihnen viel erzählen. Aber die Leute heute hören nicht mehr zu, weil sie sich nicht länger als zwei Sekunden auf eine Sache konzentrieren können, geschweige denn, dass sie wissen würden, was sie sich mit einem Taxifahrer unterhalten sollten. Genau genommen gibt es für viele nichts schlimmeres, als sich mit einem Menschen (in ihren Augen Unter-Menschen, weil sozial am Rand) wie einen Taxifahrer unterhalten zu müssen. Deswegen labern sie lieber dummes Zeug in ihr Handy oder gehen einem mit blöden Kommentaren oder dummem Geseiere auf die Eier. Wenn du dann noch einen Fehler machst beim Fahren, dann Gnade dir Gott. Früher hatte Taxifahren noch einen Unterhaltungswert, und zwar für beide, für den Fahrer und für den Fahrgast. Mein Gott, was hatten wir früher für Spaß im Taxi. Das kann sich einer, der nicht dabei gewesen ist, gar nicht mehr vorstellen. Heute geht es dagegen dort weitgehend steril zu. Obwohl es in Berliner Taxen immer noch mehr ins Persönliche gehen soll als in anderen Städten hierzulande, wie mir Fahrgäste immer wieder bestätigen. Manche Kurzstrecke brachte einen weiter als eine ganze Sitzung beim Therapeuten - damals. Das fehlt heute ganz. Als Taxifahrer, der kaum konsumiert, bist du praktisch ein Nichts, eine Persona non grata, in den Augen der meisten Menschen. (Auch deswegen meine Auszeit, in der ich praktisch nicht konsumiere – wovon auch?!) Das Schlimmste ist aber, dass der Spaßfaktor beim Taxifahren komplett abhanden gekommen ist. Genau darum geht es im Leben, um den Spaß, das behaupten doch die Leute immer, oder? (Hauptsache du hast Spaß! – Ist das nicht sogar ein Werbeslogan?) Wenn ich schon kein Geld verdiene mit dem Taxi, dann möchte ich dort wenigstens meinen Spaß haben. Das ist ja wohl das Mindeste! Spaß haben gehört zum Taxifahren wie der Bär zu Berlin. Nur deswegen begnüge ich mich mit der wenigen Kohle, die im Taxi zu machen ist. Kommt der Spaß abhanden, gebe ich auf (wie der eine Kollege), begebe ich mich in Therapie (wie der andere), werde schwul, manch einer muslimisch oder setze "nur" unkontrolliert Kinder in die Welt (soll alles schon vorgekommen sein), oder radikalisiere mich (so wie ich), beispielsweise indem ich mein Taxi zu Handyfreien Zone erkläre (was nur bei ganz wenigen Fahrgästen gut ankommt – warum wohl?) oder eben mit Texten wie diesen, obwohl dieser gar nicht radikal ist sondern einfach nur wahr.


Text TaxiBerlin

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