24.07.2018

TAXIBERLIN ALS TOURIST


Ansprechpartner: Herr Tourist *

Bevor ich mich gleich in "Meinen Kleinen Gulag" begebe, der jetzt "Gulag-Ressort" heißt (dazu demnächst mehr), habe ich Urlaub gemacht, um erholt den Gulag-Manager spielen zu können. Auch ich bin dazu geflogen, obwohl ich kein Fan vom Fliegen bin, ich das Fliegen maßlos überbewertet finde. Das liegt vor allem daran, dass heute jeder (wirklich jeder!) fliegen kann, ich aber das Fliegen noch aus einer Zeit kenne, wo es exklusiv war, was heißt, dass zum Glück nicht jeder fliegen konnte, und wo es vor allem noch nicht diesen irren Sicherheitswahn gab - ich komme später darauf zurück.

Das war auch der Grund, warum unser Flugzeug (Flug-Zeug - ein schönes Wort) drei Stunden Verspätung hatte. Im Pilotendeutsch heißt das "aufgrund urlaubsbedingt hohem Flugaufkommens im europäischen Luftraum" (deutsche Sprache - schöne Sprache). Fliegt man drei Stunden später los, kommt man drei Stunden später an. Das war schon immer so. Daran hat sich bis heute nichts geändert und wird sich wohl auch in Zukunft nichts ändern - aber wer weiß.

Als eine Stunde nachdem wir das Flughafengebäude betreten hatten und mehr als Stunde nach der Landung sich immer noch nichts auf dem Gepäckband tat, dieses sich noch nicht einmal rührte, wurden die Fluggäste unruhig - insbesondere wir Männer. (Es waren auch Frauen unter den Fluggästen, auch jede Menge Kinder und Kleinkinder.) Ein Gefühl von Aufruhr lag in der Luft, was auch daran lag, dass kein einziger Flughafenmitarbeiter um diese Uhrzeit im Flughafen auffindbar war (die Uhr zeigte bereits eine Stunde nach Mitternacht), den man hätte fragen können.

Plötzlich, völlig aus dem Nichts heraus, kamen wir Männer zusammen (die Frauen kümmerten sich um die Kinder), entriegelten eine Sicherheitstür und stürmten das Flugfeld Richtung Flugzeug, das in Sichtweite stand, und wo wir unser Gepäck vermuteten. Es dauerte nicht lange, da tauchten Mitarbeiter der Sicherheit auf, die uns ins Flughafengebäude zurückdrängen wollten. Da hatten sie aber schlechte Karten. Versuch du mal zu zweit eine Gruppe von hundert erwachsenen Männern irgendwohin zurück zu drängen.

Wie schon gesagt: Wir waren auf der Suche nach unserem Gepäck. Die Landung unseres Fliegers lag bereits mehr als eine Stunde zurück. Wir standen immer noch auf dem Flugfeld und wären wahrscheinlich bereits beim Flugzeug und an unserem Gepäck gewesen, wenn nicht die Sicherheit in Form von zwei Mitarbeitern dazwischen gekommen wäre. Die wussten zwar nichts über den Verbleib unseres Gepäcks, dafür aber die Nummer der Polizei.

Das eintreffende Polizei-Kommando wusste auch nichts von unserem Gepäck, obwohl wir die Sicherheits-Leute, die es gerufen hatte, gebeten hatten, dass die Polizei unser Gepäck doch bitte sehr gleich mitbringen soll. Immerhin versprach man beim Flughafen nachzuhaken, auf dessen Gelände wir uns zwar befanden, von dem aber immer noch jeder Mitarbeiter fehlte. Die Sicherheitstür zum Flugfeld, die wir bei unserer Fluggast-Meuterei gestürmt hatten, blieb nunmehr offen.

Das war schon mal ein gutes Zeichen und darüber hinaus ein Beweis, dass man auch heutzutage mit Meuterei weiter kommt, auch wenn nur zum Rauchen auf das Flugfeld. Was das Meutern angeht, so hatte die ganze Situation etwas von Rebellion, wie man es von '89 kennt. Die Männer gehen auf die Straße, in dem Fall das Flugfeld, und die Frauen sitzen zu hause bei den Kindern, hier am Gepäckband.

Nach eineinhalb Stunden, von unserem Gepäck immer noch keine Spur, tauchte der erste Flughafen-Mitarbeiter auf, der aber auch nichts wusste, weswegen er sich erstmal bei der Sicherheit und der Polizei erkundigen musste, was denn los sei, die aber wie gesagt auch nichts wussten. Mittlerweile wussten wir mehr als Mitarbeiter, Sicherheit und Polizei zusammen, aber mit uns sprach mal wieder keiner, ganz genauso wie '89 und auch jetzt. Die Sicherheit war wichtiger als die Fluggäste, selbst wenn diese Kinder und Kleinkinder dabei hatten.

Zum großen Show-Down kam es, als eine auswärtige Mitreisende, die mit zwei kleinen Kindern unterwegs war, den Flughafen-Mitarbeiter auf englisch fragte: "Is this normal in Germany?" Ja, es stimmt, wir waren nicht in Athen oder Ankara, auch nicht in Budapest oder Bukarest, und ebenfalls nicht im Mailand oder Madrid, sondern auf einem Berliner Flughafen. Auf welchem genau spielt dabei keine Rolle.

Wer sich etwas mit Berliner Flughäfen auskennt, weiß von welchem von den verbliebenen zwei die Rede ist. Ob Tegel oder Schönefeld, das ist an dieser Stelle ganz und gar unwichtig. Wichtiger ist: Das höchste Gut hierzulande ist nicht Gott und auch nicht Geld sondern immer nur die Sicherheit. Ist diese in Gefahr, ist dein Wohlergehen völlig sekundär. Und wenn du dabei drauf gehst, beim Bewahren der Sicherheit - das ist total egal, denn es geht schließlich um Höheres.

* Auf seinem Grabstein wird stehen: Gestorben für die Sicherheit.

Foto&Text TaxiBerlin

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